Kehlmanns Roman beginnt mit dem Tod. Ein Erzähler-Wir berichtet, wie der berühmte Gaukler in eine Stadt kommt, und schon auf den ersten Seiten steht fest, dass diese Stadt untergehen wird. Dann springt das Buch zurück, vor, wieder zurück — durch den Dreißigjährigen Krieg, durch die Kindheit Tylls, durch Schlachten, die es nicht chronologisch abhandelt, sondern wie Splitter eines zerschlagenen Spiegels ausbreitet. Wer das liest, weiß am Ende weniger sicher, was zuerst geschah, als am Anfang. Das ist keine Nachlässigkeit. Das ist die Sache selbst.

Stückl kehrt diese Anlage um. Im Passionstheater Oberammergau, wo seine Inszenierung am 26. Juni 2026 Premiere hatte und bis in den Juli läuft, wird die Geschichte von vorn nach hinten erzählt: Kindheit, Ketzerprozess des Vaters, Flucht, Krieg, Seiltanz. Eine gerade Linie. Die Abendzeitung München beschreibt, wie das Stück mit der traumatischen Verurteilung des Vaters als Ketzer beginnt und den Zuschauer von dort an der Hand nimmt.

Bevor man das für Verrat hält, lohnt der Blick auf das, was Stückl damit gewinnt — und warum die Vorlage ihm kaum eine andere Wahl ließ.

Warum die Bühne nicht springen kann, wie das Buch springt

Ein Roman kann seinen Leser desorientieren, ohne ihn zu verlieren. Man blättert zurück, liest eine Seite noch einmal, hält die Splitter selbst zusammen. Das Theater hat diese Rückblätter-Funktion nicht. Zwei Stunden laufen in eine Richtung, und ein Publikum von bis zu 2000 Menschen im Passionstheater kann nicht individuell anhalten. Die nicht-lineare Form des Romans ist an das Medium Buch gebunden — sie lässt sich nicht ohne Verlust auf die Bühne heben.

Stückl zieht daraus die Konsequenz. Er baut, was nachtkritik.de eine "klare Bühnenerzählung" nennt: eine drehbare Ruine als Bühnenbild, umstellt von winterlichen Tannen, die in den Kriegsszenen von roten Akzenten durchbrochen werden. Dazu Zirkusnummern, ein Chor, Orchesterkulisse, ein professioneller Seiltänzer neben rund 60 Darstellern, die zum großen Teil Laien aus Oberammergau sind. Tyll schwebt am Ende auf einem Seil über der Bühne — der Narr, der die Wahrheit sagt und dem Tod von der Schippe springt. Der Spiegel nennt das Ergebnis die "cleverste Kopfdurchlüftung dieses Theatersommers" und lobt das "komische Höllenspektakel mit Zirkusnummern".

Das ist die stärkste Lesart der Adaption: Sie übersetzt nicht die Erzähltechnik des Romans, sondern seinen Stoff — Hunger, Gewalt, religiösen Fanatismus — in die Sprache eines Theaters, das seit 1634 vom großen Bild lebt. Oberammergau kann Massenszenen, kann Feuer, kann den einzelnen Körper gegen die Kulisse stellen. Stückl spielt aus, was der Ort hergibt.

Was die gerade Linie kostet

Und doch trifft der Einwand der Kritik einen wunden Punkt, den man nicht wegmoderieren kann. Wenn die zersprungene Form bei Kehlmann die Sache selbst ist — wenn das Buch gerade dadurch von Krieg erzählt, dass es keine tröstende Ordnung mehr zulässt —, dann gibt die Chronologie dem Zuschauer genau den Halt zurück, den der Roman ihm verweigert. Der Krieg wird erzählbar, überschaubar, hat Anfang und Ende. Die Abendzeitung lobt das Schauspielerische, macht aber inhaltlich Abstriche; nachtkritik verbucht "hohen Schau- und bitteren Erkenntniswert", registriert also die Reibung zwischen Spektakel und Substanz. Der Vorwurf des "wohlfeilen Theaterpazifismus" zielt genau darauf: Wo alles gut ausgeleuchtet und eindeutig ist, wird das Grauen konsumierbar.

Der Begriff, um den hier gerungen wird, ist "Werktreue" — und er taugt weniger, als er verspricht. Die gängige Definition, wie sie Wikipedia) referiert, versteht Adaption als Anpassung eines Werks an ein anderes Medium, "wobei der Gehalt des Originals möglichst wenig verändert werden soll". Nur: Was ist der Gehalt? Die Handlung? Die lässt sich nacherzählen. Die Form? Die lässt sich oft nicht mitnehmen. Bei "Tyll" fallen beide auseinander. Wer die Handlung treu überträgt, muss die Form verraten. Wer die Form retten wollte, müsste die Handlung zertrümmern — und hätte kein Theater mehr, sondern ein Experiment.

Der Prüfstein liegt woanders

Ein Blick auf zwei andere Stoffe schärft das Maß. Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" wird seit 1865 unablässig adaptiert — die erste professionelle Bühnenfassung entstand 1886, unter Carrolls eigener Mitwirkung. Der Stoff überlebt jede Übertragung, weil sein Kern die Bildlogik des Traums ist, die sich auf Bühne, Leinwand und in die Oper gleichermaßen übersetzen lässt. Cornelia Funkes "Wilde Hühner" wiederum funktionieren als Film und als Jugendtheater, weil ihr Gehalt in den Figuren und ihren Konflikten liegt, nicht in einer Erzähltechnik. Beide Vorlagen tragen ihren Sinn in etwas, das mediengängig ist.

Kehlmanns "Tyll" ist der schwierigere Fall, weil sein Sinn zum Teil in der Verweigerung liegt — im Nicht-Erzählen, im Sprung, in der Ungewissheit. Genau deshalb ist die Frage nach "Treue" hier die falsche. Die brauchbarere Frage lautet: Findet die Inszenierung im neuen Medium eine eigene Form, die das Gleiche leistet wie die Form der Vorlage — nur mit den Mitteln der Bühne? Stückls Antwort ist der Seiltänzer über den Köpfen: der Körper, der jederzeit fallen kann, die Ungewissheit als physisches Ereignis statt als Erzählstruktur. Ob das reicht, um den Verlust der zersprungenen Chronologie aufzuwiegen, ist der eigentliche Streit — nicht die Frage, ob Stückl "dem Buch treu" sei.

Dass der Stoff Übersetzungen aushält, hat er bewiesen. Der Roman verkaufte sich in Deutschland fast 600.000 Mal, stand 2020 in englischer Übersetzung auf der Longlist des International Booker Prize und wird von den Machern der Netflix-Serie "Dark" fürs Fernsehen adaptiert, wie der Spiegel berichtete. Jedes Medium wird andere Teile retten und andere opfern. Die Serie wird die Sprünge vermutlich zurückgewinnen, die das Theater verlieren musste — und dafür anderes verlieren.

Was Stückls Fassung wirklich trägt, zeigt sich nicht in der Premierenkritik. Es zeigt sich in den Bildern, die haften bleiben, wenn der Applaus verklungen ist: der schwebende Narr, die brennende Ruine, der Junge, dessen Vater verbrannt wurde, weil er anders dachte. Bleiben diese Bilder, hat die Übersetzung getragen — auch ohne die Sprünge des Buchs. Verblassen sie neben der Erinnerung an ein hübsches Spektakel, war die gerade Linie zu teuer erkauft. Die letzten Vorstellungen im Juli werden es nicht beweisen. Aber sie werden zeigen, ob ein Publikum wiederkommt, das mehr sucht als eine Kopfdurchlüftung.