Einem Bericht des SRF zufolge kaufen KI-Firmen Antiquariate leer und vernichten die Bücher, aus denen sie zuvor Trainingstext gewonnen haben.
Das ist die eine Bewegung. Sie zerstört das Objekt und behält den Text.
Es gibt eine zweite, entgegengesetzte, und sie läuft in denselben Monaten: In Museen, Archiven und archäologischen Instituten wird KI eingesetzt, um Objekte zu erhalten, die sonst niemand mehr lesen könnte – zerbrochene Fresken, verschlüsselte Handschriften, Keilschrifttafeln. Beide Bewegungen benutzen dieselbe Technologie. Die Frage dieses Textes ist, was die zweite über die erste verrät – und woran man in beiden Fällen erkennt, ob die alte Welt gewinnt oder verliert.
Zwei Wörter, ein Missverständnis
Zuerst muss ein Begriff auseinandergenommen werden, weil an ihm die ganze Debatte hängt: „Digitalisierung“. Er meint zwei Dinge, die nichts miteinander zu tun haben.
Das eine ist die Bewahrung des Objekts in Bildform. Ein Buch wird gescannt, das Original bleibt. Das andere ist die Extraktion des Textes für ein Sprachmodell – hier interessiert nur die Zeichenfolge, das Papier ist Abfall. Wer über „KI und alte Bücher“ spricht, muss sagen, welche der beiden Operationen er meint. Der SRF-Bericht beschreibt die zweite. Fast alles, was Museen und Archive tun, ist die erste.
An dieser Unterscheidung entscheidet sich, ob KI die materielle Kultur konserviert oder verzehrt. Und sie fällt in der öffentlichen Debatte fast immer weg.
Was die Erhaltungs-Seite konkret tut
Nimm ein Fresko aus Pompeji, in tausend Scherben. Das EU-geförderte Projekt RePAIR hat ein Robotersystem gebaut, das Bruchstücke nach Form, Kante und Oberflächenstruktur analysiert und Kandidaten für passende Nachbarn vorschlägt – die Rekonstruktionsarbeit, die ein Restaurator per Hand über Jahre leistet, verkürzt auf einen Bruchteil. Der Roboter greift die Fragmente, die Software rechnet die Passung. Das Objekt bleibt, es wird vollständiger.
Ähnlich in der Schrift-Entzifferung. Rund ein Prozent des Materials in Bibliotheken und Archiven weltweit gilt als verschlüsselt oder unlesbar – eine Zahl, die klein klingt und bei den Beständen des Bundesarchivs mit seinen etwa 540 Regalkilometern Schriftgut in die reale Größenordnung ganzer Aktenhäuser kippt. Das Projekt DESCRYPT an der Hochschule Niederrhein arbeitet daran, historische Chiffren und unbekannte Schriftsysteme maschinell zu erkennen. Modelle wie Ithaca rekonstruieren, datieren und verorten beschädigte altgriechische Inschriften.
Hier tut die KI genau das, was ihre Verteidiger versprechen: Sie macht zugänglich, was sonst im Magazin verstaubt. Der entscheidende Punkt ist, dass in all diesen Fällen das Original erhalten bleibt und die menschliche Prüfung nachgeschaltet ist – die Maschine schlägt vor, der Fachmann entscheidet.
Der Steelman der Vernichter
Wer die Buch-Zerschneider nur empört betrachtet, macht es sich zu leicht. Ihr Argument ist stärker, als es klingt.
Ein Sprachmodell braucht Text in Maschinenqualität. Ein historisches Buch liefert diesen Text am zuverlässigsten, wenn man den Bindungsrücken abschneidet und die planen Einzelblätter durch einen Einzugsscanner zieht – das ist schneller und fehlerärmer als jedes schonende Verfahren am gebundenen Band. Für den Zweck „sauberer Trainingstext“ ist die Zerstörung nicht Vandalismus, sondern das effizienteste Verfahren. Und viele der betroffenen Bücher sind keine Unikate, sondern Auflagentitel, von denen Hunderte Exemplare existieren.
Das ist das ehrliche Gegenargument, und es trägt weiter, als die Kulturempörung zugibt. Nur hat es eine Bruchstelle: Es setzt voraus, dass ein Antiquariat vor allem Text ist. Genau das ist es nicht.
Ein antiquarisches Buch trägt Informationen, die kein Scan erfasst – handschriftliche Widmungen, Besitzvermerke, Randnotizen früherer Leser, das Papier selbst als datierbares Objekt. Diese Spuren sind das Material der Provenienzforschung: der Rekonstruktion, durch wessen Hände ein Objekt ging. Wer den Rücken abschneidet, um den Text zu retten, vernichtet die Herkunftsspur, um den Inhalt zu behalten. Bei einem beliebigen Nachdruck ist das gleichgültig. Bei einem Exemplar mit Geschichte ist es der Verlust genau dessen, was es einmalig machte – und man weiß im Moment des Schnitts oft nicht, welches der beiden man in der Hand hält.
Dieselbe Technik, gegen sich selbst gewendet
Nun die Pointe, die beide Bewegungen zusammenbindet. Die Provenienzforschung, deren Spuren die Zerschneider vernichten, ist selbst zum Großabnehmer von KI geworden.
Das Jewish Digital Cultural Recovery Project durchsucht mit KI riesige Bestände nach Objekten, die in der NS-Zeit ihren Eigentümern geraubt wurden; das Ethnologische Museum Berlin lässt Dokumente aus kolonialen Kontexten maschinell transkribieren und verknüpfen, um Herkunftsketten sichtbar zu machen. Die WELT hat solche Verfahren im Überblick beschrieben. KI macht hier Aktenberge durchsuchbar, die ein Mensch in einem Forscherleben nicht durcharbeiten könnte, und legt Verdachtsmomente offen, die sonst nie auffielen.
Damit steht dieselbe Technologie auf beiden Seiten einer einzigen Frage. Sie hilft, die Herkunft von Kulturgut zu klären – und sie liefert, in ihrer Trainings-Variante, den ökonomischen Anreiz, genau die materiellen Träger dieser Herkunft zu zerstören. Das ist kein Widerspruch der Technik, sondern eine Frage der Verwendung. Und genau deshalb greift die pauschale Frage „Was macht KI mit der alten Welt?“ daneben: KI macht gar nichts, es kommt darauf an, wer sie wofür einspannt.
Wo die Erhaltungs-Seite selbst gefährlich wird
Auch die gute Seite hat eine Bruchstelle, und die Redlichkeit verlangt, sie zu benennen. Ein KI-Modell lernt aus den Daten, die man ihm gibt. Museumsbestände tragen die Sprache ihrer Entstehungszeit – kolonialrassistische Begriffe, stereotype Zuschreibungen, verzerrte Kataloge.
Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste warnt, dass eine KI solche Narrative unreflektiert übernimmt und im Namen der „Erschließung“ weiterverbreitet. Rekonstruiert ein Bildmodell einen antiken Tempel oder einen historischen Menschen, füllt es die Lücken mit dem Durchschnitt seiner Trainingsdaten – und produziert eher das gängige Klischee einer Epoche als deren belegte Realität, wie die Österreichische Akademie der Wissenschaften an der digitalen Tempelrekonstruktion durchbuchstabiert. Die Maschine halluziniert dort am überzeugendsten, wo niemand die Wahrheit kennt.
Deshalb reagieren die vorsichtigen Häuser prozedural, nicht euphorisch. Der KHM-Museumsverband in Wien hat KI-Prinzipien formuliert, die kostenlose kommerzielle Dienste ausschließen, deren Eingaben ihrerseits zu Trainingsmaterial würden. Man merkt: Wer das Kulturgut ernst nimmt, misstraut genau der Bequemlichkeit, die die Technik anbietet.
Woran man es in einem Jahr erkennt
Die Deutung dieses Textes lautet: Nicht „KI gegen Tradition“ ist die Bruchlinie, sondern „Text gegen Objekt“. Überall, wo nur die Zeichenfolge zählt, gerät der materielle Träger unter ökonomischen Druck. Überall, wo das Objekt der Gegenstand bleibt, wird KI zum Werkzeug seiner Erhaltung.
Prüfbar wird diese Deutung an zwei Punkten. Erstens: Bildet sich bis Mitte 2027 ein rechtlicher oder marktförmiger Mechanismus, der zwischen Auflagentitel und Unikat unterscheidet, bevor ein Buch in den Trainings-Scanner wandert – oder bleibt der Schnitt ungeregelt? Zweitens: Setzen sich prozedurale Selbstbindungen nach Art der Wiener KI-Prinzipien in den großen deutschen Häusern durch, oder bleibt es bei Einzelfällen?
Fällt beides negativ aus, wird man rückblickend sagen, die alte Welt habe ihren Wert an dem Tag verloren, an dem er sich nicht mehr in Trainingstoken auszahlte. Fällt es positiv aus, hätte die Kultur gelernt, ihr eigenes Werkzeug zu bändigen. Der Scanner steht schon bereit. Was fehlt, ist die Regel, die ihm sagt, wann er warten soll.
