Man sollte es nicht.
Seit Ende 2025 entwickeln die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern und die Evangelische Kirche im Rheinland zusammen mit der EKD-Stabsstelle Digitalisierung eine Plattform namens ELOKI — kurz für „Evangelisch. Lernend. Offen. KI." Der Betrieb läuft über das Kirchliche Rechenzentrum Südwest und den europäischen Anbieter StackIT; die verwendeten Modelle sind offene Gewichte wie Googles Gemma 3 und OpenAIs GPT-OSS, austauschbar je nach Stand der Technik. Persönliche Nutzerdaten verlassen die kirchliche Infrastruktur nicht, es gilt das Datenschutzgesetz der EKD, Hochrisikoanwendungen sind ausgeschlossen, ein Gremium entscheidet über den Funktionsumfang. Eine Pilotphase läuft.
Das klingt nach Verwaltungs-IT. Es ist mehr.
Das stärkste Argument dagegen: Kirche und Maschine passen nicht zusammen
Beginnen wir mit dem Einwand, der wirklich sitzt — nicht mit dem billigen. Der billige lautet: KI in der Kirche sei Spielerei, digitale Anbiederung, ein Pfarramt, das cool sein will. Das trifft nicht.
Der ernste Einwand ist theologisch. Kirchenrätin und Predigt-Fachleute halten KI-generierte Predigten für oberflächlich und theologisch bedenklich, weil ihnen der persönliche Bezug zur Gemeinde fehlt — der EKD-Nachrichtendienst hat diese Kritik dokumentiert. Manche Theologen warnen schärfer: Wer der Maschine zutraut, was nur der Begegnung gelingt, betreibe eine Art Götzendienst. In der Seelsorge, so die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, ersetze KI das menschliche Gegenüber nicht — die programmierte Empathie bleibe vorgetäuscht.
Dieser Einwand ist richtig. Und er verfehlt ELOKI. Denn die Plattform will keine Predigten halten und keine Sterbenden begleiten. Sie will Protokolle sortieren, Texte vorbereiten, Daten auswerten — die Bürolast wegnehmen, damit Menschen Zeit für Seelsorge behalten. Projektkoordinator Jens Palkowitsch-Kühl formuliert im Sonntagsblatt genau diese Grenze: Entlastung bei der Verwaltung, um Raum für die Kernaufgaben zu gewinnen. Der theologische Einwand widerlegt eine Predigt-Maschine, die niemand baut.
Das Kriterium: digitale Nüchternheit
Womit sich die eigentliche Frage stellt. Sie lautet nicht, ob Kirche KI nutzen darf — das tut sie längst. Über die Hälfte der kirchlichen Mitarbeitenden, laut einer im Onlineportal ref.ch referierten Studie zwischen 54 und 58 Prozent, arbeiten bereits mit generativer KI, vor allem für Recherche und Texterstellung. Der Punkt ist: Sie tun es ohne Regeln, ohne Schulung, ohne Strategie. „Schatten-KI" nennt die Studie das — die Pfarrsekretärin, die vertrauliche Gemeindedaten in ChatGPT tippt, weil es keinen anderen Weg gibt.
Genau hier greift das Kriterium, an dem ELOKI zu messen ist: digitale Nüchternheit. Gemeint ist die Fähigkeit, eine Technologie zu nutzen, ohne ihr zu verfallen — sie als Werkzeug zu behandeln und nicht als Orakel. Wer nüchtern bleibt, weiß, was das Ding kann (Text umformen) und was nicht (verstehen, verantworten, glauben).
Und an diesem Maßstab ist die Entscheidung der beiden Landeskirchen die richtige. Nicht weil die Software besonders klug wäre — sie nutzt dieselben offenen Modelle, die jeder herunterladen kann. Sondern weil die Kirche die eine Frage stellt, die im kommerziellen Betrieb nie gestellt wird: Wohin gehen die Daten, und wer entscheidet, was das System darf?
Bei ChatGPT ist die Antwort strukturell festgelegt — die Eingaben können ins Training fließen, die Kontrolle liegt beim Anbieter. Bei ELOKI liegt sie bei einem kirchlichen Gremium, das über den Funktionsumfang bestimmt und Hochrisikoanwendungen ausschließt. Das ist der ganze Unterschied, und es ist ein großer. Google hat für Millionen von uns die Entscheidung getroffen, dass unsere Wörter ihm gehören. Die Kirche trifft sie neu — und anders.
Warum ausgerechnet die Kirche
Das ist mehr als ein Datenschutz-Argument, obwohl es als eines daherkommt. Der Deutsche Ethikrat forderte schon 2023, KI müsse menschliche Entfaltung erweitern statt sie zu ersetzen, sie dürfe den Menschen nicht verdrängen — nachzulesen bei evangelisch.de. Das ist ein schöner Satz. Nur: Wer setzt ihn durch? Ein Grundsatz ohne Gremium ist Poesie.
ELOKI ist der Versuch, aus dem Grundsatz eine Infrastruktur zu machen. Ein Steuerungsgremium, das entscheidet — das ist die institutionelle Übersetzung von „der Mensch behält die Letztverantwortung". Man muss die Ausschlüsse ernst nehmen: keine Hochrisikoanwendungen, keine Seelsorge-Automaten, Datenhoheit im eigenen Haus. Das sind Leitplanken, die eine Organisation zieht, die seit zweitausend Jahren übt, worin der Mensch unvertretbar ist.
Und hier liegt die eigentliche Pointe. Institutionen, deren Geschäft die letzten Fragen sind — Endlichkeit, Schuld, Würde, Tod —, haben einen Erfahrungsvorsprung, den keine Ethikabteilung eines Tech-Konzerns aufholt. Sie wissen aus Berufsroutine, wo die Maschine aufhört und der Mensch anfängt. Nicht weil sie klüger wären, sondern weil sie die Grenze seit jeher bewachen. Wer die Frage „Was ist der Mensch?" zum Kerngeschäft hat, sollte bei der Frage „Was darf die Maschine für ihn tun?" nicht in der zweiten Reihe stehen.
Das Risiko bleibt, und man soll es nicht verschweigen: Ein Gremium kann versanden, StackIT ist ein externer Anbieter, offene Modelle veralten schneller als kirchliche Beschlussverfahren. Die Souveränität, die ELOKI verspricht, ist geliehen — sie hängt an Modellen, die anderswo trainiert wurden. Ob die Kirche die Kontrolle wirklich hält oder nur die Illusion davon verwaltet, entscheidet sich erst im Betrieb, nicht in der Pressemitteilung.
Aber der Reflex, aus dieser Unsicherheit Untätigkeit zu machen, wäre der teuerste. Denn die Alternative zu einer selbstgebauten, kontrollierten KI ist nicht keine KI. Die Alternative ist die Schatten-KI, die es längst gibt — nur ohne Datenschutz, ohne Grenze, ohne Gremium. Wer nichts baut, hat nicht Nüchternheit gewählt. Er hat nur die Kontrolle an ChatGPT abgetreten und nennt es Zurückhaltung.
Die Kirche predigt seit jeher gegen die Anbetung falscher Götter. Dass sie sich nun eine eigene Maschine baut, um die echten nicht mit einem Algorithmus zu verwechseln, ist kein Widerspruch. Es ist die konsequenteste Predigt, die sie zu diesem Thema halten kann — geschrieben in Serverkonfiguration statt in Versen.
