Die stärkste Leistung dieser Studie ist eine Reihe von Nein. Nein, es liegt nicht an der Leserichtung – das Muster tritt auch dort auf, wo von rechts nach links gelesen wird. Nein, es liegt nicht an der Händigkeit – Rechts- und Linkshänder drehen gleich. Nein, es liegt nicht an Verkehrsregeln oder kultureller Prägung – in Spanien und Japan, zwei Ländern mit gegenläufiger Straßenordnung, bewegten sich die Menschen dennoch überwiegend gegen den Uhrzeigersinn. Bei Kindern war der Effekt sogar ausgeprägter als bei Erwachsenen, wie Deutschlandfunk Nova die Ergebnisse zusammenfasst.

Das ist gute Empirie. Sie räumt auf. Sie streicht die bequemen Erklärungen, die man sich am Küchentisch zurechtlegt, und lässt einen Rest stehen, der sich nicht wegargumentieren lässt. So arbeitet Wissenschaft im besten Fall: Sie verkleinert den Raum des Möglichen, bis nur noch das Harte übrig bleibt.

Und genau hier beginnt das Problem – nicht mit der Studie, sondern mit dem, was aus ihr gemacht wird.

Die Forscher um Claudio Feliciani vermuten, wie wissenschaft.de berichtet, „neurologische oder biomechanische“ Ursachen. Man sollte diesen Satz zweimal lesen. Er klingt nach Antwort und ist keine. „Neurologisch oder biomechanisch“ heißt übersetzt: Es steckt entweder im Kopf oder im Körperbau – also irgendwo im Menschen. Das ist ungefähr so präzise wie die Auskunft, ein Motor gehe kaputt, weil etwas mit der Mechanik nicht stimme. Der Halbsatz benennt den Ort des Rätsels. Er löst es nicht.

Man muss den Forschenden das nicht vorwerfen. Sie sagen ausdrücklich, dass die Ursache offen sei – und das ist die redliche Position. Der Zeigefinger gehört woandershin: auf den Reflex, ein belegtes Nichtwissen sofort mit einer Erklärung zu überkleben, die keine ist.

Hier lohnt der stärkste Einwand gegen die eigene Skepsis. Man könnte sagen: Jede Wissenschaft beginnt so. Erst die Beobachtung, dann die vage Hypothese, dann, über Jahre, das Modell. Newton wusste nicht, warum Massen sich anziehen; er beschrieb nur, dass und wie stark. Die Formel kam vor dem Verständnis. Warum also nicht dem Linksdrall dieselbe Geduld gönnen? Der Einwand trifft – teilweise. Er rechtfertigt die offene Frage. Er rechtfertigt nicht das vorschnelle Etikett. Newton nannte seine Gravitation nicht „irgendwas mit Anziehung“ und tat so, als sei damit etwas gewonnen. Er quantifizierte, was er messen konnte, und schwieg über den Rest. Hypotheses non fingo – Hypothesen erdichte ich nicht. Das ist der Unterschied zwischen einer offenen Frage und einer verkleideten.

Das Kriterium, an dem sich der Fall entscheidet, ist die Grenze zwischen dem, was Wissenschaft erklären kann, und dem, was sie nur benennen kann. Diese Studie hat eine Regelmäßigkeit gefunden. Eine Regelmäßigkeit ist noch kein Grund. Sie ist eine Frage in Datenform. Und die Versuchung, die Frage für die Antwort zu halten, wächst mit jeder Schlagzeile, die vom „rätselhaften Linksdrall der Menschheit“ raunt.

Denn die öffentliche Faszination – und sie ist echt, Watson und Futurezone haben den Befund breit getragen – speist sich nicht aus dem, was man weiß, sondern aus der Lücke. Ein universelles Muster ohne bekannte Ursache ist eine perfekte Projektionsfläche. Auf sie legt der eine die Evolution, der andere eine urtümliche Vorliebe fürs Linksdrehen, der dritte eine kosmische Bedeutung. Das Stadion läuft linksherum, der Supermarkt führt uns linksherum, das Pferderennen dreht linksherum – schon fügt sich alles zu einem Bild, das nur den Fehler hat, keiner Prüfung standzuhalten. Die Sportregel, die seit 1913 das Laufen gegen den Uhrzeigersinn vorschreibt, wie Fitbook darlegt, ist eine Konvention. Sie erklärt den biologischen Befund nicht, sie ist bestenfalls seine kulturelle Verstärkung – und möglicherweise nicht einmal das.

Das ist der eigentliche Ertrag dieses Falls, und er liegt quer zur Frage, ob wir irgendwann wissen werden, warum wir links herum gehen. Vermutlich werden wir es. Vielleicht liegt es in einer minimalen Asymmetrie der Beinsteuerung, vielleicht in der Verschaltung des Gleichgewichtssinns. Der Ertrag ist ein anderer: Er zeigt, wie schmal der Grat ist zwischen einer Wissenschaft, die ihr Nichtwissen aushält, und einer Öffentlichkeit, die es nicht erträgt.

Ein belegtes „Wir wissen es noch nicht“ ist keine Schwäche der Forschung. Es ist ihr ehrlichster Zustand. Die Studie hat sauber gemessen und redlich zugegeben, wo sie endet. Die Zumutung liegt nicht bei den Forschenden – sie liegt bei uns, die wir eine Lücke lieber mit einer schönen Geschichte füllen als mit dem Eingeständnis, dass wir vor einem gemessenen Rätsel stehen.

Man kann das aushalten. Man muss nur aufhören, das Etikett auf der Schublade für ihren Inhalt zu halten.