Zahlen wie diese ordnet man normalerweise Katastrophen zu. Hitze wird stattdessen verwaltet.
Und das ist der Punkt, an dem der deutsche Hitzeschutz scheitert, gemessen an dem Kriterium, das für ein Gesundheitsrisiko zählt: der Fähigkeit des Staates, Menschen am Leben zu halten, bevor die nächste Welle kommt. Nicht die Absicht fehlt. Die Struktur schützt niemanden.
Man sieht das an einem einzigen Satz aus dem Bundesumweltministerium, der Ende Juni 2024 fiel: Der Bund sieht beim Hitzeschutz Länder und Kommunen in der Pflicht. Formal stimmt das. Klimaanpassung ist kommunale Aufgabe, seit dem Klimaanpassungsgesetz vom 1. Juli 2024 sogar eine gesetzlich verankerte. Nur folgt daraus kein Schutz, sondern eine Zuständigkeitskette, an deren Ende die Stadt Duisburg oder der Landkreis Nordfriesland steht — mit leerer Kasse und ohne Personal.
Was die Verteidiger der jetzigen Ordnung anführen
Nehmen wir das Gegenargument in seiner stärksten Form. Wer den föderalen Zuschnitt verteidigt, hat einen guten Grund: Hitze trifft lokal unterschiedlich. Ein begrünter Innenhof in Freiburg hilft anders als eine Trinkbrunnen-Kampagne in einem Plattenbauviertel. Ein Bundes-Hitzeplan, der aus Berlin jeder Kommune dasselbe vorschreibt, wäre teurer und dümmer als ein lokaler. Der Bund hat auch nicht nichts getan: Das Bundesgesundheitsministerium legte 2023 einen Hitzeschutzplan vor, rund 2.500 lokale Projekte fördern Stadtgrün und Entsiegelung, 60.000 Stadtbäume sind gepflanzt, 300.000 weitere bis 2030 versprochen. 324 Klimaanpassungsmanager arbeiten in Kommunen. Und aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität stehen bis zu 100 Milliarden Euro bereit, aus denen auch Hitzeschutz bezahlt werden kann.
Das ist kein Nichtstun. Es ist die richtige Antwort auf die falsche Frage.
Denn die Zahlen, die den Fortschritt belegen sollen, belegen bei Licht besehen das Versagen. Bis Mai 2023 hatten 84 Prozent der Kreise und Städte keinen offiziellen Hitzeaktionsplan. Sieben von sechzehn Bundesländern haben bis heute einen landesweiten Plan — die anderen neun nicht. 60.000 gepflanzte Bäume klingen nach viel; verteilt auf über 10.000 Kommunen sind es sechs pro Ort. Und die 100 Milliarden aus dem Sondervermögen sind ein Topf, aus dem Hitzeschutz bezahlt werden kann — neben Brücken, Schienen, Netzen und allem anderen, was seit Jahren auf Geld wartet. Ein Betrag, den man teilen darf, ist kein Budget. Er ist eine Möglichkeit.
Das Kriterium heißt: Wer stirbt, wenn es heiß wird
Klimaanpassung an eine Ebene zu delegieren, die dafür weder Geld noch verbindlichen Auftrag hat, ist keine Subsidiarität. Es ist Verantwortungsdelegation nach unten bei Ressourcenkonzentration oben. Der Deutsche Städtetag sagt es in seinen Beschlüssen klar: Er fordert verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie, auskömmliche Finanzierung. Übersetzt heißt das: Die Städte sollen liefern, aber weder Werkzeug noch Werkstatt sitzen bei ihnen. Die Bundesärztekammer wird deutlicher und nennt die Vorbereitung auf Extremhitze unzureichend — sie verlangt verbindliche Vorgaben und klare Zuständigkeiten.
Der Denkfehler steckt in der Kategorie selbst. Hochwasserschutz, Seuchenabwehr, Katastrophenvorsorge — für vergleichbare Gefahren hält der Staat verbindliche Strukturen und Bundesgeld bereit. Hitze zählt in Deutschland mehr Tote als die meisten dieser Lagen und wird trotzdem behandelt wie eine Frage der Stadtplanung. Das Klimaanpassungsgesetz verpflichtet die Länder, dafür zu sorgen, dass Kommunen Konzepte erstellen. Konzepte. Nicht Klimaanlagen in Pflegeheimen, nicht beschattete Bushaltestellen, nicht Trinkwasserstellen — sondern die Pflicht, sich die Pflicht zu geben.
Man muss den Blick nur nach Großbritannien richten, um zu sehen, dass es keine deutsche Eigenart ist. So wurden allein in England für den Sommer 2022 schätzungsweise 2.985 hitzebedingte Todesfälle verzeichnet. Britische Wohnungen sind baulich nicht für Hitze gemacht, sagen Forschende — genau wie deutsche. Das Muster ist überall dasselbe: reiche Gesellschaften, die eine tödliche Gefahr für ein Ärgernis halten, weil sie leise kommt.
Der stille Killer und die stille Politik
Was der Debatte fehlt, ist die zweite Hälfte des Schadens. Hitze tötet nicht nur, sie zermürbt. An sehr heißen Tagen steigen Notaufnahmebesuche wegen psychischer Erkrankungen im Schnitt um acht Prozent, die Aufnahmen wegen Psychosen um zwei Drittel — Zahlen aus britischer Forschung, die für deutsche Städte kaum anders ausfallen dürften. Schlafentzug verschärft Depressionen, Hitze kann die Wirkung von Psychopharmaka verändern. Und unter jungen Menschen wächst eine Belastung, die man vor zehn Jahren nicht kannte: 59 Prozent der 16- bis 25-Jährigen empfinden Klimaangst als sehr oder extrem belastend. Das ist keine Modeerscheinung, sondern eine rationale Reaktion auf eine Politik, die das Problem sieht und trotzdem an die nächste Ebene weiterreicht.
Hier trifft ein Einwand, den man einräumen muss: Ein Teil dessen, was der Bund tut, wirkt tatsächlich. Aufklärung senkt Todeszahlen, Warnsysteme retten Leben, ein gepflanzter Baum kühlt einen Platz. Der Hitzeschutzplan von 2023 wollte die Zahl der Hitzetoten halbieren — ein Ziel, das ohne Bundesengagement gar nicht erst formuliert worden wäre. Das Problem ist nicht, dass der Bund nichts tut. Es ist, dass er das Nötige freiwillig macht und das Freiwillige für ausreichend erklärt.
Wer 4.500 Tote in einem Sommer als kommunale Zuständigkeit verbucht, hat die Kategorie verwechselt. Solange Hitzeschutz eine Kann-Aufgabe bleibt, für die neun von sechzehn Ländern nicht einmal einen Plan haben, wird jeder heiße Sommer seine Toten zählen — und jeder Herbst wird ein Ministerium finden, das erklärt, wer eigentlich zuständig gewesen wäre.
