Dazwischen: eine Sperrung, 11.000 gestrandete Seeleute, ein Friedensmemorandum, ein Angriff auf ein Frachtschiff und die Frage, ob sich die Normalisierung trägt oder ob sie das nächste Schockereignis nur aufsetzt.
Die Straße von Hormus ist 33 bis 55 Kilometer breit. Durch sie flossen 2024 täglich rund 20 Millionen Barrel Rohöl und Mineralölprodukte sowie etwa ein Fünftel des globalen LNG-Handels. Kein anderer Engpass der Welt bündelt so viel Energieversorgung auf so wenig Wasser.
Das Auf und Ab der Exporte
Im Mai 2026 lagen Irans Rohöl- und Kondensatexporte bei unter 300.000 Barrel pro Tag – dem niedrigsten Stand seit mindestens sechs Jahren. Gleichzeitig sank die iranische Rohölproduktion von 2.875 Tausend Barrel pro Tag im April auf 2.330 Tausend Barrel pro Tag im Mai 2026. US-Blockade, Kriegsrisiko-Prämien der Reedereien, entzogene Versicherungsdeckungen: All das traf zusammen.
Nach dem Memorandum of Understanding zwischen Washington und Teheran kehrten die Exporte zurück – abrupt. TankerTrackers zufolge wurden allein in den sechs Tagen nach der Einigung rund 36 Millionen Barrel Rohöl verschifft; weitere 36 Millionen Barrel verblieben noch in iranischen Gewässern.
Das ist keine graduelle Entspannung. Das ist ein aufgestauter Fluss, der einen Damm überläuft.
Die Folge für den Marktpreis war unmittelbar: Brent fiel unter 72,48 Dollar, das Niveau vor Kriegsbeginn. Nach einem Zwischenfall am 25. Juni – einem Angriff auf ein unter singapurischer Flagge fahrendes Frachtschiff im Golf von Oman – zog der Preis auf 75,84 Dollar an. Der Schiffsverkehr hat sich erholt, liegt aber mit etwa 70 bis 100 Durchfahrten täglich noch unter dem Vorkriegsniveau von 100 bis 130.
Oman als Gelenk
Die schnelle Normalisierung wäre ohne Oman kaum denkbar gewesen. Maskat vermittelte zwischen Teheran und Washington, betonte die Freiheit der Schifffahrt ohne Transitgebühren und hält seitdem eine gemeinsame Arbeitsgruppe mit dem Iran am Laufen, die ein Verwaltungsrahmenwerk für die Meerenge entwickeln soll.
Das klingt technisch. Es ist es nicht.
Iran beansprucht in dieser Konstellation das Erlaubnisrecht für Kriegsschiffe in der Straße – eine Position, die dem UNCLOS-Grundsatz der friedlichen Durchfahrt widerspricht. Die Frage, ob die vereinbarte Verwaltung iranische Kontrolle institutionalisiert oder einrahmt, ist noch offen. Oman plant, die anderen Anrainerstaaten des Persischen Golfs zu konsultieren; deren Zustimmung ist nicht gesichert.
Die FAZ formulierte es treffend: Die Frage zur Straße von Hormus ist zum Test für Oman geworden. Schafft Maskat es, einen verbindlichen Rahmen durchzusetzen, der weder als iranischer Mautweg noch als westliches Protektorat wahrgenommen wird? Der Angriff auf das Frachtschiff kurz nach Verhandlungsbeginn zeigte, wie schmal dieser Grat ist – die IMO stoppte daraufhin vorübergehend ihre Evakuierungsoperationen.
Was die Preise verraten
Die Österreichische Nationalbank hat die kurzfristige Reaktion des Ölpreises auf eine Hormus-Sperre modelliert. Eine Totalsperre ohne Gegenmaßnahmen würde Brent in den Korridor von 101 bis 146 Dollar treiben; mit Gegenmaßnahmen – Pipeline-Umleitung, Freigabe strategischer Reserven – auf 86 bis 107 Dollar. Im Mai 2026 lag Brent bei rund 117 Dollar pro Barrel, etwa 63 Prozent über dem Niveau vor Kriegsbeginn. Das entspricht der unteren Hälfte des Worst-Case-Szenarios mit Gegenmaßnahmen.
Analysten betonen eine Besonderheit: Bis zur Hälfte der Preissteigerung nach einem Schockereignis ist psychologisch bedingt. Der Markt preist nicht nur den aktuellen Ausfall ein, sondern die Möglichkeit weiterer Eskalation. Das macht Prognosen systematisch schwerer und die Volatilität strukturell höher, solange das politische Arrangement fragil bleibt.
Die Europäische Zentralbank projiziert für 2026 eine Inflation von 2,6 Prozent in der Eurozone; die Österreichische Nationalbank nennt 2,7 Prozent, im ungünstigeren Szenario bis zu 4 Prozent. Direkt trifft Europa dabei weniger als Asien: Nur etwa 12 Prozent der EU-Ölimporte und 14 Prozent der LNG-Importe passieren die Straße von Hormus. China, Indien und Japan tragen deutlich größere Direktanteile – und reagieren entsprechend nervöser.
Die indirekte Verwundbarkeit
Für Deutschland sind es die indirekten Kanäle, die zählen.
Das ifo Institut berechnete im März 2026, dass eine Blockade über vier Wochen zu erheblichen Verzögerungen in globalen Lieferketten führt. Chemische Vorprodukte, Farben, Lacke, Düngemittel, Helium für die Halbleiterfertigung – all das kommt aus oder durch die Golfregion. Japan, stark abhängig von dortigen Öl- und Gaslieferungen, würde im Stressfall weniger Elektronik nach Europa exportieren können. Das ist kein abstraktes Risiko, sondern ein konkreter Lieferkettenpfad, der sich 2022 bei russischem Gas schon einmal in Echtzeit gezeigt hat.
Baumaterialpreise, explizit im Analyseauftrag, bleiben im verfügbaren Material nicht direkt quantifiziert. Was die Briefings belegen: Lieferkettenstörungen bei Chemievorprodukten und Düngemitteln treffen auch Bauhilfsstoffe indirekt. Eine Zahl fehlt hier – das ist als Lücke zu benennen, nicht zu überbrücken.
Was trägt, was bricht
Die IMO koordiniert Transitrouten und hat Sicherheitsgarantien für über 11.000 Seeleute vermittelt. Militärs aus 30 Ländern planen einen Sicherungseinsatz; Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, die Niederlande und Großbritannien haben grundsätzliche Beteiligung signalisiert. Trumps Forderung nach NATO-Engagement folgte.
Das ist viel Absichtserklärung, wenig Verbindlichkeit. Ein Marineeinsatz in einem aktiven Konfliktgebiet trägt eigene Risiken; ZDF-Experten warnten explizit vor einer Unterschätzung der operativen Komplexität. Strategische Reserven können einen Ausfall einige Wochen überbrücken – nicht Monate.
Das eigentliche Testprogramm läuft jetzt. Die Fördermenge im Iran bleibt mit rund 2,4 bis 2,8 Millionen Barrel täglich signifikant unter dem Vorkriegsstand. Der Schiffsverkehr erholt sich, aber langsam. Das MoU regelt Absichtserklärungen, keine Kontrollmechanismen. Und Iran hat die Straße von Hormus im Verlauf der Krise schon mehrfach für gesperrt erklärt – zuletzt nach israelischen Angriffen auf den Libanon –, ohne dass die USA jedes Mal zustimmten.
Der Brent-Preis um 75 Dollar ist kein Gleichgewicht. Er ist ein Waffenstillstandspreis.
Hypothesen
H1: Bleibt das MoU zwischen den USA und dem Iran bis Oktober 2026 formell in Kraft und kommt es zu keinem weiteren Angriff auf Handelsschiffe, fällt Brent bis Jahresende 2026 nachhaltig unter 70 Dollar. Auflösung: 31.12.2026.
H2: Scheitern die Verwaltungsverhandlungen zwischen Iran und Oman, und beansprucht Iran einseitig Transitgebühren oder Erlaubnisrechte bis Ende Q3 2026, steigt Brent erneut über 90 Dollar. Auflösung: 30.09.2026.
