Fast zeitgleich lief der Horrorfilm „Backrooms" an, der auf einer viralen Internetlegende basiert: einem 4chan-Post aus dem Mai 2019, zu dem jemand ein Bild eines leeren, gelblich ausgeleuchteten Büroraums stellte und schrieb, wer hier hineingerät, komme nie wieder heraus. Zwei Kulturprodukte, eine Gemeinsamkeit: das Schweigen hinter dem Signal.

Dass beide Werke gleichzeitig erscheinen, ist Zufall. Was sie verbindet, ist eine Struktur – und diese Struktur lohnt die Betrachtung.

Das Äußere und das Innere

Muses Frontmann Matt Bellamy schrieb das Album Ende 2025 während einer persönlichen Krise; seine Trennung lieferte den emotionalen Stoff, das Wow!-Signal den kosmologischen Rahmen. Der Eröffnungssong „The Dark Forest" verhandelt die gleichnamige Theorie des chinesischen Science-Fiction-Autors Liu Cixin: Außerirdische Zivilisationen schweigen, weil jedes Signal den Absender zum Ziel macht. Der Abschlusssong „Space Debris" sampelt das Originalsignal von 1977 – Bellamy hat die Tonspur in die Musik eingebaut – und nutzt es als Metapher für Liebende, die auseinandertreiben.

Der Kosmos bei Muse ist also Projektionsfläche. Das Unbekannte da draußen ist das Unbekannte im Inneren. Diese Doppelung – außen groß, innen persönlich – ist das kompositorische Prinzip des Albums.

„Backrooms" arbeitet spiegelverkehrt. Der Film, entwickelt aus der Internet-Creepypasta und durch Kane Parsons' virale YouTube-Serie popularisiert, beginnt im Inneren und findet nie einen Ausweg nach draußen. Protagonist Clark gerät in endlose, identische Büroräume, deren Weitwinkel-Optik im Film das Gefühl von falsch kalibrierten Proportionen erzeugt. Kein Kosmos, kein Horizont: Die Bedrohung ist der Raum selbst, der sich nicht erschließt. Psychology Today beschrieb den Film als Konfrontation mit dem eigenen Unterbewusstsein – unerfüllte Potenziale, vermiedene Entscheidungen, eingefrorene Identität.

Wo Muse nach außen schaut und das All zum Spiegel macht, dreht „Backrooms" die Kamera um: Der Innenraum wird zum Labyrinth, und es gibt kein Draußen mehr.

Cosmic Horror vs. kosmische Sehnsucht

Die Genre-Unterscheidung ist hier analytisch präziser als der Begriff „kosmische Angst", der beide Werke zu verschmelzen droht. In der Horrorliteratur bezeichnet Cosmic Horror – geprägt von H. P. Lovecraft – eine spezifische Angst: nicht vor dem Bösen, sondern vor der Gleichgültigkeit. Das Universum nimmt den Menschen nicht wahr. Diese Gleichgültigkeit ist das Erschreckende.

Muse operiert genau auf dieser Linie – aber mit umgekehrtem Vorzeichen. „The Dark Forest" ist Cosmic Horror als Rockkonzert: Die Zivilisationen schweigen, weil Sichtbarkeit tödlich ist. Doch Bellamy macht daraus kein nihilistisches Programm. Die Bombast-Produktion, die cineastischen Riffs, die Synthese aus Industrial Rock und 70er-Disco – all das ist Affirmation im Angesicht des Nichts. Wir schicken das Signal trotzdem. Die Muse-Albumankündigung, für die das Label ein Tablet in 33 Kilometer Höhe in die Atmosphäre sendete, war eine buchstäbliche Inszenierung dieses Impulses.

„Backrooms" dagegen kennt keine Sehnsucht. Der Film lässt die Figuren nicht suchen – sie sind bereits verloren, bevor sie begreifen, dass sie gesucht hätten werden müssen. Die Angst hier ist nicht die vor der kosmischen Gleichgültigkeit, sondern die vor der eigenen inneren Leere, die sich als unendlicher Raum materialisiert. Existential Horror, nicht Cosmic Horror – eine Differenz, die in der Rezeption oft verwischt wird, aber die erzählerischen Mittel vollständig bestimmt.

Das 1977-Erbe und das 2019-Phänomen

Das Wow!-Signal ist ein reales wissenschaftliches Datum. Es ist ungeklärt, wurde nie reproduziert, und die Forschung hat keine Einigkeit darüber hergestellt, ob es außerirdischen Ursprungs war oder nicht. Diese Unabgeschlossenheit ist der Kern seiner kulturellen Wirkmacht: Es ist ein offenes Zeichen. Muse erbt diese Offenheit und nutzt sie musikalisch – das gesampelte Signal am Album-Ende ist kein Antwort-Angebot, sondern ein Erinnerungszeichen an das, was nicht beantwortet wurde.

Die Backrooms-Legende ist neueren Datums und anderer Natur. Ein anonymes Bild, ein kurzer Text auf 4chan, dann Jahre nutzergenerierter Erweiterungen, dann Kane Parsons' YouTube-Serie, dann Hollywood. Das Phänomen ist ein Produkt kollektiver Online-Kreativität: Liminal Spaces – Orte, die wie Übergänge gebaut sind, aber nie ankommen – haben im letzten Jahrzehnt eine eigene Ästhetik und Rezeptionsgemeinschaft entwickelt. „Backrooms" ist ihre Verfilmung.

Beide Ursprungsmomente – 1977 und 2019 – teilen eines: Sie entstehen aus dem Randbereich institutioneller Wahrnehmung. Das Wow!-Signal wurde notiert, nicht gemeldet; der Backrooms-Post war ein anonymer Kommentar, kein publizierter Text. Populärkultur greift genau diese Marginalia auf, weil an ihnen eine grundsätzliche epistemische Frage hängt: Was wissen wir wirklich, und wo beginnt das Nicht-Wissen?

Das Muster: Angst als kulturelle Ressource

In der Rezeption, etwa im Guardian, wurde „The Wow! Signal" als ambitioniertes Album beschrieben, das Muse aus der Stadium-Rock-Erstarrung herausführe. Andere Kritiker, beispielsweise bei Kerrang!, hoben die emotionale Tiefe hervor, die Bellamy durch die Verknüpfung von persönlichem Verlust und kosmischem Rahmen erzeuge. Publikationen wie Visions.de attestierten dem Album Dringlichkeit. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt einzelner Urteile ist das Rezeptionsmuster interessant: Musikjournalisten deuteten das Album überwiegend nicht als Eskapismus, sondern als kathartisches Bearbeitungsangebot.

„Backrooms" wird ähnlich gelesen. Der Tagesspiegel fasst den Reiz des Phänomens als „Gen-Z-Horror aus dem Internet", der die Breitenwirkung der Liminal-Space-Ästhetik dokumentiert. Psychology Today sieht im Film eine Einladung zur Konfrontation mit psychologischem Vermeidungsverhalten. Beide Deutungsrahmen teilen die Annahme, dass das Publikum das Unbekannte und Bedrohliche nicht meidet, sondern aufsucht – als Medium.

Das ist kein Widerspruch. Kontrollierte Angst ist eine Funktion von Kunst, seit es Tragödien gibt. Was sich möglicherweise verändert hat: die Vektoren, über die das Unbekannte kulturell zugänglich wird. Das Wow!-Signal kam über Radioteleskope und Wissenschaftsjournalismus in die Öffentlichkeit. Die Backrooms kamen über ein anonymes Imageboard. Muse verarbeitet das erste Format als Rock-Oper; Hollywood verfilmt das zweite. Was beide Rezeptionswege gemeinsam haben, ist die Institutionalisierung des Randphänomens – die Überführung des Unverarbeiteten ins Erzählbare.

Was die Analyse nicht leistet

Eine direkte Einflussrelation zwischen Album und Film lässt sich nicht belegen. Es gibt keine Hinweise darauf, dass Muse die Backrooms-Kultur rezipiert hat oder umgekehrt. Die Parallelität ist strukturell, nicht intentional. Das ist für die Analyse nicht schwächend – strukturelle Parallelen zwischen unabhängig entstandenen Kulturprodukten sind gerade deshalb aufschlussreich, weil sie auf gemeinsame Bedürfnislagen verweisen, ohne von einem bewussten Programm abzuhängen.

Die offene Frage ist die empirisch schwieriger zu beantwortende: Sind Werke wie „The Wow! Signal" und „Backrooms" Reaktionen auf konkrete gesellschaftliche Unsicherheiten – Klimawandel, KI-Angst, geopolitische Instabilität –, oder sind sie Fortschreibungen einer älteren menschlichen Disposition zur Faszination des Unkontrollierten? Die Gleichzeitigkeit beider Produktionen gibt darauf keine Antwort. Sie markiert nur, dass das Unbekannte gerade Konjunktur hat – nach innen wie nach außen.

Das Signal von 1977 ist bis heute unbeantwortet. Bellamy hat es ins letzte Lied gelegt. Wer es hört, weiß nicht mehr, als er zuvor wusste. Das ist, möglicherweise, der Punkt.