Heute stehen viele leer. Ab dem 21. Juni 2026 werden zwölf von ihnen zu Bühnen der Manifesta 16 Ruhr — einer internationalen Kunstbiennale, die unter dem Motto „This is not a Church“ fragt, was aus diesen Bauten werden soll, wenn die Gemeinden ausbleiben.
Beton als Bekenntnis
Die Architektur dieser Kirchen ist keine zufällige Formensprache. Wer die Nachkriegsbauten im Ruhrgebiet betrachtet — freistehende Glockentürme, flach geneigte Dächer, Sichtbeton, großflächige Buntglasfenster — erkennt eine bewusste Absage an den historistischen Kirchenbau des 19. Jahrhunderts. Der Wiederaufbau wollte nicht restaurieren, er wollte neu anfangen. Der Modernismus und, in schärferer Ausprägung, der Brutalismus boten dafür die Grammatik: Ehrlichkeit des Materials, Klarheit der Konstruktion, Licht als theologisches Argument.
Diese Bauten entstanden nicht nur aus Glauben, sondern aus Gemeinschaftsleistung. Viele Kirchenschiffe wurden von Gemeindemitgliedern mitgebaut — Schichtarbeiter, die nach der Hüttenschicht Steine schleppten. Das gibt den Gebäuden eine doppelte Bedeutungsschicht: Sie sind Sakralraum und gebautes bürgerschaftliches Engagement zugleich, Architektur und soziale Praxis in einem. Der LWL — Landschaftsverband Westfalen-Lippe — erforscht diesen Kirchenbau nach 1945 systematisch und betont seine Stellung als unterschätztes Kapitel der Architekturgeschichte.
Über tausend Kirchen, viele davon gefährdet
Im Ruhrgebiet wurden nach dem Zweiten Weltkrieg über tausend Kirchen errichtet. Bundesweit zählt Deutschland rund 45.000 Kirchengebäude; schätzungsweise 5.000 bis 6.000 davon entstanden nach 1945. Der Bedeutungsrückgang vollzieht sich schnell: Prognosen gehen davon aus, dass in den kommenden zehn Jahren rund die Hälfte aller deutschen Kirchengebäude ihre sakrale Nutzung verlieren wird. In Nordrhein-Westfalen könnten bald 30 Prozent der Kirchen keine regulären Gottesdienste mehr halten; in NRW gibt es derzeit rund 6.000 Kirchengebäude, von denen langfristig 25 bis 30 Prozent leerfallen könnten.
Bundesweit stehen in den nächsten zehn Jahren über 20.000 Kirchengebäude vor der Entwidmung — ein Prozess, der rechtlich und emotional belastet ist. Entwidmung bedeutet, dass ein Gebäude seinen Status als geweihter Ort verliert. Für viele Gemeinden ist das eine Niederlage; für Kommunen, Denkmalschützer und Stadtplaner beginnt damit erst die eigentliche Herausforderung.
Hinzu kommt ein strukturelles Finanzierungsproblem. Die Kirchen als Eigentümer der Gebäude verlieren durch sinkende Mitgliederzahlen kontinuierlich Kirchensteuereinnahmen — und damit die Mittel für Instandhaltung, Heizung, Sanierung. Für Nachkriegskirchen, die nach sieben Jahrzehnten technisch erneuerungsbedürftig sind, ist das ein Teufelskreis: Je weniger Nutzung, desto weniger Einnahmen; je weniger Einnahmen, desto schlechter der Zustand; je schlechter der Zustand, desto unattraktiver für jede Nachnutzung.
Denkmalschutz: Rettung mit Nebenwirkungen
Denkmalschutz gilt bei Kirchengebäuden als zweischneidiges Instrument. Einerseits sichert er den Bestand und verhindert den Abriss von Bauten mit architekturhistorischem Wert — gerade bei Nachkriegskirchen, deren Qualität lange unterschätzt wurde. Die Baukultur NRW setzt sich ausdrücklich für den Erhalt dieser Gebäude ein und hat entsprechende Initiativen angestoßen, darunter das Programm „Zukunft – Kirchen – Räume“.
Andererseits schränkt Denkmalschutz die Umbaumöglichkeiten ein: Einbauten, die den Charakter des Baus verändern, neue Fensteröffnungen, veränderte Grundrisse — all das erfordert Genehmigungen, die die Denkmalbehörden nicht immer erteilen. Wer einen Kirchenraum in ein Restaurant, ein Museum oder eine Wohnanlage umwandeln will, stößt schnell an diese Grenzen. Der Spagat zwischen Erhaltungsauflage und wirtschaftlicher Tragfähigkeit einer Nachnutzung ist real und selten elegant zu lösen.
Was die Manifesta 16 Ruhr tut — und was nicht
Die Biennale hat für ihre Ausschreibung „This is not a Church“ über 200 Bewerbungen erhalten und daraus zwölf Kirchenstandorte in Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen ausgewählt. 106 Kunstschaffende und Kollektive aus 30 Ländern sind beteiligt, darunter 64 neu produzierte Auftragsarbeiten. Das Budget der Manifesta 16 Ruhr beträgt 9,8 Millionen Euro. Der Eintritt ist kostenlos.
Creative Mediator Josep Bohigas, Architekt und Stadtplaner, entwickelt ein urbanistisches Forschungskonzept, das die Kirchen in ihre Stadtteile einbettet und die Frage stellt, welche öffentliche Funktion diese Räume künftig übernehmen könnten. Kurator Gürsoy Doğtaş verantwortet das künstlerische Programm, das institutionelle Kritik, Queer Studies und Rassismusdebatte einbezieht. Lokale Gemeinschaften und Initiativen wurden durch Open Calls in die Programmgestaltung einbezogen.
Was die Manifesta leistet, ist Sichtbarkeit: Sie macht das Problem der leerstehenden Nachkriegskirchen für ein breites Publikum sinnlich erfahrbar. Was sie nicht leistet — und nach eigener Aussage auch nicht leisten will — sind fertige Nachnutzungskonzepte oder langfristige Finanzierungsmodelle. Die Biennale endet am 4. Oktober 2026; was danach mit den zwölf Standorten geschieht, ist offen. Dieser Punkt ist nicht als Kritik gemeint, sondern als analytische Einordnung: Ein Kunstfestival kann eine Debatte anstoßen, aber keine Immobilienstrategie ersetzen.
Umnutzung: Was trägt, was scheitert
Vergleichsbeispiele aus dem deutschsprachigen Raum zeigen ein gemischtes Bild. Kulturelle Nutzungen — Konzerte, Lesungen, Ausstellungen — werden von Bevölkerung und Denkmalpflegern am breitesten akzeptiert, weil sie den sakralen Raumcharakter respektieren und zugleich öffentlich zugänglich bleiben. Die Martinikirche in Bielefeld wurde zum Restaurant umgebaut, die Kreuzkirche in Köln zur Jugendherberge, die Dominikanerkirche im belgischen Maastricht zur Buchhandlung — letztere ist inzwischen eine international bekannte Destination. In Berlin beherbergt die Eliaskirche ein Kindermuseum. In Hürth wurde die St. Ursula-Kirche zur Kunstgalerie.
Diese Beispiele zeigen: Umnutzung gelingt, wenn Nutzungskonzept, Eigentümerinteresse, Denkmalschutz und Finanzierung gleichzeitig zusammenpassen. Das ist selten. Für Nachkriegskirchen kommt erschwerend hinzu, dass ihre architektonischen Eigenschaften — große, schlecht gedämmte Betonflächen, hohe Hallen, schwer beheizbare Räume — betriebswirtschaftlich ungünstig sind. Die energetische Ertüchtigung kollidiert oft mit denkmalpflegerischen Auflagen. Wohnnutzung wiederum ist im sakralen Raumgefüge schwer unterzubringen und gilt in der öffentlichen Debatte als besonders symbolisch belastet.
Die Initiative „Kirchen als Vierte Orte“ — in Anlehnung an den sozialwissenschaftlichen Begriff des informellen Begegnungsraums nach Bibliothek, Café und Park — versucht, Kirchenräume als offene, nicht-kommerzielle Gemeinschaftsorte neu zu rahmen. Das klingt nach Kulturpolitik-Vokabular, trifft aber einen realen Bedarf: In vielen Ruhrgebietsquartieren fehlen solche Orte, seit Bergbau-Sozialeinrichtungen, Vereinsgaststätten und Nachbarschaftstreffs verschwunden sind.
Was auf dem Spiel steht
Die Effizienz-Achse dieses Problems liegt auf der Hand: Tausende von Gebäuden, die Energie verbrauchen, Instandhaltungskosten verursachen und kaum genutzt werden, sind eine strukturelle Belastung. Aber die rein betriebswirtschaftliche Betrachtung übersieht, was diese Bauten in den Stadtteilen bedeuten: Sie sind oft die einzigen nicht-kommerziellen Innenräume einer Nachbarschaft, die öffentlich zugänglich sind. Ihr Verlust wäre nicht nur ein architektonischer, sondern ein sozialer.
Die Demokratie-Dimension ist subtiler, aber vorhanden. Nachkriegskirchen entstanden in vielen Fällen als Gemeinschaftsprojekte in einer Zeit, in der demokratische Teilhabe und zivilgesellschaftliches Engagement nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes neu erprobt wurden. Ihre Aufgabe ohne Nachnutzungskonzept würde bedeuten, kollektiv errichtete öffentliche Infrastruktur einfach aufzugeben — ein Signal, das über Gebäude hinausgeht.
Ob die Manifesta 16 Ruhr dazu beiträgt, dass die zwölf ausgewählten Standorte nach Oktober 2026 dauerhaft neue Nutzungen finden, bleibt abzuwarten. Kirchenverwaltungen, Kommunen und zivilgesellschaftliche Träger stehen dann vor denselben Fragen wie zuvor — nur mit etwas mehr öffentlicher Aufmerksamkeit im Rücken.
