Taj ist kein Einzelfall. Rund zwölf bis fünfzehn Mitglieder des iranischen Betreuerstabs, darunter medizinisches und sicherheitsbezogenes Personal, blieben ohne US-Visum. Die Spieler flogen nach Ankara, gaben ihre Pässe an der US-Botschaft ab und warteten.
Das ist der Befund, der der WM 2026 vorausläuft, noch bevor ein Ball rollt.
Das Zwei-Klassen-Turnier
Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 findet in drei Ländern statt: den USA, Kanada und Mexiko. Für die meisten der 48 qualifizierten Nationen ist das eine Logistikfrage. Für den Iran ist es eine politische.
Das Department of Homeland Security und das US-Außenministerium treffen Einreiseentscheidungen auf Basis nationaler Sicherheitsinteressen – unabhängig davon, ob ein Turnier läuft oder nicht. Die iranischen Spieler bekamen letztlich Visa, aber unter Auflagen: Einreise frühestens 48 Stunden vor dem Anpfiff, Ausreise noch am Spieltag. Das Trainingslager verlegte die Mannschaft von Arizona nach Tijuana, Mexiko – geografisch nah, administrativ eine andere Welt.
Trainer Amir Ghalenoei nannte sein Team das „am stärksten benachteiligte" bei diesem Turnier. Der Verband sprach von „rachsüchtigem Verhalten". Die US-Behörden verwiesen auf Sicherheitsbedenken und einen aktiven Konflikt; mehr Begründung kam nicht.
Was hier sichtbar wird: Der Gastgeber eines globalen Turniers behält sich das Recht vor, zu entscheiden, wer unter welchen Bedingungen teilnimmt – und zwar nicht sportrechtlich durch die FIFA, sondern souveränitätsrechtlich durch den Staat. Diese Lücke zwischen FIFA-Recht und nationalem Recht ist strukturell, kein Versehen.
Die FIFA als Briefkasten
Die FIFA hat zugesichert, dass Visa-Angelegenheiten geklärt würden. Präsident Gianni Infantino wurde dafür von iranischer Seite scharf kritisiert – die Erklärung ohne Wirkung sei schlechter als Schweigen. Der Verband kann keine souveränen Einreiseentscheidungen überstimmen. Das ist keine Schwäche der Organisation, sondern eine Grenze ihrer Rechtsstellung.
Was die FIFA tun kann und getan hat: Beschleunigung von Terminen. Das sogenannte FIFA-Pass-System priorisiert Ticketinhaber bei US-Visainterviews – ein bürokratisches Pflaster, das das Grundproblem nicht berührt. Für Fans aus dem Iran, Haiti und einigen weiteren Ländern mit aktiven Einreiseverboten in die USA gibt es keine Beschleunigung, die hilft. Das Einreiseverbot gilt.
Für iranische Fans war das Turnier damit faktisch nicht zugänglich. Kein Ticket, keine Anreise, keine Stadionatmosphäre.
Was Effizienz hier bedeutet
Gemessen an der Effizienz-Achse – Verfahrensdauer, Planbarkeit, Gleichbehandlung der Teilnehmer – produziert die aktuelle Konstellation erhebliche Reibungsverluste.
Ein Fußballteam, das sein Trainingslager aus Visagründen ins Nachbarland verlegt, trägt einen strukturellen Wettkampfnachteil. Trainingseinheiten werden kürzer, Reisewege länger, die Routine des Teams gestört. Spieler sind mit Unwägbarkeiten wie der Gültigkeit ihrer Visa nach einer Ausreise konfrontiert – eine Belastung, für die kaum ein anderes WM-Team Lösungskapazität aufwenden musste.
Andere Delegationen und Schiedsrichter hatten laut Briefinglagen ebenfalls Visa-Schwierigkeiten – die Datenlage dazu ist dünn, es fehlen publizierte Einzelfälle. Was sich belegen lässt: Die Situation ist nicht auf den Iran beschränkt, aber dort am schärfsten dokumentiert.
Die Frage, wie ein Turnier-Gastgeber Gleichheit der Wettkampfbedingungen garantiert, wenn nationale Sicherheitsgesetze die Bewegungsfreiheit einzelner Teams einschränken, ist bislang unbeantwortet. Die FIFA hat keine Vertragsklausel, die Gastgeberstaaten zur Erteilung von Visa verpflichtet – das ist der blinde Fleck in jedem zukünftigen Vergabeprozess.
Was internationale Atmosphäre kostet
Eine WM ist auch ein kulturelles Ereignis. 48 Nationen, Millionen Fans, ein Ort – das Versprechen ist globale Begegnung.
Wenn Fans aus bestimmten Ländern strukturell ausgeschlossen werden, schrumpft dieses Versprechen. Die hohen Ticketpreise, über die separate Berichte klagen, treffen tendenziell alle; das Einreiseverbot trifft gezielt. Das Ergebnis ist ein Publikum, das nicht repräsentativ ist für die qualifizierten Nationen.
Wie groß der konkrete Effekt auf die Stadionatmosphäre ist, lässt sich noch nicht belastbar beziffern – die Zuschauerdaten laufen. Was sich strukturell sagen lässt: Ein Turnier, das für eine Mannschaft den täglichen Grenzübertritt als Trainingsroutine einführt, und für deren Anhänger de facto ein Stadionverbot ausspricht, sendet ein Signal, das über Sport hinausgeht.
Was bleibt
Die US-Behörden haben im Turnierverlauf einzelne Lockerungen vorgenommen: Die 48-Stunden-Einreiseregelung kam nach FIFA-Beschwerden zustande. Das zeigt, dass Spielraum existiert – aber reaktiv genutzt wird, nicht proaktiv geplant.
Für künftige Vergaben bedeutet das eine offene Strukturfrage: Wer ein Weltturnier ausrichtet, übernimmt implizit eine Gleichbehandlungspflicht gegenüber allen qualifizierten Nationen. Solange diese Pflicht im Vergabevertrag nicht explizit verankert ist – mit Sanktionsmechanismus –, bleibt das Gastgeber-Souveränitätsprimat intakt. Die Frage, ob eine WM in einem Land mit aktiven Einreiseverboten gegen Teilnehmerstaaten ausgerichtet werden sollte, hätte 2018 gestellt werden müssen, als die Vergabe entschieden wurde. Sie wurde es nicht.
Das iranische Team spielt trotzdem. Unter Auflagen, mit halbem Staff, aus einem Basisquartier jenseits der Grenze. Ob das sportlich einen Unterschied macht, wird das Turnier zeigen. Dass es einen Unterschied macht, ist bereits jetzt klar.
