SpaceX erzielte 2025 einen Umsatz von 18,67 Milliarden Dollar – bei einem Nettoverlust von 4,94 Milliarden Dollar. Im ersten Quartal 2026 vertiefte sich das Bild: 4,69 Milliarden Dollar Umsatz, 4,28 Milliarden Dollar Verlust. Das Unternehmen verbrennt Geld in einem Tempo, das selbst für Wachstumsunternehmen ungewöhnlich ist.
Die IPO-Bewertung von 1,75 Billionen Dollar impliziert ein Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV) von etwa 94. Zum Vergleich: Nvidia, das De-facto-Rüstwerk der KI-Infrastruktur, kommt auf ein KUV von rund 21. OpenAI und Anthropic sind nicht börsennotiert, aber Branchenbeobachter schätzen ihre impliziten Multiples auf 20 bis 40. SpaceX überbietet alle – obwohl es kein KI-Unternehmen ist, jedenfalls nicht primär.
Morningstar beziffert den fairen Wert von SpaceX auf rund 780 Milliarden Dollar, also weniger als die Hälfte der Ausgabebewertung. Analysten von Quilty Space sehen den fairen Aktienkurs bei 63 Dollar – ein Abschlag von 53 Prozent zum Ausgabepreis. Am 23. Juni 2026 notierte die Aktie bei rund 154 Dollar.
Die Lücke zwischen diesen Zahlen ist kein Rechenfehler. Sie ist das eigentliche Thema.
Starlink trägt, alles andere drückt
Wer die Gewinn-und-Verlust-Rechnung aufdröselt, findet eine Asymmetrie: Starlink, der Satelliten-Internetdienst, ist die einzige profitable Sparte. 2025 steuerte sie rund 11,4 Milliarden Dollar zum Gesamtumsatz bei. Über 10 Millionen Nutzer waren im ersten Quartal 2026 angeschlossen.
Aber auch Starlink zeigt Risse. Der durchschnittliche Umsatz pro Nutzer fiel von 99 Dollar monatlich in 2023 auf 66 Dollar im ersten Quartal 2026 – ein Rückgang von einem Drittel in drei Jahren. Analysten von Quilty Space prognostizieren für Starlink bis Ende 2026 Erlöse zwischen 15 und 24 Milliarden Dollar; die Spanne ist ungewöhnlich breit, was die Unsicherheit über Preisdruck und Marktdurchdringung widerspiegelt.
Den Rest des Unternehmens subventioniert Starlink. Raketenstarts, Mars-Infrastruktur, Weltraum-Rechenzentren – alles läuft ins Minus. Die KI-Sparte, die bis Februar 2026 als eigenständige Firma xAI firmierte und seitdem als „SpaceX AI" geführt wird, verzeichnete im ersten Quartal 2026 einen operativen Verlust von 2,47 Milliarden Dollar.
Die xAI-Fusion: strategische Logik und finanzielle Last
Im Februar 2026 übernahm SpaceX xAI vollständig; im Mai folgte die Umbenennung in SpaceX AI. Die Transaktion war ein reiner Aktientausch – keine Barmittel flossen. Das hatte einen Grund: xAI hatte erhebliche Schulden angehäuft, die SpaceX nun in der Bilanz trägt.
Die Logik hinter der Fusion ist nachvollziehbar. SpaceX betreibt mit Starlink das größte kommerzielle Satellitennetz der Welt – ein Datennetz, das für KI-Inferenz in Regionen ohne terrestrische Infrastruktur potenziell relevant ist. Grok, das Sprachmodell von xAI, könnte theoretisch über Starlink-Terminals verteilt werden. Google hat eine Vereinbarung über KI-Rechenleistung mit SpaceX in Höhe von 920 Millionen Dollar monatlich geschlossen – ein konkreter Umsatzanker, der zeigt, dass andere große Technologiekonzerne auf die Infrastruktur setzen.
Dazu plant SpaceX den Kauf des KI-Coding-Startups Cursor für 60 Milliarden Dollar, Abschluss erwartet im dritten Quartal 2026. Zur Finanzierung hat SpaceX kurz nach dem IPO Investment-Grade-Anleihen im Umfang von 25 Milliarden Dollar angekündigt – weniger als zwei Wochen nach dem Börsengang.
Das ist das Signal, das Skeptiker am stärksten beunruhigt: Ein Unternehmen, das gerade 75 Milliarden Dollar eingesammelt hat, braucht sofort wieder Fremdkapital.
Was die Bewertung eigentlich preist
Musks eigene Prognose: SpaceX werde bis 2030 oder 2031 einen Umsatz von über einer Billion Dollar erzielen. Das wäre ein Wachstum um den Faktor 53 gegenüber 2025 – in fünf Jahren.
Die Bewertung ist keine Beurteilung des heutigen Unternehmens. Sie ist eine Wette auf drei Szenarien, die gleichzeitig eintreten müssten: erstens, dass Starlink seinen Preisverfall stoppt und weiter skaliert; zweitens, dass KI-Infrastruktur im Weltraum – also Rechenzentren auf Satelliten – einen echten Nachfragemarkt erschließt; drittens, dass das wiederverwendbare Starship-Raketensystem kommerziell funktioniert. Analysten von Quilty Space und anderen Häusern halten Punkt zwei und drei für ungelöste Ingenieursprobleme, nicht für absehbare Produktlinien.
Hinzu kommt die Governance-Frage. Musk kontrolliert 85,1 Prozent der Stimmrechte über eine Dual-Class-Struktur. Der Freefloat liegt bei drei bis fünf Prozent der Aktien. Aktionäre kaufen sich in ein Unternehmen ein, dessen Strategie ein Einzelner bestimmt – derselbe, der gleichzeitig Tesla und X führt. Senatorin Elizabeth Warren forderte vor dem IPO eine Verschiebung mit Verweis auf Fragen zur Unternehmensführung und zum Anlegerschutz; die SEC ließ den Börsengang zu.
EFFIZIENZ-Achse: Was die Zahlen über das Geschäftsmodell sagen
Auf der Effizienz-Achse zeigt SpaceX ein gespaltenes Bild. Im Raketengeschäft ist SpaceX durch Falcon-9-Wiederverwendung tatsächlich effizienter als jeder staatliche oder kommerzielle Wettbewerber – Startkosten pro Kilogramm in den Orbit sanken um Faktoren, nicht Prozente. Das ist belegtes Ergebnis, kein Marketing.
Die KI-Sparte kehrt dieses Verhältnis um. Ein operativer Verlust von 2,47 Milliarden Dollar in einem Quartal bei einer KI-Einheit, deren Hauptprodukt Grok von US-Bundesbehörden kaum genutzt wird, deutet auf ein Effizienzproblem hin, das sich nicht allein mit Investitionszyklen erklären lässt. Zum Vergleich: Nvidias Geschäftsmodell als Hauptausrüster der KI-Branche ist hochprofitabel.
Der Zeitmesser
Der kurze Kursrausch des Juni 2026 – von 1,77 Billionen auf 2,3 Billionen und zurück auf unter 1,5 Billionen Marktkapitalisierung innerhalb von zwei Wochen – ist weniger ein Urteil über SpaceX als ein Barometer für den breiteren KI-Bewertungszyklus. Wachstumsunternehmen mit hohen Multiples reagieren überproportional auf Zinserwartungen und Stimmungswechsel; SpaceX mit einem KUV von 94 ist extremer ausgesetzt als fast jedes andere börsennotierte Unternehmen dieser Größe.
Die nächsten Prüfsteine sind terminiert: der Abschluss der Cursor-Übernahme im dritten Quartal 2026, die Vermarktung der 25-Milliarden-Dollar-Anleihen und – entscheidender als alles andere – ob Starlink seinen ARPU-Rückgang umkehrt oder fortsetzt. Tut es Letzteres, trägt die einzige profitable Sparte weniger, als die Bewertung voraussetzt.
Ob SpaceX bis Ende 2026 wieder eine Marktkapitalisierung über 1,5 Billionen Dollar hält, hängt maßgeblich davon ab, ob der Starlink-ARPU sich stabilisiert und die Anleiheemission erfolgreich platziert wird – beides auflösbar bis Dezember 2026.
