Der Markt feierte. Die Analytiker rechneten nach.

Was sie fanden, ist weniger beruhigend als der Kursverlauf vermuten lässt.

Was das Abkommen enthält – und was es verschweigt

Das Dokument, das Pakistans Ministerpräsident Shehbaz Sharif am 19. Juni 2026 in Genf als Vermittler verkündete, ist ein Waffenstillstand, keine Friedensordnung. Kernpunkte: Die Straße von Hormus wird sofort für den Schiffsverkehr geöffnet. Die US-Seeblockade gegen iranische Häfen wird innerhalb von 30 Tagen schrittweise aufgehoben. Die USA geben eingefrorene iranische Vermögenswerte in Höhe von 25 Milliarden Dollar frei. Ein Wiederaufbaufonds von 300 Milliarden Dollar, finanziert von Golfstaaten, ist vorgesehen. Der Waffenstillstand gilt zunächst 60 Tage – in dieser Frist sollen Verhandlungen über das iranische Atomprogramm beginnen.

Was das Abkommen nicht enthält: verbindliche Vereinbarungen zur Urananreicherung, Inspektionsregime, ein Zeitplan für vollständige Sanktionsaufhebung, eine Regelung für den Libanon-Konflikt, eine geklärte Rolle Israels. Senator Bill Cassidy bezeichnete den Deal als „gröbsten außenpolitischen Fehltritt seit Jahrzehnten". Europäische Diplomaten warnten vor einem „fragilen und nicht nachhaltigen Rahmen". Präsident Trump konterte mit einem Verweis auf den Dow Jones, der ein neues Allzeithoch erreichte.

Beide Lager haben recht – über unterschiedliche Zeiträume.

Der Ölmarkt rechnet mit Erleichterung

Die Zahlen der unmittelbaren Marktreaktion sind eindeutig: Brent fiel von rund 94 Dollar Anfang Juni auf 77,80 Dollar am 18. Juni 2026. WTI rutschte unter 75 Dollar. Zu Beginn des Konflikts hatten die Preise zeitweise über 120 Dollar notiert – die Straße von Hormus, durch die etwa ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggastransports fließt, war seit Februar 2026 weitgehend geschlossen gewesen.

Goldman Sachs rechnet damit, dass sich die Ölausfuhren aus dem Persischen Golf bis Ende Juli 2026 normalisieren könnten – allerdings zunächst nur auf rund 70 Prozent des Vorkriegsniveaus. Für 2027 prognostiziert Goldman Sachs einen Brent-Preis von 75 Dollar und einen WTI-Preis von 70 Dollar pro Barrel. Die Internationale Energieagentur projiziert für 2026 und 2027 ein erhebliches Ölangebot-Überschuss, sobald sich die Nahost-Produktion vollständig erholt.

Drei strukturelle Bremsen verzögern den erhofften Angebotsstoß.

Erstens: die physische Normalisierung. Minenräumung, Infrastrukturschäden, Versicherungskosten – Experten rechnen mit Wochen bis Monaten, bis der Verkehr durch Hormus wieder das Vorkriegsniveau erreicht. Erstmals nach Kriegsbeginn überquerte ein LNG-Tanker die Straße, doch das Bild stabilisierter Handelsrouten ist Stand Mitte Juni 2026 noch Prognose, nicht Realität.

Zweitens: die iranischen Gebühren. Teheran plant, nach einer 60-tägigen Übergangszeit Transitgebühren für die Nutzung der Straße von Hormus zu erheben. Der genaue Satz ist nicht bekannt; jede substanzielle Gebühr würde die Entlastungswirkung für Importeure dämpfen und den Preis für Durchfahrten erhöhen, ohne Teherans Verhandlungsposition zu schwächen.

Drittens: die Kapazitätsfrage. Die iranische Ölproduktion war seit den Sanktionen von 2018 stark eingeschränkt. Analysten schätzen das Aufwärtspotenzial auf bis zu 3,8 Millionen Barrel pro Tag – aber wie schnell die Förderinfrastruktur repariert werden kann und wann die Exportlogistik läuft, ist Stand heute offen.

China zwischen Entlastung und Zollkorsett

Für China ist das Abkommen ein gemischtes Signal. Als größter Abnehmer iranischen Öls profitiert China direkt von niedrigeren Energiepreisen und potenziell steigendem Angebot – beides stützt das Industriewachstum und dämpft die Inflation. Günstigeres Öl entlastet außerdem die Gewinnmargen der exportorientierten Industrie.

Doch gleichzeitig bleibt das Zollregime der Trump-Administration in Kraft. Im Mai 2025 wurden die US-Zölle auf chinesische Importe von 145 auf 30 Prozent gesenkt, chinesische Gegenzölle auf US-Importe von 125 auf 10 Prozent. Das ist eine erhebliche Deeskalation gegenüber dem Hochpunkt des Handelskonflikts – aber keine Normalisierung. Seltene Erden bleiben das chinesische Druckmittel: Die USA sind nach verfügbaren Daten bei zwölf kritischen Rohstoffen vollständig und bei 29 weiteren zu über 50 Prozent von China abhängig.

Der Effekt der niedrigeren Ölpreise auf Chinas Exportdynamik ist also begrenzt. Ein billigeres Barrel hilft der Produktion – ein 30-prozentiger Zollaufschlag auf den US-Absatzmarkt bleibt. Die Nettorechnung für Chinas Außenhandel verbessert sich, aber der strukturelle Handelskonflikt ist durch das Iran-Abkommen weder gelöst noch adressiert worden.

Die Effizienz-Frage: Wer zahlt für Hormus?

Das Abkommen schafft eine neue Nutzungsgebühren-Struktur, deren Ausgestaltung noch nicht feststeht. In der Geschichte war die Straße von Hormus eine internationaler Seeweg ohne einseitige Tollgebühren – die Überfahrtsfreiheit galt als Gewohnheitsrecht des Seehandels. Teherans Ankündigung, nach 60 Tagen Gebühren zu erheben, bricht mit diesem Prinzip.

Die Effizienz-Konsequenz ist eine Kostensteigerung im globalen Rohstoffhandel, die nicht proportional zur Gefährdungslage sinkt, sobald das Abkommen hält: Selbst bei stabilem Frieden würden Transitgebühren dauerhaft in die Ölpreise eingepreist. Das trifft vor allem Länder, die keine eigenen Seestraßen-Alternativen besitzen – also fast alle asiatischen Importnationen, darunter Japan, Südkorea und China.

Die USA, deren strategische Ölreserve im Juni 2026 auf den niedrigsten Stand seit über 40 Jahren gefallen war – 340,3 Millionen Barrel –, haben kurzfristig ein Interesse an niedrigen Preisen. Mittelfristig schaffen sie mit dem Abkommen eine Gebührenabhängigkeit, die ihre eigene Nachfolge-Außenpolitik erschwert: Jede künftige Iran-Sanktion läuft durch eine Meerenge, für deren Nutzung Washington gerade zugestimmt hat, dass Teheran sie bepreisen darf.

Fragil by Design

Das stärkste Argument für das Abkommen ist trivial und wahr: Kein Abkommen wäre schlechter. Über 120 Dollar Rohöl, eine geschlossene Meerenge, Kriegsrisikoprämien auf jeden Seefrachtvertrag im Persischen Golf – das war die Alternative. Ein imperfekter Deal mit 60-Tage-Horizont ist besser als kein Deal.

Doch die Konstruktion des Abkommens ist strukturell fragil. Vier Konfliktlinien bleiben ungelöst und aktiv: das Atomprogramm, Israel im Libanon, die vollständige Sanktionsarchitektur, die Hormus-Gebührenfrage. Jede dieser Linien kann das Abkommen in den nächsten 60 Tagen platzen lassen – und Trump hat öffentlich klargestellt, dass militärische Optionen bei Vertragsbruch weiterhin auf dem Tisch liegen.

Irans Vize-Außenminister Kasem Gharibabadi rahmte das Abkommen als Beweis iranischer Stärke; Trump als Beweis amerikanischer Dominanz. Beide Narrative können nicht gleichzeitig stimmen und dienen beide dem innenpolitischen Konsum. Dass die Auslegungen so weit auseinandergehen, ist kein Zeichen eines stabilen Rahmens – es ist eine Voranmeldung für den nächsten Streit darüber, was eigentlich vereinbart war.

Goldman Sachs, die Morningstar-Analysten und die IEA prognostizieren Ölpreise, die langfristig fallen – nicht wegen des Abkommens, sondern trotz seiner Unsicherheiten, weil das globale Angebotswachstum die Nachfrage übersteigt. Für die Rohstoffmärkte ist Hormus ein Risikofaktor, der sich vom Abkommen in 60 Tagen entweder auflöst oder neu entzündet. Die Prognosen setzen auf Auflösung. Die Klauseln geben dazu wenig Garantien.