Die Zahl liest sich wie eine Entwarnung, und genau so wird sie verkauft. Sie ist eine.
Denn die drei Cent messen den falschen Abstand. Sie messen die Strecke vom Kriegshoch zurück zum Ausgangspunkt — nicht die Strecke, die Deutschland gar nicht erst hätte zurücklegen müssen. Wer sich über das erreichte Vorkriegsniveau freut, freut sich darüber, dass eine Wunde nur noch so tief ist wie vor dem letzten Schlag.
Rechnen wir das Kriterium offen: Maßstab ist hier die ökonomische Verwundbarkeit, also die Frage, wie stark ein geopolitischer Schock am Golf auf deutsche Tankstellen, Fabriken und Haushaltsbudgets durchschlägt. Nach diesem Maßstab hat der Iran-Krieg keine Ausnahme gezeigt. Er hat die Regel bestätigt.
Die Regel heißt: 98 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdöls kommen aus dem Ausland, bei Erdgas sind es 95 Prozent. Als Ende Februar die Straße von Hormus blockiert wurde — jene Meerenge, durch die rund ein Fünftel des Welt-Öltransports läuft —, brauchte es keine einzige Lieferunterbrechung nach Deutschland, um den Preis explodieren zu lassen. Brent sprang von etwa 72 auf zeitweise über 120 Dollar je Barrel. Der Diesel erreichte am Ostersonntag im Tagesdurchschnitt 2,44 Euro. Ein Krieg 4.000 Kilometer entfernt, und der Pendler in Gelsenkirchen zahlt. Das ist der Mechanismus, und er ist nicht repariert, nur gerade nicht ausgelöst.
Man kann dagegenhalten, und das ist das stärkste Argument der Gegenseite: Der Markt hat funktioniert. China zehrte von eigenen Reserven aus billigem iranischem und russischem Öl und dämpfte so den globalen Preisauftrieb; die Preise fielen binnen Wochen fast auf den Ausgangswert zurück. Die deutsche Inflation, im April auf 2,9 Prozent gesprungen, sank im Juni wieder auf 2,3 Prozent. Kein Zweitrundeneffekt, keine Lohn-Preis-Spirale, keine dauerhafte Teuerung. Wozu also die Aufregung, wenn das System sich selbst korrigiert?
Weil die Selbstkorrektur hier nicht Deutschlands Werk war, sondern Chinas Lagerhaltung und einer geopolitischen Entspannung, auf die Berlin keinen Einfluss hatte. Ökonomen der Bundesbank nennen die Lage am Golf weiter fragil. Verwundbarkeit, die nur deshalb nicht schmerzt, weil der Schlag diesmal glimpflich ausging, bleibt Verwundbarkeit. Wer seine Sicherheit auf das Wohlwollen fremder Reservetanks baut, hat keine Sicherheit, sondern Glück gehabt.
Und hier wird die Antwort der Regierung interessant — nicht weil sie falsch ist, sondern weil sie das Kriterium wechselt, ohne es zu sagen. Der Tankrabatt senkte die Energiesteuer für zwei Monate um rund 17 Cent brutto je Liter, dann lief er aus. Für 2026 stehen 29,5 Milliarden Euro bereit, um die Stromkosten von Haushalten und Wirtschaft zu stabilisieren; die Stromsteuer für Industrie, Land- und Forstwirtschaft sinkt dauerhaft auf das europäische Mindestmaß. Das alles federt den Preis ab. Nichts davon senkt die Abhängigkeit, die den Preis erst verwundbar macht. Es ist Schmerzmittel, kein Impfstoff — und das ifo-Institut wie das DIW bezweifeln, ob es überhaupt zielgenau bei denen ankommt, die es am dringendsten brauchen: den einkommensschwachen Haushalten, deren Budget die Energiekosten anteilig am härtesten treffen.
Der zweite Hebel wäre der eigentliche. 2022 überwies Deutschland netto 137,3 Milliarden Euro für fossile Energieimporte ins Ausland; 2025 waren es noch rund 69 Milliarden — jährlich Kapital, das nicht in heimische Wertschöpfung fließt, sondern in Förderländer, deren Politik Berlin nicht kontrolliert. Jede Kilowattstunde aus Wind und Sonne ist eine Kilowattstunde, die kein Krieg am Golf verteuern kann. Der Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch lag Ende 2025 bei 55,1 Prozent, das Ziel für 2030 heißt 80 Prozent. 2025 wurden rund 900.000 Photovoltaikanlagen installiert, im Schnitt 102 pro Stunde. Das ist Fortschritt mit Zahlen, kein Versprechen.
Doch das Erdöl im Dieseltank erreicht dieser Fortschritt nicht. Strom aus Sonne bewegt keinen Lkw, der auf Verbrennung läuft, und der Verkehrssektor bleibt fast vollständig am fossilen Import hängen. Genau dort, wo der Iran-Krieg am direktesten zuschlug — an der Zapfsäule —, ist die Energiewende am schwächsten. Der Steelman der Regierung, sie tue ja etwas, trifft für den Strommarkt. Für den Tank trifft er nicht.
Was würde dieses Urteil widerlegen? Ein Beleg, dass die Milliarden für Entlastung schneller zur Unabhängigkeit führen als der Ausbau selbst — den liefert keine der vorliegenden Zahlen. Solange das so bleibt, gilt: Die Regierung bekämpft den Preis und lässt die Abhängigkeit stehen, die den Preis diktiert.
Die drei Cent stimmen. Nur erzählen sie die Geschichte einer Rückkehr, wo eine Warnung nötig wäre. Der nächste Schlag am Golf kommt bestimmt — die einzige offene Frage ist, ob China dann wieder aushilft.
