Slata Roschal las ihren Text, hörte der Jury zu und ging, bevor die Runde vorbei war. Sie begründete es als Protest gegen den Wettkampfcharakter des Preises und den Literaturbetrieb – Jurymitglied Mithu Sanyal zeigte Verständnis. Man kann das als Eklat abtun, als die übliche Klagenfurter Aufregung, die jedes Jahr ein neues Ventil findet. Man kann es auch ernst nehmen. Ich schlage das Zweite vor.
Denn die Frage, die über diesem Jubiläum schwebt – erfüllt der Bachmann-Preis noch seine Funktion als Seismograph für literarische und gesellschaftliche Strömungen? –, ist falsch gestellt. Sie unterstellt, Relevanz bemesse sich daran, ob die vierzehn vorgetragenen Texte die richtigen Themen tragen: Klimawandel, Care-Arbeit, Herkunft, Erinnerung. Das tun sie, Jahr für Jahr, zuverlässig. Und es sagt fast nichts.
Der Maßstab, an dem ich das Jubiläum messe, ist ein anderer: Ein Literaturereignis ist dann gesellschaftlich relevant, wenn es die Konflikte, die es verhandelt, an sich selbst vorführt – nicht nur in seinen Stoffen. Und genau hier liegt die Ironie, die kaum jemand aussprechen will: Der ehrlichste Text des 50. Bachmann-Preises war kein Text. Es war Roschals leerer Stuhl.
Das stärkste Argument gegen diese Lesart wiegt schwer, und ich will es nicht kleinreden. Klagenfurt funktioniert seit fast fünfzig Jahren als Sprungbrett. Tijan Sila 2024, unzählige davor – der Preis öffnet Verlagstüren, sichert Vorschüsse, macht aus unbekannten Namen lesbare Bücher. Die Stadt sicherte die Finanzierung trotz klammer Kasse und erhöhte das Preisgeld auf 30.000 Euro. Der gestrichene Literaturkurs für Autorinnen und Autoren unter 35 kehrte 2026 zurück. Das ist keine Institution im Sterben, das ist eine, die sich behauptet. Wer von Bedeutungsverlust spricht, ignoriert, dass die Live-Übertragung auf 3sat und im Deutschlandfunk der ernsten Literatur eine Reichweite verschafft, die sie sonst nirgends bekommt. Ein seltenes Format: Textkritik als öffentliches Ereignis, kostenlos, ohne Bezahlschranke.
Alles richtig. Und alles am Kern vorbei.
Denn was Klagenfurt zum öffentlichen Ereignis macht, ist zugleich sein wunder Punkt. Die Jury zergliedert die Texte vor den anwesenden Autorinnen und Autoren – live, mit Kameras, ohne Fluchtmöglichkeit. Kritiker nennen das seit Jahren ein Tribunal, manche sprechen von Mobbing. Meist wischt der Betrieb das weg: Wer sich exponiert, muss die Kritik aushalten. Roschal hat nicht widersprochen. Sie hat sich schlicht dem Mechanismus entzogen und damit gezeigt, dass er einer ist – dass die öffentliche Sezierung eines Textes nicht naturgegeben zum Schreiben gehört, sondern eine Entscheidung des Formats.
Und hier schließt sich der Kreis zur Namensgeberin, deren 100. Geburtstag das Jubiläum begeht. Bachmanns Werk – „Malina“, die Erzählungen – untersucht, wie sich Gewalt in Wahrnehmung, Sprache und Alltag einschreibt. Nicht die spektakuläre Gewalt, sondern die leise, die in Sätzen wohnt und in Blicken. Wer Bachmann feiert und gleichzeitig ein Format betreibt, in dem sieben Menschen einen Text und, unweigerlich, seine Verfasserin vor laufender Kamera bewerten, führt ihre These vor, ohne es zu merken. Das ist keine Anklage. Es ist die genaueste Aktualität, die man Bachmann zusprechen kann: Ihr Blick auf die Sprache trifft den Preis, der ihren Namen trägt.
Man wird einwenden, das sei zu viel Bedeutung für einen Abgang. Vielleicht. Ein einzelner Protest macht noch keinen Diagnosebefund. Möglich, dass Roschal schlicht einen schlechten Tag hatte und der Rest der Runde die Kritik als das nahm, was sie sein soll – ein Ringen um den Text, nicht um den Menschen. Sanyals Verständnis spricht eher dagegen. Aber der ehrliche Punkt bleibt: Ein einzelnes Ausscheren beweist keine Systemkrise. Es macht sie nur sichtbar für einen Moment.
Und deshalb lautet mein Urteil nicht, der Preis habe seine Relevanz verloren. Das Gegenteil. Er ist relevanter, als seine Selbstfeier vermuten lässt – nur nicht als Seismograph gesellschaftlicher Themen, den findet man in jedem Debütroman. Sondern als Ort, an dem der Literaturbetrieb seinen eigenen Preis bezahlt: Sichtbarkeit gegen Ausgeliefertsein. Klagenfurt ist kein Spiegel der Debatten da draußen. Es ist die Debatte, live, mit einem leeren Stuhl in der ersten Reihe.
Die Jury unter dem scheidenden Klaus Kastberger vergab am Ende geschlossen den Preis an Lena Schätte für „Was wir tragen“ – keine Stichwahl nötig, kein Streit. Vielleicht ist das der eigentliche Befund: Über die Texte war man sich einig. Über das Verfahren nicht. Wer wissen will, ob Klagenfurt eine Zukunft hat, sollte weniger fragen, welche Themen dort verhandelt werden – und mehr, ob es den nächsten leeren Stuhl aushält, ohne ihn wegzumoderieren.
