Die Wilde Möhre ist ein kleiner Fall in einer großen Zahl: In Deutschland gibt es etwa 1.800 Musikfestivals. Und diese Zahl trägt eine Ökonomie, die man erst versteht, wenn man ihr zweites Kennzeichen danebenlegt.
Die erste genreübergreifende Festivalstudie, im Sommer 2025 von der Initiative Musik, der Bundesstiftung LiveKultur und dem Deutschen Musikinformationszentrum vorgelegt, beziffert die Einnahmen der befragten Festivals auf 551 Millionen Euro. Die Ausgaben liegen bei 522 Millionen. Der Abstand ist da, aber er ist schmal — und er verteilt sich nicht. Nur 15 Prozent der Festivals erwirtschaften einen Gewinn. Das ist die eigentliche Nachricht dieser Studie: Eine Branche, die in der Summe knapp im Plus steht, besteht mehrheitlich aus Veranstaltungen, die nichts verdienen.
Wo die Festivals stehen: nicht in der Stadt
Der Ort ist kein Zufall. Rund 60 Prozent der Festivals finden in Städten und Gemeinden mit weniger als 100.000 Einwohnern statt. Die Wilde Möhre in Göritz ist damit kein Sonderfall, sondern der Normalfall der deutschen Festivallandschaft — die Ausnahme wäre das Festival mitten in der Großstadt. Das verschiebt die Frage nach dem wirtschaftlichen Effekt weg von den Zentren, in die ohnehin Geld fließt, hin zu Regionen, für die ein Wochenende mit 7.000 Gästen eine messbare Größe ist.
Was das für die Region bedeutet, lässt sich an dieser Stelle nur der Richtung nach sagen. Konkrete Zahlen zur lokalen Wertschöpfung des Wilde Möhre Festivals in Drebkau — Übernachtungen, Umsätze im Handel, saisonale Beschäftigung — liegen nicht vor. Die FAZ beschreibt den Effekt der Branche als Standortfaktor, der Beschäftigung schafft und über das Image einer Region indirekt Tourismus und Folgegeschäft anstößt. Das ist plausibel, aber es ist die Beschreibung eines Mechanismus, nicht seine Vermessung. Wer die 551 Millionen Euro auf die Landkarte legen will, findet einen weißen Fleck, wo die Ortsgemeinde steht.
Der ehrenamtliche Unterbau
Die Bilanz der Branche steht auf einem Fundament, das in keiner Umsatzzeile auftaucht. Zwischen 77 und 85 Prozent der Festivals sind Non-Profit-Veranstaltungen. 79 Prozent arbeiten mit ehrenamtlichen Kräften; in den kleinen Gemeinden, wo die meisten Festivals liegen, sind es 97 Prozent. Diese Zahl ist der Schlüssel zur ganzen Rechnung.
Ein Wirtschaftszweig, der 551 Millionen Euro bewegt und mehrheitlich ohne Gewinn arbeitet, kann das nur, weil ein großer Teil seiner Arbeit nicht bezahlt wird. Das Ehrenamt ist nicht die romantische Beigabe zur Festivalkultur, sondern ihre betriebswirtschaftliche Voraussetzung. Rechnete man die geleisteten Stunden zu Marktlöhnen ein, kippte die Bilanz der 85 Prozent, die keinen Gewinn machen, ins Deutlich-Negative. Die Studie zählt, was durch die Kasse geht — nicht, was am Feld hängen bleibt.
Zugleich leistet dieser Unterbau mehr als Musik. Zwischen 81 und 85 Prozent der Festivals bieten soziale oder kulturelle Rahmenprogramme an, Workshops und Bildungsformate. Rund 40 Prozent der Programmplätze gehen an Nachwuchskünstlerinnen und -künstler. Bei der Wilde Möhre heißt das konkret: Schmieden, Upcycling, Vorträge zum Strukturwandel der Lausitz, dazu Kunstinstallationen. Der Bundesregierung zufolge sind Festivals Kulturorte, Wirtschaftsmotor und Talentschmiede in einem. Die drei Etiketten stehen im selben Satz, aber sie ziehen in verschiedene Richtungen: Talentschmiede und Kulturort kosten Geld, das der Wirtschaftsmotor selten erwirtschaftet.
Die Kostenseite bewegt sich schneller als die Einnahmeseite
Der schmale Abstand zwischen 551 und 522 Millionen Euro ist keine ruhige Größe. Er steht unter Druck von der Ausgabenseite. Gestiegene Kosten bei Personal, Technik, Sicherheit, Kraftstoff und Lebensmitteln belasten die Kalkulation aller Festivals — auch der Wilde Möhre, deren Etat sich laut Medienberichten in der Größenordnung von 1,2 Millionen Euro bewegt. Bei einer Absage steht dieser Betrag als Risiko im Raum, ohne dass eine Einnahme dagegensteht.
Die Zahl der Festivals ist seit der Pandemie um rund 20 Prozent gestiegen; der Tagesspiegel spricht von einem Boom trotz höherer Ticketpreise. Beides zusammen ergibt eine paradoxe Lage: mehr Veranstaltungen, teurere Tickets, angespanntere Bilanzen. Der Boom findet nicht statt, weil das Geschäft lohnender geworden wäre, sondern weil die Nachfrage nach dem analogen, gemeinsamen Erlebnis wächst — und die Veranstalter diese Nachfrage über einen Kostenblock bedienen, der schneller steigt als der Ticketpreis, den ein Publikum noch zahlt. Der Mechanismus funktioniert unter Bedingungen, die sich gerade verschieben.
An dieser Stelle greift der Staat ein. Über den Festivalförderfonds und Bundesprogramme fließen Mittel; die Wilde Möhre und das Elbenwald-Festival profitierten laut der Bundestagsabgeordneten Maja Wallstein von einem solchen Programm. Wie hoch der Förderanteil an der Gesamtfinanzierung eines einzelnen Festivals ausfällt, bleibt allerdings intransparent. Ein ZDF-Beitrag nannte für die Wilde Möhre eine Fördersumme von 19 Millionen Euro — eine Zahl, die die Veranstalter laut Faze Mag als falsch zurückwiesen. Der Streit um diese eine Ziffer zeigt die eigentliche Leerstelle: Die Finanzierungsstruktur der Branche ist von außen kaum nachprüfbar.
Die Kosten, die niemand bilanziert: Lärm, Verkehr, Müll
Neben der betriebswirtschaftlichen Rechnung läuft eine zweite, die sich nicht in Euro fassen lässt und trotzdem den Ort belastet. Am Beispiel Göritz ist das dokumentiert: Anwohner äußerten Bedenken wegen der Lärmbelastung, woraufhin die Veranstalter laut Lausitzer Rundschau mit Industrie-Containern zur Schalldämmung reagierten. Der Bund fördert das Problem inzwischen strukturell: Ab 2026 unterstützt ein bundesweites Pilotprogramm mit drei Millionen Euro den besseren Schallschutz bei Clubs und Festivals, wie der Deutschlandfunk berichtet.
Der größere Konflikt liegt beim Abfall und beim Verkehr. Die Deutsche Umwelthilfe deckte mit einer Umfrage bei zehn großen deutschen Festivals massive Müllprobleme auf — Parookaville allein produziere über 23 Tonnen vermeidbaren Einwegmüll. Die DUH fordert 100 Prozent Mehrweg, saubere Mülltrennung und Kompost-Toiletten als Standard. Diese Kritik zielt auf die großen kommerziellen Veranstaltungen, nicht auf die Wilde Möhre, die den „Code of Conduct" für nachhaltige Festivalkultur unterzeichnet hat und laut eigener Angabe 2021 rund 600 Tonnen CO₂ über den Anbieter myclimate kompensierte.
Doch hier ist Vorsicht geboten: Kompensation ist nicht Vermeidung, und die größte Belastung liegt ohnehin dort, wo kein Festival sie unmittelbar steuert. Eine Schweizer Studie, referiert von der taz, verortet bis zu 67 Prozent der Umweltbelastung eines Festivals in der An- und Abreise der Gäste. Bei einem Festival, das definitionsgemäß auf dem Land liegt und schlecht an den öffentlichen Verkehr angebunden ist, ist genau dieser größte Posten der am schwersten zu senkende. Der ländliche Standort, der die Wilde Möhre ökonomisch prägt, macht ihre ökologische Bilanz strukturell schwierig.
Was als Nächstes zu beobachten ist
Die Wilde Möhre hat für 2026 einen „neuen Kurs" und neue Formate angekündigt, wie die Lausitzer Rundschau berichtet. Ob diese Umstrukturierung die Bilanz stabilisiert oder das Risiko erhöht, ist die offene Frage — sie wird sich an der Ausgabe im August 2026 zeigen.
Für die Branche insgesamt liegt der Prüfstein in der 15-Prozent-Zahl. Solange nur jedes siebte Festival Gewinn macht und der Rest über Ehrenamt und Förderung getragen wird, hängt die Landschaft an zwei Größen, die beide unter Druck stehen: an der Bereitschaft, unbezahlt zu arbeiten, und an öffentlichen Mitteln, die haushaltspolitisch jederzeit gekürzt werden können. Steigen die Kosten weiter schneller als der zahlbare Ticketpreis, entscheidet sich die Zukunft dieser 1.800 Veranstaltungen nicht an der Kasse, sondern an genau diesen beiden Stützen. Fällt eine davon weg, kippt eine Rechnung, die schon jetzt nur knapp aufgeht.
