Es gibt einen Satz, der in fast jeder Ankündigung dieser Produktion steht: Kehlmanns Roman sei heute so aktuell wie nie, weil auch unsere Zeit aus den Fugen sei. Der Satz stimmt und sagt nichts. Krieg, Fanatismus, das Auseinanderbrechen einer Ordnung – das findet sich in jedem historischen Stoff, den man auf eine deutsche Bühne hebt, von Schiller bis Brecht. Die Frage ist nicht, ob ein Regisseur die Parallele behaupten kann. Die Frage ist, ob die Inszenierung sie einlöst, ohne sie auszusprechen.
Christian Stückl löst sie an drei Stellen ein, und an einer verfehlt er sie.
Die erste Stelle ist das Bühnenbild von Stefan Hageneier: eine drehbare Ruine, die laut Spiegel ebenso an den Zweiten Weltkrieg wie an heutige Straßenschlachten erinnert. Das ist die richtige Bewegung. Die Ruine behauptet keine Gegenwart, sie lässt den Zuschauer die Ähnlichkeit selbst herstellen – ein Trümmerbild ist ein Trümmerbild, ob 1631, 1945 oder in einer Meldung von heute. Hier arbeitet die Regie mit dem Auge des Betrachters, nicht gegen es.
Die zweite Stelle ist die Chronologie. Kehlmanns Roman springt durch die Zeiten, verweigert die gerade Linie, macht aus Tyll einen Fixpunkt in einem zerfallenden Gefüge. Stückl erzählt gerade, beginnt mit der Kindheit und der Hinrichtung des Vaters als Ketzer, wie die Nachtkritik beschreibt. Man kann das als Verrat am literarischen Bau lesen. Man kann es auch als das Gegenteil verstehen: Wer einen 2000-Sitzer mit Laien bespielt, braucht eine Erzählung, die trägt. Die gerade Linie ist kein Rückschritt hinter Kehlmann, sie ist die Übersetzung in ein anderes Medium. Der Roman denkt in Sprüngen, das Massentheater in Bögen.
Die dritte Stelle ist Athanasius Kircher, den eine Kritik als „arge Verfälschung" des historischen Vorbilds nennt. Genau das ist der Punkt. Kehlmanns Kircher ist kein Gelehrter, sondern ein Scharlatan mit Doktortitel, ein Mann, der die Welt nach seiner Theorie zurechtbiegt, statt sie zu betrachten. Wer das für Geschichtsklitterung hält, hat die Pointe verpasst: Die Figur zielt nicht auf den realen Jesuiten, sondern auf einen Typus, der jede Epoche bewohnt. Der Experte, der recht behält, indem er die Wirklichkeit übergeht – das braucht keine ausgestellte Aktualisierung. Es genügt, ihn zu spielen.
Und jetzt der Einwand, der die freundliche Lesart auf die Probe stellt. Die Abendzeitung spricht von „wohlfeilem Theaterpazifismus". Der Vorwurf sitzt, und er ist der eigentliche Prüfstein. Ein Höllenspektakel mit Zirkusnummern, Feuer, Chor und einem Akrobaten über dem Publikum kann die Gewalt, von der es erzählt, auch verkaufen. Krieg als Nummer, Pest als Effekt, das Grauen als Grund für Applaus. Wo die Inszenierung staunen macht, macht sie unter Umständen nichts weiter als staunen. Der Seiltanz ist die schönste Metapher des Abends – ein Mensch balanciert über dem Abgrund, ein Fehltritt und er fällt – und zugleich die gefährlichste, weil das Publikum die Gefahr genießt, ohne sie zu tragen.
Hier hilft kein Freispruch. Wo eine Produktion die Katastrophe in Schauwert übersetzt, muss sie beweisen, dass der Schauwert nicht das Letzte ist. Die Kritiken deuten an, dass Stückl das gelingt, wo Maximilian Benders Tyll vom spielerischen Hoffen in verzweifelten Sarkasmus kippt – dort, wo der Narr merkt, dass sein Überleben kein Sieg ist, sondern nur das Ausbleiben des Todes. Ob dieser Kipppunkt trägt oder in der Materialschlacht untergeht, entscheidet, ob die Inszenierung ihr eigenes Kriterium besteht. Das lässt sich aus den vorliegenden Rezensionen nicht abschließend beantworten; die Berichte loben Schauwert und Klarheit, bleiben bei der Frage nach der Tiefe zurückhaltender.
Bleibt das Klischee, gegen das dieser Kommentar geschrieben ist. Theater, heißt es, halte der Gegenwart einen Spiegel vor. Der Satz ist so wahr wie leer. Ein Spiegel zeigt, was ohnehin da ist. Die interessantere Frage ist nicht, ob „Tyll" die Gegenwart spiegelt – jede Ruine tut das, jeder Krieg auf der Bühne –, sondern ob die Inszenierung etwas zeigt, das man nicht schon wusste, bevor man den Saal betrat. Die drehbare Ruine, der falsche Gelehrte, der Narr, dessen Überleben ihn nicht rettet: Das sind die Momente, in denen der Abend über die Bebilderung hinausgeht.
Wo er nur bebildert, ist er Tourismus. Das Übernachtungspaket „Ammergauer Theatermomente" mit Blick hinter die Kulissen gibt es dazu. Der Unterschied zwischen Kunst und Kulisse entscheidet sich nicht am Stoff, sondern an der Frage, ob der Akrobat oben abstürzen könnte – oder ob unten alle wissen, dass er es nicht tut.
