Beginnen wir mit der Zahl, die den ganzen Vorgang erklärt. Das Eurosystem sitzt auf einer Überschussliquidität von rund 2,16 Billionen Euro, und auf diese Reserven zahlt es den Geschäftsbanken derzeit 2,25 Prozent Einlagenzins. Das summiert sich, wie stock3 vorrechnet, auf etwa 48,7 Milliarden Euro jährliche Zinskosten. Diese Kosten sind kein Betriebsunfall, sondern die verspätete Rechnung für die Anleihekäufe der Jahre nach 2015 — die Notenbanken haben damals langlaufende Papiere mit Niedrigzins gekauft und refinanzieren sie heute mit teurer Verzinsung. Die Bundesbank schreibt darauf Verluste, die am Ende der Steuerzahler trägt. Der Reflex, diese Last kleiner zu rechnen, ist nachvollziehbar. Er ist nur nicht kostenlos.

Das stärkste Argument für die Verdopplung

Man muss den Fall der Befürworter ernst nehmen, denn er hat einen harten Kern. Mindestreserven werden nicht verzinst. Verdoppelt die EZB den Satz von einem auf zwei Prozent der Kundeneinlagen, verschiebt sich ein Teil der heute zu 2,25 Prozent verzinsten Überschussliquidität in den unverzinsten Pflichttopf. Das senkt die Zinsausgaben des Eurosystems um knapp vier Milliarden Euro pro Jahr — reales Geld, das nationale Zentralbanken nicht mehr an die Banken überweisen und das ihre Verluste dämpft.

Dahinter steht ein legitimes Argument: Warum soll die öffentliche Hand den Geschäftsbanken eine Rendite auf Liquidität zahlen, die diese ohne eigenes Zutun aus den Anleihekäufen der Notenbank erhalten haben? Ein Mindestreservesatz von zwei Prozent war bis 2012 der Normalfall im Euroraum; die Absenkung auf ein Prozent war die Ausnahme, nicht die Regel. Aus dieser Warte korrigiert die EZB nur eine Anomalie und holt sich einen Teil einer Subvention zurück, die sie selbst geschaffen hat. Das ist kein Bilanztrick, sondern eine vertretbare Rückabwicklung.

Warum das Kriterium trotzdem gegen die Maßnahme spricht

Prüft man die Verdopplung an der Effizienz der Geldpolitik — also an der Frage, ob ein Instrument sein Ziel mit möglichst wenig Kollateralschaden erreicht —, kippt das Urteil. Denn die vier Milliarden werden nicht aus dem Nichts gespart. Sie werden dem Bankensektor entzogen, und zwar über einen Kanal, den die EZB selbst als geldpolitisch neutral konzipiert hat.

Der erste Effekt ist eine Margenbelastung. Die unverzinste Reservehaltung wirkt ökonomisch wie eine Steuer auf die Bilanzsumme — der Bundesverband deutscher Banken lehnt den Schritt ab und nennt ihn genau das. Banken haben zwei Reaktionen: Sie geben die Kosten weiter, verteuern also Kredite und verschlechtern Einlagenkonditionen. Oder sie schlucken die Marge und werden im Wettbewerb mit US-Häusern schwächer, die eine solche Belastung nicht kennen. Beides läuft der erklärten EZB-Absicht zuwider, den Preis von Krediten allein über den Leitzins zu steuern.

Und hier liegt der eigentliche Widerspruch. Die EZB hat am 11. Juni 2026 ihre Leitzinsen um 25 Basispunkte angehoben, um die auf 3,0 Prozent prognostizierte Inflation zu dämpfen. Der Einlagenzins liegt seither bei 2,25 Prozent. Zugleich schrumpft die Bilanz ohnehin, weil auslaufende Anleihen aus den Programmen APP und PEPP nicht mehr ersetzt werden. Die Überschussliquidität sinkt also von selbst. Die Verdopplung der Mindestreserve schiebt einen zusätzlichen, dauerhaften Keil in den Bankensektor — mitten in eine Phase, in der die Geldpolitik den Kreditkanal genau beobachten muss. Ein Instrument, das die Zinsbotschaft an der einen Stelle setzt und an der anderen die Bilanzen der Transmissionsakteure verengt, arbeitet gegen sich selbst.

Der Vollständigkeit halber: Die Alternative existiert. Die EZB reduziert ihre Verluste schon jetzt durch das passive Auslaufenlassen der Anleihebestände — der geldpolitische Rahmen vom April 2026 beschreibt diesen Pfad. Das ist langsamer, aber es verschiebt keine Last auf die Banken und lässt den Leitzins als einziges Preissignal intakt. Wer die Effizienz der Geldpolitik zum Maßstab macht, muss den langsameren, sauberen Weg dem schnellen, verzerrenden vorziehen.

Das falsche Signal zur falschen Zeit

Bleibt die Frage des Zeitpunkts. Der globale Rahmen ist fragil: Der Euro geriet zuletzt unter Druck, als schwache US-Arbeitsmarktdaten die Zinsdifferenz zum Dollar in den Blick rückten. In einem Umfeld, in dem Kapitalflüsse an einzelnen Datenpunkten hängen, ist die relative Wettbewerbsfähigkeit europäischer Banken kein Randthema, sondern ein Stabilitätsfaktor. Eine Sonderbelastung, die es jenseits des Atlantiks nicht gibt, trifft die europäischen Institute genau an der Stelle, an der sie ohnehin verwundbar sind.

Die Verdopplung der Mindestreserve ist keine Katastrophe — vier Milliarden auf einen 48,7-Milliarden-Block sind eine Korrektur, keine Amputation. Aber sie ist das falsche Werkzeug: Sie löst ein Bilanzproblem der Notenbank, indem sie ein Effizienzproblem in die Realwirtschaft verlagert. Eine Zentralbank, die ihre eigenen Verluste über eine verdeckte Steuer auf die Banken finanziert, spart am eigenen Fundament — dem Vertrauen, dass ihr geldpolitischer Werkzeugkasten und ihre Bilanzsorgen getrennte Dinge bleiben.