2024 wählte die katholische Kirche in Deutschland einen historischen Tiefpunkt: 29 Männer empfingen die Priesterweihe. Für 2025 werden 25 erwartet. Das ist keine Delle – das ist struktureller Kollaps in Zeitlupe.

Gleichzeitig unterschritten beide großen Konfessionen 2024 zusammen die 45-Prozent-Marke bei der Bevölkerungszugehörigkeit. Fowid beziffert den Stand auf 23,7 Prozent Katholiken, 21,5 Prozent EKD-Evangelische. Vor siebzig Jahren gehörten über 90 Prozent der Deutschen einer der beiden Kirchen an. Das Tempo des Absturzes hat sich in den letzten Jahren nochmals beschleunigt.

Wer verstehen will, warum – und ob die Kurve noch zu biegen ist –, muss drei Fragen beantworten: Was hat der Missbrauchsskandal wirklich verändert? Wo steht die Frage der Frauen in den Kirchen? Und was bleibt, wenn man die strategische Lage nüchtern gegen externe Kräfte liest?


Der Skandal – was aufgearbeitet ist und was nicht

2018 war das Jahr der Zäsur. Die Deutsche Bischofskonferenz veröffentlichte die MHG-Studie, ausgewertet auf Basis der Personalakten von 27 Bistümern. Die EKD beschloss einen 11-Punkte-Handlungsplan. Beide Kirchen unterzeichneten 2020 eine gemeinsame Erklärung mit dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) über Standards für unabhängige Aufarbeitung.

Was seitdem entstanden ist: regionale Aufarbeitungskommissionen, verschärfte Präventioncurricula, erhöhte Anerkennungsleistungen. Das Erzbistum Köln zahlte in Einzelfällen bis zu 360.000 Euro. Die Strukturen sind formell in Bewegung.

Was nicht entstanden ist: ein konsistentes System. Die ForuM-Studie, veröffentlicht Anfang 2024 für die evangelische Kirche und Diakonie, schätzt allein für den Zeitraum 1946 bis 2020 rund 9.355 betroffene Kinder und Jugendliche, mit etwa 3.500 Beschuldigten. Ihr zentraler Befund lautet „Verantwortungsdiffusion" – niemand war zuständig, also war niemand schuldig. Die Betroffenensprecherin Nancy Janz zog sich 2023 aus dem EKD-Beteiligungsforum zurück; ihre Begründung: strukturelle Mängel, mangelnde Ernsthaftigkeit.

Der Befund über beide Konfessionen hinweg: Aufarbeitung im Sinne von Aktenauswertung und symbolischen Gesten ist vorhanden. Aufarbeitung im Sinne systemischer Konsequenzen – veränderte Machtstrukturen, durchsetzbare externe Kontrolle, einheitliche Entschädigungsstandards – fehlt weitgehend. Das ist kein Detailproblem. Es ist das Problem. Denn die Missbrauchsskandale haben nicht primär das Image beschädigt; sie haben den zentralen Anspruch der Kirchen auf moralische Autorität untergraben.


Frauen – der gespaltene Befund

Die evangelische Kirche hat die Frauenordination formal seit Jahrzehnten verankert. Der EKD-Gleichstellungsatlas 2025 weist für mittlere Leitungspositionen einen Frauenanteil von 31 Prozent aus, ein Plus von zehn Prozentpunkten gegenüber 2015. Im geteilten Leitungsamt liegt der Anteil bei knapp 50 Prozent. In Synoden waren es 2020 bereits 40 Prozent. Frauen führen heute die EKD auf mehreren Ebenen – Annette Kurschus war bis Ende 2023 Ratsvorsitzende, Kirsten Fehrs ihre Stellvertreterin, Anna-Nicole Heinrich Synodenpräses.

Der Haken liegt in der Spitze: Je höher die Hierarchiestufe, desto dünner die Luft für Frauen. Das ist das Muster fast aller institutionellen Reformen – formal offen, praktisch versperrt in den Machtzentren.

Bei der katholischen Kirche ist der Befund strukturell anders, weil die Frage der Ordination nicht offen ist. Papst Franziskus schloss die Priesterweihe für Frauen während seines Pontifikats mehrfach explizit aus; sein Nachfolger Papst Leo XIV. hat bislang keine gegenteiligen Signale gesetzt. Was es gibt: Die DBK hatte sich 2018 das Ziel gesetzt, bis 2023 ein Drittel der Führungspositionen mit Frauen zu besetzen. Die Erhebung 2023/24 zeigt 32,5 Prozent auf mittlerer und oberer Ebene – das Ziel wurde formal erreicht, 28 Prozent auf der oberen Ebene, 34 Prozent auf der mittleren. Elf Diözesen haben Leitungsmodelle neben dem Generalvikar eingeführt.

Das ist echter Fortschritt auf einer Ebene, auf der die strukturelle Decke klar definiert ist. Die Decke selbst bewegt sich nicht.


PESTLE – das externe Umfeld

Political. Die staatliche Alimentierung der Kirchen über Staatsleistungen – 2026 voraussichtlich über 666 Millionen Euro – ist verfassungsrechtlich zur Ablösung vorgesehen. Die AfD hat entsprechende Anträge gestellt. Humanistische Union und Giordano-Bruno-Stiftung betreiben seit Jahren Öffentlichkeitsarbeit gegen diese Transferleistungen. Bislang ohne Ergebnis: kein politischer Konsens für die Ablösung, kein parlamentarisches Verfahren in Sicht. Das schützt die Kirchen kurzfristig finanziell – und macht sie mittelfristig verwundbar, wenn der politische Wind dreht.

Economic. Die Kirchensteuereinnahmen lagen 2023 bei 13,3 Milliarden Euro für beide Konfessionen zusammen. Nominal stabil, kaufkraftbereinigt rückläufig. Das IW Köln hat nachgewiesen, dass die Steuereinnahmen dem Mitgliederschwund bislang strukturell trotzen – weil die verbliebenen Mitglieder im Schnitt ältere, besser verdienende Kohorten sind. Das ändert sich, sobald diese Kohorten absterben. Die Grenze, ab der die Einnahmen demografisch brechen, dürfte in den späten 2030er Jahren liegen. Die Kirchensteuer ist zudem als Abzugsposten von der Einkommensteuer absetzbar, was dem Staat jährlich rund vier Milliarden Euro kostet – ein weiterer politischer Angriffspunkt.

Social. Nur noch 39 Prozent der aktuellen Kirchenmitglieder würden sich heute erneut für die Kirche entscheiden; 2005 waren es 62 Prozent. Das ist die eigentlich alarmante Zahl – nicht die Austritte, sondern die innere Entfremdung der Verbliebenen. Austritte sind die sichtbare Oberfläche. Die Schicht darunter – nominelle Mitglieder ohne Bindung – ist dicker und für die Kirchen schwerer zu adressieren.

Technological. Digitalisierung in den Kirchen schreitet ungleichmäßig voran. Laut einer Erhebung sehen 43 Prozent Fortschritte, 18 Prozent registrieren kaum Bewegung. Die Nordkirche hat 2025 eine Digitalstrategie veröffentlicht. Digitale Verkündigung ist kein Ersatz für Gemeinschaft – aber sie kann Schwelle senken. Das Potenzial ist erkannt, die Umsetzung fragmentiert.

Legal. Kirchliches Arbeitsrecht ermöglicht Loyalitätsobliegenheiten – ein Privileg, das zunehmend unter Beschuss gerät, weil Diakonie und Caritas überwiegend aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, aber private Einstellungskriterien anlegen. Das Bundesarbeitsgericht hat in den letzten Jahren die Spielräume enger gezogen. Weitere Einschränkungen sind wahrscheinlich.

Environmental. Die Kirchen positionieren sich dezidiert in der Klimadebatte – EKD und DBK haben Klimaerklärungen veröffentlicht. Das bringt ihnen Glaubwürdigkeitskredit bei einer jüngeren, progressiven Klientel, die sie gleichzeitig über andere Felder (Sexualethik, Frauenordination) verlieren. Die Nettorechnung ist offen.


Porter – fünf Kräfte, angepasst

Porters Modell wurde für Marktunternehmen entwickelt. Auf Organisationen mit Missionscharakter übertragen, verlieren die Kategorien ihre Schärfe – aber sie gewinnen diagnostischen Wert, wenn man sie richtig justiert.

Wettbewerbsintensität (unter etablierten Anbietern). Der direkte Konfessionsvergleich ist weniger relevant als der Wettbewerb um Sinngebung insgesamt. Freikirchen, evangelikale Gemeinden und nicht-christliche Religionsgemeinschaften wachsen. Die Zahl der Konfessionslosen überschritt 2024 die 50-Prozent-Marke.

Bedrohung durch neue Anbieter. Niedrig im institutionellen Sinne – eine neue Massenkirche entsteht nicht. Hoch im funktionalen Sinne: Therapieformen, Achtsamkeitsbewegungen, Selbsthilfegruppen und politische Gemeinschaften bieten Teile des kirchlichen Angebots (Gemeinschaft, Ritual, Orientierung) ohne institutionelle Bindung.

Bedrohung durch Substitute. Hoch. Sinn, Gemeinschaft, Ethik, soziales Netz – all das ist anderswo verfügbar, oft ohne Mitgliedschaft, ohne Steuer, ohne Dogma. Das ist die tiefste strukturelle Bedrohung.

Verhandlungsmacht der „Abnehmer" (Mitglieder). Gestiegen. Wer heute in der Kirche bleibt, tut es bewusst. Er stellt Ansprüche an Glaubwürdigkeit, Reform, Transparenz – und tritt aus, wenn sie nicht erfüllt werden. Das ist eine fundamentale Machtverschiebung gegenüber dem Milieu-Katholizismus des 20. Jahrhunderts.

Verhandlungsmacht der „Lieferanten" (Klerus/Personal). Extrem gestiegen – schlicht weil das Angebot kollabiert. 25 Priesterweihen für ein Land mit 19 Millionen Katholiken sind kein Personalengpass, das ist ein Systemversagen. Evangelische Landeskirchen können bis 2030 voraussichtlich ein Drittel der Pfarrstellen wegen Pensionierungen nicht mehr besetzen. Wer nicht ersetzt werden kann, hat per se Verhandlungsmacht – nur ist diese Macht akademisch, wenn niemand da ist, der sie ausübt.


Was bleibt

Die Kirchen sind nicht am Ende ihrer gesellschaftlichen Funktion. Über 1,3 Millionen Menschen arbeiten in Diakonie und Caritas – das ist keine abstrakte Zivilgesellschaft, das sind Krankenhäuser, Pflegeheime, Kitas. Diese Infrastruktur ist real und schwer zu ersetzen.

Das eigentliche strategische Problem ist ein anderes: Die Kirchen haben ihre gesellschaftliche Stellung historisch auf zwei Säulen gestützt – moralische Autorität und Gemeinschaftsleistung. Die erste Säule ist durch den Missbrauchsskandal und die zögerliche Aufarbeitung schwer beschädigt. Die zweite Säule steht noch, ist aber immer stärker staatlich finanziert und damit weniger distinktiv kirchlich.

Was bliebe, wenn beide Säulen fallen? Institutionelle Inertia, Steuereinnahmen aus schrumpfender Basis und ein Nachwuchsmangel ohne historisches Vorbild.

Die Kurve ist noch biegbar – aber das Fenster wird enger. Die nächste Priesterweihenrunde wird das zeigen.