Das stärkste Argument für Schulschließungen

Wer die kurzfristigen Schutzmaßnahmen als bloße Kapitulation abtut, macht es sich zu leicht. Bei über 40 Grad Außentemperatur und nachgewiesenen 53 Grad in geschlossenen Schulräumen ist die Abwägung keine ideologische Frage. Die Hitzewelle 2003 forderte in Frankreich fast 15.000 Todesopfer – ein Versagen des Staates, der damals nicht rechtzeitig reagierte. Der „Plan Canicule" von 2004 mit seinen vier Warnstufen, den Kühlzentren, den gezielten Besuchen bei alleinstehenden Älteren, ist eine direkte institutionelle Antwort darauf. Er funktioniert. Zwischen 2014 und 2022 starben in Frankreich schätzungsweise zwischen 29.612 und 34.975 Menschen an Sommerhitze – eine erschreckende Zahl, die aber im Verhältnis zur gestiegenen Hitzehäufigkeit und -intensität zeigt, dass die Frühwarnsysteme Schaden begrenzen.

Schulschließungen schützen die vulnerabelste Gruppe. Kinder regulieren Körpertemperatur schlechter als Erwachsene, können ihren Aufenthaltsort nicht selbst bestimmen, sitzen in Gebäuden, die niemand für 43-Grad-Sommer gebaut hat. Das Bildungsministerium hat keine andere kurzfristige Wahl.


Was diese Logik verdeckt

Genau das ist das Problem.

Die Schulschließung ist die Reaktion auf einen Zustand, der nicht hätte entstehen müssen. Nicht die Hitze ist neu – neu ist ihre Frequenz, Dauer und Intensität als Folge eines Klimawandels, den die Politik seit Jahrzehnten begleitet, kommentiert und unzureichend bekämpft hat. Seit 2015 werden Hitzewellen in Frankreich länger und heißer. Der Klimawandel hat die Temperaturen in Teilen Westeuropas um bis zu 4 Grad Celsius erhöht. 2022 war das tödlichste Hitzejahr Europas seit 2003 – 61.672 Tote auf dem gesamten Kontinent.

Und die Schulen? Rettungsdecken als Fensterfolie. Privatventilatoren im Gepäck der Lehrkräfte. Das sind keine vorübergehenden Notlösungen – das ist der Normalzustand, auf den sich ein staatliches Schulsystem eingestellt hat, weil der strukturelle Eingriff ausgeblieben ist.

Das Bewertungskriterium lautet Effizienz staatlichen Handelns. Daran gemessen ist die Bilanz verheerend: Frankreich hat einen „Dritten Nationalen Klimaanpassungsplan" (Pnacc-3) mit 52 Maßnahmen verabschiedet, plant bis 2030 360 begrünte Schulhöfe in Paris, hat einen „Plan Eau" mit Zielen zur Wassereinsparung – und tut das alles, nach Einschätzung der Umweltorganisationen Réseau Action Climat und France Nature Environnement, ohne ausreichende Finanzierung und ohne klare Koordination. Ein Plan ohne Budget ist eine Pressemitteilung.

Deutschland steht nicht besser da. Keinen nationalen Hitzeaktionsplan, föderale Zuständigkeitszersplitterung, Bestrebungen auf Länderebene – aber kein bindendes System. Österreich und Portugal haben Pläne. Die Umsetzungsdichte variiert erheblich.


Was Effizienz hier bedeutet

Effizienz ist kein Synonym für Sparsamkeit. Es ist das Verhältnis von Mittel zu Wirkung. Und das Verhältnis ist eindeutig: Allianz Trade schätzt, dass Frankreich zwischen 2026 und 2030 bis zu 206 Milliarden Euro an wirtschaftlichen Kosten durch Hitzewellen verlieren könnte – überwiegend durch sinkende Arbeitsproduktivität. Schulschließungen sind da noch gar nicht eingerechnet: verlorene Unterrichtszeit, ungeklärter Lernrückstand, fehlende Notfallbetreuung für Kinder, deren Eltern nicht einfach zu Hause bleiben können.

Eine Studie von 2019 belegt, dass hohe Temperaturen im Klassenzimmer das Lernen direkt beeinträchtigen. Welche Schwellenwerte gelten, ab wann Schulen schließen müssen, was mit dem Unterricht danach geschieht – es gibt keine einheitlichen Regeln. Keine klaren Temperatur-Grenzwerte, keine Auffangpläne, keine Datenerhebung über kumulative Ausfälle über mehrere Jahre.

Das ist keine Kleinigkeit. Es ist strukturelle Gleichgültigkeit gegenüber einer absehbaren, messbaren und wiederkehrenden Krise.


Was die Klimaanlagen-Debatte zeigt

Ein Detail ist aufschlussreich: Jean-Luc Mélenchon lehnt flächendeckende Klimaanlagen in Schulen ab, Marine Le Pen bezeichnet sie als notwendiges Gesundheitsmittel. Beide haben – in ihrer jeweiligen Logik – einen Punkt. Klimaanlagen verbrauchen Energie und verschärfen den städtischen Wärmeinseleffekt. Ohne sie sterben Menschen. Das ist kein ideologisches Patt, sondern ein Symptom: Wenn eine Gesellschaft über Klimaanlagen streitet, statt über die Frage, warum Schulgebäude in einem Land, das 4 Grad Erwärmung bis 2100 offiziell einplant, noch immer ohne Wärmedämmung, Beschattung und Belüftung auskommen müssen – dann hat die Politik ihre eigene Agenda verloren.

Paris plant die Umwandlung von 360 Schulhöfen in „Oasen“ bis 2030. Das ist gut. Es ist auch das, was man tut, wenn man weiß, dass man die Ursachen nicht mehr rechtzeitig beseitigt.


Reaktion oder Politik

Es gibt eine klare Grenze zwischen staatlichem Schutzreflex und staatlicher Klimapolitik. Schulschließungen, Alkoholverbote auf öffentlichen Plätzen, SNCF-Empfehlungen, Kühlzentren – das sind Schutzreflexe. Sie sind notwendig. Sie sind keine Politik.

Politik wäre: verbindliche Sanierungsstandards für öffentliche Gebäude, die Hitzeresistenz als Pflichtkriterium setzen. Ein nationales Monitoring von Unterrichtsausfällen durch Klimaereignisse. Finanzierung, die den Namen verdient. Koordination zwischen Bund, Regionen und Kommunen.

Stattdessen regiert Frankreich mit dem Plan Canicule: Warnen, schließen, zählen.

Das rettet Leben in akuten Krisen. Es bereitet nicht vor auf die nächste – und die übernächste.