Wer die Kritik am Hitzeprotokoll der WM 2026 fair behandeln will, muss das Gegenargument ernst nehmen: Fußball wurde schon immer unter schwierigen Bedingungen gespielt. Die WM 1970 in Mexiko fand im Hochsommer statt, bei Temperaturen um 35 Grad und auf 2.240 Metern Höhe – und produzierte trotzdem das vielleicht schönste Turnier der Geschichte. Akklimatisierung funktioniert; der menschliche Körper ist anpassungsfähig. Und: Keine Nation ist gezwungen, schlecht vorbereitet anzureisen.
Das stimmt alles. Und es reicht trotzdem nicht.
Was die Zahlen sagen
Mindestens 25 der 104 WM-Spiele werden nach aktuellem Stand unter signifikanter Hitzebelastung stattfinden. Der Wet-Bulb-Globe-Temperature-Index, der Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Sonneneinstrahlung kombiniert, wird an mehreren Spielorten Werte zwischen 28 und 35 °C erreichen – ein Bereich, in dem Sportmediziner von ernstem Gesundheitsrisiko sprechen. Ab 26 Grad Celsius Lufttemperatur sinken Laufleistung und technisch-taktische Präzision messbar; ab 40 Grad empfehlen Experten, Spiele ganz abzusagen.
Das Institut für Arbeitsforschung und Arbeitsmedizin (IfADo) hat die Risiken für Spieler und Zuschauer bei der WM 2026 detailliert beschrieben. Das UN-Klimasekretariat hat gewarnt. Die FAZ und der Spiegel haben berichtet, dass Experten das FIFA-Hitzeprotokoll einhellig als „unzureichend" bewerten.
Öffentliche Reaktionen der FIFA, die auf diese Kritik eingehen, blieben bislang aus.
Österreichs Antwort auf die falsche Frage
Das ÖFB-Team unter Ralf Rangnick beantwortet unterdessen eine andere Frage: Wie übersteht man widrige Bedingungen mit Haltung? Der Sieg gegen Tunesien in Unterzahl ist dafür ein brauchbares Bild. Nicht weil 20 Grad in Wien mit 32 Grad in Miami vergleichbar wären – das sind sie nicht –, sondern weil das Team zeigt, was kollektive Disziplin unter Druck bedeutet.
Christoph Baumgartner scheidet beim Aufwärmen aus, Laimer sieht Rot, Tunesien trifft das Gebälk dreimal. Österreich hält. Das ist nicht Glück, das ist Systemfußball: kompakte Reihen, klares Umschaltspiel, ein Torschütze, der im richtigen Moment am richtigen Ort steht. Rangnick hat seit seinem Amtsantritt genau auf diese Resilienz hingearbeitet – auf eine Mannschaft, die ihre Struktur nicht verliert, wenn der Plan wegbricht.
Diese Qualität wird bei der WM gebraucht. Aber sie schützt nicht vor Hitzschlag.
Mentale Stärke ist kein Klimaschutz
Hier liegt der eigentliche Kommentar: Es ist eine gefährliche Verdrehung, Hitzeresilienz zur Frage der Mentalität zu machen. Ja, Fokus, Konzentration und psychische Stabilität helfen – das belegen Sportpsychologen und Mentaltrainer übereinstimmend. Wer unter Druck ruhig bleibt, trifft bessere Entscheidungen, auch wenn die Knochen brennen.
Aber: Kein Mentaltraining senkt die Körperkerntemperatur. Kein Resilienzprogramm verhindert einen Hitzschlag. Die Grenze zwischen psychologischer Herausforderung und physiologischer Gefahr ist real, und sie wird bei einem Wet-Bulb-Wert von 33 °C im Freien überschritten – egal wie fokussiert der Spieler ist.
Wer das vermischt, betreibt eine bequeme Entlastungserzählung für die FIFA. Die Botschaft lautet dann implizit: Wer kollabiert, hat mental nicht gut genug gearbeitet. Das ist falsch. Es ist auch gefährlich.
Was das ÖFB-Team wirklich modellhaft macht
Rangnick und sein medizinischer Stab bereiten das Team nachweislich auf die konkreten Bedingungen vor: Jetlag-Management, gezielte Ernährung, Akklimatisierungsphasen. Ein Grazer Arzt begleitet die Mannschaft in diesen Wochen spezifisch mit Blick auf die klimatischen Anforderungen in Nordamerika. Das ist professionell. Es ist auch das Mindeste.
Was tatsächlich modellhaft an Österreich ist: Die Vorbereitung behandelt Hitze als logistisches und medizinisches Problem – nicht als Charakterfrage. Das ist die richtige Kategorie.
Andere Verbände, vor allem jene aus gemäßigten Klimazonen ohne Erfahrung mit Extremhitze, täten gut daran, denselben Pragmatismus anzulegen. Und die FIFA täte gut daran, Anstoßzeiten konsequent in die Abendstunden zu legen, Trinkpausen verbindlich zu machen und klare Schwellenwerte für Spielverschiebungen festzulegen – nicht als Goodwill-Geste, sondern als Sorgfaltspflicht gegenüber den Athleten, von denen ihr Produkt lebt.
Die WM 2026 wird unter anderem daran gemessen werden, ob die FIFA diesen Sommer rechtzeitig aufgewacht ist. Österreich ist vorbereitet. Ob das reicht, hängt nicht nur von Sabitzer ab.
