Im Mai 2026 exportierte China rund 809.000 Pkw – 73 % mehr als im Vorjahresmonat. Davon entfielen etwa 435.000 auf Elektro- und Hybridfahrzeuge, eine Verdoppelung gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Diese Zahlen markieren eine strukturelle Verschiebung, keine Konjunkturspitze: China hat im ersten Quartal 2023 Japan und Deutschland als weltgrößten Autoexporteur abgelöst und diese Position seitdem ausgebaut.
Die Grundlage dafür wurde im Inland gelegt. 2023 wurden in China über 9 Millionen Elektrofahrzeuge produziert – fast zwei Drittel der globalen Gesamtproduktion. Im Jahr 2025 lagen die Neuzulassungen in China bei rund 13,3 Millionen batterieelektrischen und hybriden Fahrzeugen, was ebenfalls knapp zwei Dritteln der weltweiten Verkäufe entspricht. Bereits 2023 war jedes zweite weltweit verkaufte Elektroauto eine chinesische Marke.
Für Deutschland konkretisiert sich das in einer doppelten Zange: Chinesische Importe nach Deutschland stiegen im Bereich der reinen Batterieelektrofahrzeuge im Zeitraum Januar bis April 2024 auf einen Anteil von 40,9 % an den Einfuhren aus China. Gleichzeitig sanken die deutschen Pkw-Exporte nach China auf 13,6 Milliarden Euro, während die EU im gleichen Zeitraum Fahrzeuge im Wert von 22 Milliarden Euro aus China einführte – das Handelsbild hat sich innerhalb weniger Jahre umgekehrt.
Die EU hat darauf mit Strafzöllen reagiert. Deren Wirkung ist bislang begrenzt: In den ersten drei Monaten 2025 stiegen die Verkäufe chinesischer Marken in Europa um 78 %, während der Marktanteil chinesischer Batterieelektrofahrzeuge am europäischen EV-Markt mit 7,9 % stabil blieb. Chinesische Hersteller weichen auf Hybridkonfigurationen aus, expandieren in Schwellenmärkte und prüfen lokale Produktionsstätten in Europa – eine klassische Zoll-Arbitrage-Strategie. Der Kostenvorteil chinesischer Produzenten gegenüber westlichen Wettbewerbern wird auf bis zu 30 % geschätzt; wie er strukturell entsteht und ob er sich auf Dauer halten lässt, ist eine der offenen Fragen dieser Debatte.
Rohstoffe als Druckmittel: Die Rechnung stimmt schon heute
Die EV-Dominanz wäre ohne eine zweite Säule nicht möglich: Chinas Kontrolle über kritische Rohstoffe und deren Verarbeitung. Diese Kontrolle ist keine zukünftige Bedrohung, sondern eine gegenwärtige Tatsache.
China zählt bei 27 von 34 Rohstoffen, die die EU als kritisch einstuft, zu den weltweit drei größten Produzenten; bei 11 davon ist es das wichtigste Lieferland der EU. Rund 90 % der weltweiten Verarbeitung von Seltenen Erden und 60 bis 70 % der Lithiumverarbeitung liegen in chinesischer Hand. Bei schweren Seltenen Erden schätzt die EU ihre Importabhängigkeit von China auf 100 %. China liefert 93 % der weltweiten Vorprodukte aus Seltenen Erden.
Diese Konzentration ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Industriepolitik: staatlich subventionierter Aufbau von Verarbeitungskapazitäten, geringere Umweltstandards als in der EU oder den USA, strategischer Erwerb von Abbaurechten in Afrika und Lateinamerika. Dass Peking diese Position als geopolitisches Instrument nutzt, ist dokumentiert: 2010 stoppte China Exporte Seltener Erden nach Japan inmitten eines Territorialkonflikts. Aktuelle Exportkontrollen für Gallium, Germanium, Graphit und magnetische Materialien zeigen, dass dieses Instrument weiter geschärft wird.
Der Bundesverband der Deutschen Industrie schätzt, dass bei einem Wegfall von Lithiumprodukten aus China über 115 Milliarden Euro Wertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes in Deutschland gefährdet wären. Die EU hat mit dem Critical Raw Materials Act reagiert und strebt bis 2030 an, mindestens 10 % des Verbrauchs strategischer Rohstoffe durch eigenen Abbau, 40 % durch EU-Verarbeitung und 25 % durch Recycling zu decken. Ob diese Ziele termingerecht erreichbar sind, ist angesichts der erforderlichen Genehmigungsverfahren und Investitionsvolumina fraglich.
Der Technologiekonflikt: Sanktionen als Beschleuniger
Die dritte Säule ist der Halbleiter- und KI-Sektor – und hier zeigt sich ein paradoxes Muster: US-Sanktionen haben Chinas Aufholjagd in Teilen beschleunigt, statt sie zu stoppen.
Das US-Warenhandelsdefizit mit China ist von 382 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022 auf 202 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 gesunken; im ersten Quartal 2026 betrug es 33 Milliarden US-Dollar. Bei Technologiegütern – HS-Codes 84 und 85, also Computer und Vernetzung – sank das Defizit mit China um rund 70 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig stieg das US-Defizit mit ASEAN-Ländern in denselben Kategorien um etwa 80 Milliarden US-Dollar. Bei Laptops und Tablets allein sank das Defizit mit China um 24 Milliarden, während es mit ASEAN um 21 Milliarden stieg. Die Lieferkette hat sich geografisch verschoben – aber sie endet oft noch in China, weil chinesische Zulieferer Vorprodukte über Vietnam oder Malaysia schleusen.
Auf der Angebotsseite reagiert Peking mit massiven Investitionen in Eigenentwicklung. Die nationalen Ausgaben für Forschung und Entwicklung stiegen bis 2024 auf rund 507,6 Milliarden US-Dollar – ein Anstieg von 48 % gegenüber 2020. Huawei hat trotz Exportbeschränkungen einen 7-Nanometer-Prozessor für das Mate 60 Pro entwickelt und skizziert Architekturen für weitere Generationen. Chinesische Hersteller setzen verstärkt auf RISC-V, eine offene Chip-Architektur, die nicht unter US-Lizenzrecht fällt, und haben Verfahren patentiert, die es ermöglichen sollen, mit älteren DUV-Lithografieanlagen Strukturen im 5- oder 3-Nanometer-Bereich zu erreichen.
Trotzdem bleibt eine klare Asymmetrie bestehen: Eine gemeinsame Studie des ZEW Mannheim und der Goethe-Universität Frankfurt kommt zu dem Schluss, dass Chinas Patentanmeldungen bislang nicht zu Erfindungen mit großer globaler Wirkung geführt haben und das Land bei Schlüsseltechnologien weiterhin von anderen Regionen abhängig ist. Die USA führen in dieser Rangliste. Der Abstand schrumpft, aber er ist real – und der technologische Vorsprung bleibt eine der wenigen strukturellen Absicherungen des Westens in dieser Auseinandersetzung.
Gegen die Effizienz-Achse gelesen, ist das Sanktionsregime ein zweischneidiges Instrument: Es erhöht die Anreize für chinesische Eigenentwicklung, fragmentiert globale Lieferketten und erhöht die Kosten für westliche Unternehmen, die in beiden Märkten aktiv sind. Nvidia etwa musste eigene Chip-Varianten für den chinesischen Markt entwickeln, um Exportbeschränkungen zu umgehen – mit erheblichem Entwicklungsaufwand und dem Risiko, dass auch diese Versionen unter künftige Kontrollen fallen.
Shangri-La und die Grenzen der Sicherheitsarchitektur
Die vierte Säule ist geopolitischer Natur. Auf dem Shangri-La-Dialog 2026 in Singapur war China zum zweiten Mal in Folge nicht durch hochrangige Verteidigungsbeamte vertreten. Stattdessen entsandte Peking Akademiker und Experten, angeführt von Generalmajor Meng Xiangqing und dem ehemaligen Vizeaußenminister Cui Tiankai. Die Abwesenheit ist selbst eine Botschaft: China verweigert den institutionalisierten Dialog, solange er auf westlichen Bedingungen beruht.
Was die chinesische Delegation inhaltlich präsentierte, folgte dem Muster der „Global Security Initiative" – Multilateralismus, kooperative Sicherheit, Ablehnung blockbasierter Bündnisse. Meng Xiangqing warnte vor einem steigenden Risiko eines globalen Atomkonflikts und der Erosion von Rüstungskontrollabkommen. Kritiker auf dem Forum wiesen auf den Widerspruch hin: China selbst baut sein Atomwaffenarsenal aus, während es Rüstungskontrolle fordert.
Die Reaktionen der Anrainerstaaten zeigen das Spektrum der Dilemmata. Die Philippinen erklärten, keine andere Wahl zu haben, als „resilient zu sein und sich chinesischer Aggression entgegenzustellen". Japan wehrte chinesische Vorwürfe des „neuen Militarismus" ab, während seine eigene Aufrüstungsstrategie bei Nachbarstaaten Bedenken auslöst. ASEAN-Staaten betonten die Bedeutung stabiler chinesisch-amerikanischer Beziehungen – nicht aus Sympathie für Peking, sondern weil sie nicht zwischen den Polen wählen wollen.
US-Verteidigungsminister Pete Hegseth signalisierte auf dem Dialog eine verbesserte Beziehung zu China. Das ist kein Widerspruch zu den Sanktionen im Technologiesektor: Wirtschaftliche Druckpolitik und diplomatisches Gesprächsangebot schließen sich in der aktuellen US-Strategie nicht aus – sie sind Teile desselben Kalküls.
Was hält die vier Säulen zusammen
Chinas wirtschaftliche Macht ist kein Zufallsprodukt globaler Nachfrage. Der neue Fünfjahresplan 2026 bis 2030 benennt explizit das Ziel technologischer Unabhängigkeit in Schlüsselsektoren; die Investitionen in Rohstoffverarbeitung, Halbleiterentwicklung und EV-Kapazitäten folgen einer kohärenten Logik der strategischen Autarkie.
Der Rekord-Handelsüberschuss Chinas von 1,2 Billionen US-Dollar im Jahr 2025 – und 105,43 Milliarden US-Dollar allein im Mai 2026 – ist das quantifizierbare Ergebnis dieser Strategie. Er entsteht nicht nur durch Wettbewerbsvorteile, sondern auch durch ein Muster, das Kritiker als „Beggar-thy-Neighbour-Politik" bezeichnen: systematisches Drücken der Exportpreise in Sektoren, in denen chinesische Kapazitäten über die Binnennachfrage hinausgewachsen sind, kombiniert mit Marktzugangsbeschränkungen für ausländische Anbieter im Inland.
Für Deutschland und die EU stellen sich daraus drei konkrete Fragen: Wie schnell lassen sich Rohstoffabhängigkeiten durch den Critical Raw Materials Act und Partnerschaften tatsächlich reduzieren – und zu welchen Preisaufschlägen? Welchen Marktanteil werden chinesische EV-Hersteller in Europa erreichen, bevor europäische Produzenten ihre Kostenstruktur angepasst haben? Und wo genau liegt die Grenze zwischen wirtschaftlicher Verflechtung, die Stabilität schafft, und Abhängigkeit, die erpressbar macht?
Antworten darauf sind keine Frage der Außenpolitik allein. Sie hängen an Entscheidungen über Genehmigungsverfahren für Rohstoffprojekte, Investitionen in Fertigungskapazitäten und der Bereitschaft, kurzfristige Kostennachteile für langfristige Versorgungssicherheit zu akzeptieren – alles Felder, auf denen die EU bislang langsamer agiert als die Herausforderung es erfordert.
