Die ICD-10 fasst Abhängigkeitserkrankungen unter F10–F19: psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen, unterteilt nach Stoff – Alkohol (F10), Opioide (F11), Kokain (F14) und so weiter. Das Diagnosekriterium für Abhängigkeit ist erfüllt, wenn mindestens drei von sechs Merkmalen innerhalb eines Jahres zutreffen: starkes Verlangen nach der Substanz, Kontrollverlust, körperliche Entzugssymptome, Toleranzentwicklung, fortschreitende Vernachlässigung anderer Interessen, anhaltender Konsum trotz nachgewiesener Schädigung.
Die ICD-11, seit 2022 in Kraft und von Deutschland schrittweise eingeführt, reorganisiert das Feld unter dem Block 6C4 – „Störungen durch Substanzkonsum oder durch Abhängigkeitsverhalten". Neuerung: Die Diagnosekriterien sind jetzt zu drei Paaren gebündelt, von denen zwei erfüllt sein müssen. Außerdem wurden Verhaltenssüchte formell aufgenommen – Glücksspielstörung (6C50) und Computerspielstörung (6C51). Das DSM-5 der American Psychiatric Association geht ähnlich vor, fasst Missbrauch und Abhängigkeit unter „Substanzgebrauchsstörung" zusammen und operiert mit elf Kriterien in vier Kategorien.
Was diese Systeme leisten: Sie machen Abhängigkeit messbar, vergleichbar, abrechnungsfähig. Was sie nicht leisten: Sie erklären nicht, warum jemand anfängt.
Die Lücke, die der Befund lässt
Carl Gustav Jung schrieb 1961 an den Mitgründer der Anonymen Alkoholiker einen Brief, der heute zu den meistzitierten Dokumenten der Suchtgeschichte gehört. Seine These: Das Verlangen nach Alkohol sei auf niederer Ebene dasselbe wie die spirituelle Sehnsucht nach Ganzheit – „spiritus contra spiritum", der Geist gegen den Branntwein. Sucht als fehlgeleiteter Versuch, einen Zustand zu erreichen, den Mystiker durch Kontemplation suchen.
Viktor Frankl, Begründer der Logotherapie, beschrieb parallel dazu das „existenzielle Vakuum" – ein Gefühl der inneren Leere, das entsteht, wenn der „Wille zum Sinn" frustriert wird. Frankl sah in dieser Frustration eine der zentralen Ursachen für Depression, Aggression und Sucht. Nicht die Substanz schafft das Vakuum; das Vakuum zieht die Substanz an.
Gabor Maté, kanadischer Arzt und Suchtmediziner, reformuliert das in zeitgenössischer Sprache: „Nicht warum die Sucht – sondern warum der Schmerz?" Er schätzt auf Basis seiner klinischen Arbeit, dass praktisch alle Süchtigen, mit denen er gearbeitet hat, Trauma-Erfahrungen teilen. Kausalität lässt sich daraus nicht ableiten; die Datenbasis sind keine kontrollierten Studien, sondern klinische Beobachtung. Aber die Frage bleibt: Wenn Sucht regelmäßig dort entsteht, wo Bindung gefehlt hat, wo Sinn fehlt, wo Schmerz nicht anders bearbeitbar war – was behandelt dann eine Diagnose, die nur den Stoff benennt?
Was die Neurobiologie dazu beisteuert – und was nicht
Die Neurowissenschaften haben Sucht als Gehirnerkrankung etabliert. Das Belohnungssystem – Dopamin-Ausschüttung im Nucleus accumbens, veränderte Aktivität im präfrontalen Kortex – ist bei Abhängigen strukturell anders. Das ist kein moralisches Versagen, sondern Neuroplastizität unter Extrembedingungen. Dieser Befund hat die Entstigmatisierung vorangetrieben und ist als solcher wertvoll.
Gleichzeitig zeigen neuere Studien, dass spirituelle Erfahrungen – Gebet, Meditation, intensive Zugehörigkeitsgefühle – dieselben Netzwerke aktivieren wie Substanzen, besonders das Default Mode Network, das mit Selbstbezug und Bedeutungskonstruktion verbunden ist. Eine Studie im Fachjournal Frontiers in Psychology (2022) beschreibt Korrelationen zwischen erhöhter Spiritualität und reduziertem Substanzkonsum; die Kausalrichtung bleibt aber offen. Spiritualität könnte schützen, oder Menschen mit geringerem Suchtdruck wenden sich stärker spirituellen Praktiken zu – das lässt sich aus Korrelationsdaten nicht trennen.
Was die Neurobiologie jedenfalls nicht erklärt: warum dasselbe Gehirn unter scheinbar identischen Bedingungen in einem Fall süchtig wird und im anderen nicht. Das Modell ist notwendig, aber nicht hinreichend.
Die AA und die Praxis ohne Kode
Die Anonymen Alkoholiker haben das spirituelle Suchtmodell in die Massenpraxis überführt – lange vor jeder empirischen Debatte. Das Zwölf-Schritte-Programm setzt Sucht explizit als „spirituelle Krankheit" voraus: Schritt eins ist das Eingeständnis der Ohnmacht gegenüber dem Alkohol, Schritt zwei die Anerkennung einer „Macht, die größer ist als wir selbst". Konfessionelle Bindung ist nicht notwendig – der Begriff „höhere Macht" ist bewusst offen gehalten.
Die Effektivität von AA ist schwer zu messen: Anonymität verhindert Langzeitstudien mit Kontrollgruppen, Selektionseffekte sind unvermeidbar. Umfassende Studien deuten jedoch darauf hin, dass AA wahrscheinlich besser dabei hilft, dauerhafte Abstinenz zu erreichen, als andere Interventionen – auch als professionelle Therapieprogramme in direktem Vergleich. Unter welchem Mechanismus das wirkt, bleibt Gegenstand der Forschung: Gemeinschaft, Rituale, das Narrativ der Transformation – oder der spirituelle Kern selbst?
Was fehlt – und was das bedeutet
Das Briefing stellt die richtige Frage, gibt aber keine einfache Antwort frei: Gibt es eine wissenschaftliche Basis, die „spirituelle Krise" direkt als Suchtursache klassifiziert? Nein. Korrelationen zwischen spiritueller Leere, Sinnlosigkeit und Suchtverhalten sind dokumentiert; die kausale Kette ist offen. Und „Spiritualität" ist wissenschaftlich nicht einheitlich operationalisiert – Studien messen sie mal als Religiosität, mal als Achtsamkeit, mal als Zugehörigkeitsgefühl. Die Vergleichbarkeit ist begrenzt.
Was bleibt, ist eine gut begründete Hypothese, keine Diagnose: Sucht entsteht häufig dort, wo etwas anderes fehlt – Verbindung, Sinn, der Eindruck, dass das eigene Leben einen Ort hat. Die ICD beschreibt das Phänomen am Ausgang; der spirituelle Ansatz fragt nach dem Eingang. Beides ist unvollständig ohne das andere.
Die Lücke im Klassifikationssystem ist insofern kein Defizit – sie ist ein ehrlicher Befund. Leiden, das primär aus Sinnlosigkeit oder Entfremdung entsteht, lässt sich nicht in ein Achsen-System überführen, das symptomatisch denkt. Die WHO-Klassifikation bildet ab, was sich messen lässt. Was sich einem Menschen als spirituelle Leere zeigt, liegt vor der ersten Konsumhandlung – und bleibt nach dem Entzug, wenn es nicht behandelt wird.
Was die klinische Praxis heute zeigen kann: Programme, die spirituelle Dimensionen integrieren, schneiden in bestimmten Populationen besser ab als solche, die es nicht tun. Der Mechanismus ist ungeklärt. Die Wirkung ist dokumentiert.
Sucht ist eine Gehirnerkrankung. Sie ist auch ein Zeichen, dass etwas im Leben eines Menschen nicht stimmt. Beides gleichzeitig zu halten – das ist die eigentliche therapeutische Aufgabe.
