Fünfzehntausend Tote in einem Sommer, überfüllte Leichenhallen, ein Staat, der sich zurückzog, während seine Alten in ihren Wohnungen starben — das war Frankreich 2003, dokumentiert vom Spiegel noch mitten in der Katastrophe. Die Zahl wurde zum Trauma und zum Lehrstoff. Ein Jahr später stand der „Plan Canicule": vier Warnstufen, aktiv vom 1. Juni bis 15. September, Kühlräume, Hausbesuche bei Risikogruppen, kostenloser Bäderzugang bei höchster Stufe — gesteuert von Santé Publique und Météo-France.

Dieser Plan funktioniert. Das muss man zuerst festhalten, ehrlich und ohne Abzug.

Als im Juni 2026 die nächste Katastrophe kam — eine Omegalage, die nordafrikanische Luft über den Kontinent stülpte und dort festhielt —, meldete Frankreich rund 1.000 zusätzliche Todesfälle, so die World Weather Attribution. Nicht 15.000. Der Vergleich ist unfair und deshalb aussagekräftig: Die Hitze war schlimmer, das Sterben war geringer. Genau das ist der Beweis, dass Institutionen wirken, wenn man sie baut und bezahlt. Wer Anpassung für Symbolpolitik hält, muss diese Differenz von 14.000 Menschenleben erklären.

Und trotzdem lautet das Urteil: Europa ist durchgefallen. Nicht bei der Symptombehandlung — dort hat Frankreich vorgelegt. Sondern bei allem, was darüber hinausgeht.

Das Kriterium dafür ist Resilienz gegen Extremwetter, gemessen an zwei Dingen: Halten die Systeme dem stand, was auf sie zurollt, und wird die Ursache angegangen, oder nur das Symptom? Bei beiden Fragen fällt die Antwort ungemütlich aus.

Zur ersten: Die Warnsysteme puffern, aber sie laufen dem Klima hinterher. Die Junihitze 2026 war rund zehnmal wahrscheinlicher als 2003, die tödlicheren Nachttemperaturen sogar etwa hundertmal — belegt durch die Attributionsforschung. Dieselbe Wetterlage von 2003 wäre im Klima von 2026 zwei Grad heißer. Frankreich hat ein System gebaut, das die Hitze von 2003 bewältigt — die Hitze von 2026 verlangt schon wieder mehr. Der neue nationale Höchstwert lag bei 45,9 °C, höher als je zuvor gemessen. Frankreich rennt, aber der Gegner ist schneller.

Zur zweiten Frage, der Ursache: Hier wird das Bild schlicht düster. Der „Plan Canicule" behandelt das Fieber, nicht die Krankheit. Kühlräume und Hausbesuche retten Leben in der akuten Woche — sie senken keine einzige Tonne CO₂. Die Europäische Umweltagentur rechnet vor, dass bis Ende des Jahrhunderts jährlich bis zu 90.000 Menschen an Hitze sterben könnten; bei Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad wären es 30.000. Die Differenz von 60.000 Toten pro Jahr entscheidet sich nicht in Frankreichs Kliniken, sondern in der Klimapolitik der Union.

Nun das stärkste Gegenargument. Man könnte sagen: Anpassung ist genau die richtige Antwort, weil der Klimawandel bereits eingepreist ist. Selbst bei sofortigem Emissionsstopp bliebe die Erde für Jahrzehnte heiß — also ist der pragmatische Ausbau von Warnsystemen, Kühlräumen und hitzefester Infrastruktur klüger als die Illusion, man könne die Katastrophe noch abwenden. Das Argument trifft, und zwar zur Hälfte. Anpassung ist notwendig, keine Ausrede — die 14.000 geretteten Leben beweisen es. Nur ist Anpassung ein Bremssystem, kein Lenkrad. Sie verlangsamt das Sterben; sie stoppt es nicht. Wer allein auf Anpassung setzt, akzeptiert stillschweigend, dass jeder Sommer heißer wird als der letzte — und wettet darauf, dass die Kühlräume schneller wachsen als die Hitze. Diese Wette hat Frankreich 2026 knapp verloren.

Deutschland und Dänemark liefern die Fußnote zum Problem. Beide brachen 2026 nationale Rekorde — 41,5 °C in Deutschland, 37,0 °C in Dänemark, wo der bisherige Juni-Rekord bei 35,5 °C lag. Die Bahn riet vom Reisen ab, in Leipzig schmolzen Straßenbahngleise. Länder, die sich Hitze bislang als südeuropäisches Problem leisten konnten, holen das französische Trauma erst noch nach — ohne das erprobte Warnsystem im gleichen Reifegrad. Frankreich hat 2003 seine Lektion mit 15.000 Toten bezahlt. Wer glaubt, der Norden komme günstiger davon, verwechselt den bisherigen Zufall mit einem Plan.

Die Lehre aus 2003 war richtig und sie war unvollständig. Frankreich hat gelernt, Menschen durch die Hitzewoche zu bringen. Europa hat noch nicht gelernt, die Hitzewelle selbst kleiner zu machen. Der nächste Sommer wird nicht fragen, ob wir bereit sind. Er wird nur heißer sein.