Wenn Claudio Feliciani und sein Team an der Universität Navarra und der University of Tokyo freie Gruppen in einem Raum laufen ließen, drehten sich diese fast ausnahmslos gegen den Uhrzeigersinn – ohne Anweisung, ohne erkennbaren Auslöser, in Spanien wie in Japan.

Entdeckt haben die Forscher das Phänomen nicht durch gezieltes Suchen. Es fiel ihnen während Studien zum Social Distancing in der Covid-19-Pandemie auf – eine jener wissenschaftlichen Zufallsbeobachtungen, die hartnäckiger bleiben als die ursprüngliche Fragestellung. Die Studie erschien in Nature Communications unter dem Titel „Individual locomotor bias drives counterclockwise motion in pedestrian crowds".

Was die Daten zeigen

Das Muster ist stabil. Es tritt auf in begrenzten Räumen, auf Schulhöfen, auf offenen Feldern. Es ändert sich nicht mit der Gruppengröße. Männer und Frauen zeigen es gleichermaßen. Rechts- und Linkshänder unterscheiden sich nicht signifikant voneinander. Auch Fuß- und Augendominanz schieden als Erklärung aus – die Forscher testeten sie und fanden keinen Zusammenhang.

Ein Befund sticht heraus: Bei Kindern ist die Tendenz stärker ausgeprägt als bei Erwachsenen. Was das bedeutet, ist noch offen. Es könnte auf eine biologische Grundlage hinweisen, die mit zunehmender sozialer Prägung überlagert wird. Es könnte auch Messartefakt sein.

Was die Studie ausdrücklich ausschließt: Der Linksdrall entsteht nicht durch kollektive Dynamik zwischen den Gehenden. Nicht die Gruppe erzeugt das Muster – das Muster entsteht aus individuellen Bewegungsentscheidungen, die sich dann im Kollektiv summieren. Das ist methodisch relevant, weil es den Erklärungsrahmen verschiebt: Wer das Phänomen verstehen will, muss nicht in der Sozialdynamik suchen, sondern in der einzelnen Person.

Was die Forschung nicht weiß

Hier beginnt das eigentlich Interessante. Die Studie ist in ihrer Ausschlussliste beeindruckend – und in ihrer Erklärungskraft bescheiden. Händigkeit, Geschlecht, Kultur, Raumgeometrie, Gruppeninteraktion: alles geprüft, keines trägt. Was übrig bleibt, ist eine offene Gleichung.

Diskutiert werden neurologische Ursachen. Im menschlichen Gehirn gibt es Nervenzellen, die richtungsabhängig feuern – je nachdem, ob sich jemand im oder gegen den Uhrzeigersinn bewegt, sind unterschiedliche Zellpopulationen aktiv. Ob diese Asymmetrie kausal für den Linksdrall ist, bleibt Spekulation; der kausale Pfad vom Neuron zur Körperdrehung ist nicht belegt. Auch die Hypothese, eine Hemisphärendominanz könnte die Präferenz erzeugen, kursiert – ohne dass die vorliegenden Studien sie stützen oder widerlegen könnten.

Die genaue neurologische oder biomechanische Ursache ist nach aktuellem Forschungsstand unbekannt. Niemand hat bislang ein Modell vorgelegt, das die Altersabhängigkeit, die kulturelle Invarianz und den Individualcharakter des Musters gleichzeitig erklärt.

Der Spiegel im Sport und im Alltag

Dass die Beobachtung nicht im Labor endet, macht sie plastisch. Leichtathletik-Bahnen sind gegen den Uhrzeigersinn angelegt. Pferderennen verlaufen in vielen Ländern in derselben Richtung. Supermarktbetreiber führen Kunden oft unbewusst oder bewusst entlang derselben Kurve, weil Studien nahelegen, dass die Richtung das Einkaufsverhalten beeinflusst.

Ob diese Alltagsarrangements den Linksdrall spiegeln, verstärken oder schlicht zufällig entstanden sind – das ist nicht geklärt. Die Parallelität ist auffällig genug, um ernst genommen zu werden, zu dünn belegt, um als Beleg zu dienen.

KI-Modelle: Werkzeug, kein Erklärer

Hier ist Präzision nötig. Agentenbasierte Simulationen – Modelle, in denen viele autonome Einheiten nach einfachen Regeln interagieren – sind seit Jahren ein Standardwerkzeug der Crowd-Forschung. Die Universität Innsbruck etwa nutzte solche Modelle, um Schwarmverhalten zu analysieren.

Was diese Modelle können: kollektive Muster aus individuellen Regeln erzeugen und testen, unter welchen Parametern ein Verhalten kippt. Was sie nicht können: erklären, woher eine individuelle Bewegungspräferenz stammt. Wenn man einer Simulation beibringt, dass Agenten leicht nach links driften, produziert sie Linksdrall. Das ist Replikation, keine Erklärung. Das Ursprungsproblem – warum die individuelle Präferenz existiert – bleibt unberührt. KI-Modelle sind hier diagnostisches Werkzeug, nicht Antwort.

Was bleibt

Feliciani und sein Team haben etwas Robustes gefunden: ein Verhaltensmuster, das sich gegen nahezu jede naheliegende Erklärung sperrt. Das macht es wissenschaftlich wertvoll – und medial verführerisch. Die Gefahr ist, das Rätsel vorschnell zu schließen, entweder durch neurowissenschaftliche Metaphern, die mehr klingen als sie leisten, oder durch den Verweis auf KI-Modelle, die das Phänomen reproduzieren, ohne es zu verstehen.

Der Stand ist nüchterner: Ein biologisches Substrat ist wahrscheinlich, aber nicht identifiziert. Der Alterseffekt – stärker bei Kindern – könnte der Schlüssel sein. Wenn eine künftige Längsschnittstudie zeigt, wie sich die Tendenz mit dem Alter verändert und mit welchen Entwicklungsprozessen das korreliert, würde das den Suchraum erheblich einengen.

Bis dahin dreht die Frage weiter – gegen den Uhrzeigersinn.