Die Tatsache zuerst, weil sie trägt: Am Rande des AfD-Parteitags wurden nach Franks Schilderung drei Journalisten der Plattform Apollo News beschimpft, verfolgt und geschlagen, einer davon zu Boden gebracht und mehrfach am Kopf getreten; die Polizei ermittelt, auch anhand des Videomaterials der BILD-Reporter. Wer Pressefreiheit gegen die Demokratie-Achse hält, muss das klar benennen: Ein Journalist, der wegen seiner Berichterstattung zusammengeschlagen wird, ist ein Angriff auf die Meinungsfreiheit, unabhängig davon, welche Plattform er vertritt und wer zuschlägt. Das gilt für Apollo News wie für die taz. Franks Empörung an diesem Punkt ist berechtigt, und seine Frage, warum die Solidarität ausbleibt, die bei umgekehrten Vorzeichen käme, ist ein legitimes Argument — kein Whataboutism, sondern der Test auf gleiche Maßstäbe.
Genau an diesem Test scheitert das Gespräch dann selbst.
Denn Frank wendet die Regel, die er einklagt, nicht auf sich an. Er sagt selbst, er sei „von Rechtsextremen bedroht worden, auch von Islamisten bedroht worden" — und lässt beide Sätze fallen wie Ballast, um sofort zur linken Gewalt als der eigentlichen, der „neuen Qualität" zu kommen. Ein Satz später wird die rechtsextreme Szene entlastet: Von denen passiere „zum Glück bislang kaum was". Das ist die Stelle, an der Beobachtung in Rahmung kippt. Wer die Bedrohungslage für Journalisten ernsthaft vermessen will, zählt Fälle und nennt Zahlen — er entscheidet nicht per Bauchgefühl, welche Bedrohung die zweitrangige ist. Dass Frank selbst von drei Seiten bedroht wurde, widerlegt seine eigene Zuspitzung, während er sie ausspricht.
Zweitens die historische Übersteigerung. „Weimar", „Bürgerkrieg", „Straßenkampf" — das sind keine Beschreibungen eines Übergriffs durch eine Gruppe Vermummter, das sind Etiketten mit maximaler Fallhöhe. Sie tragen nicht. Weimar meint einen Staat, dessen Sicherheitsapparat gegen die Gewalt der Straße nicht mehr durchdrang. Franks eigene Schilderung sagt das genaue Gegenteil: Die Polizei habe die Lage „sehr gut im Griff" gehabt, habe die Blockierer mit dem morgendlichen Shuttle „komplett ausgenockt", habe fünf Steindepots geräumt. Ein Staat, der 10.000 Beamte aufbietet und die Gegendemonstranten ins Leere laufen lässt, ist der funktionierende Rechtsstaat, nicht sein Zusammenbruch. Der Bürgerkriegs-Vergleich und der Polizei-Bericht stehen im selben Interview und widersprechen einander offen.
Drittens die Kausalkette, die als Analyse verkauft wird. Frank zieht eine Linie von Daniel Günthers Talkshow-Satz, die AfD sei ein Feind der Demokratie, zur „Freibild"-Erklärung durch Linksextreme bis zum Kopftritt in Erfurt. Diese Kette behauptet, was sie belegen müsste. Zwischen einer politischen Wertung eines CDU-Ministerpräsidenten und der Entscheidung eines Vermummten, einem Reporter gegen den Kopf zu treten, liegt kein nachgewiesener Wirkungszusammenhang, sondern eine Zuschreibung. Sie mag plausibel klingen. Aber „klingt plausibel" ist im Kommentar die Einladung, genauer hinzusehen, nicht die Erlaubnis, es sein zu lassen.
Die stärkste Gegenposition zu meiner Kritik ist die naheliegendste: Vielleicht überziehe ich die Pflicht zur Nüchternheit, wo ein Augenzeuge gerade Gewalt erlebt hat und emotional spricht. Franks Kernbeobachtung — hier wurde jemand fast schwer verletzt, und ein Teil der Öffentlichkeit schweigt dazu — könnte durch die Etiketten nicht falsch, nur unglücklich formuliert sein. Das ist fair, und es stimmt für den Kern. Doch der Maßstab entscheidet sich nicht am Kern, sondern am Umgang mit dem Fall Anja Kohl, und dort fällt das Gespräch am tiefsten.
Die BR-Moderatorin soll gesagt haben, die AfD habe sich nicht distanziert; Frank hält das für sachlich falsch. Sein Urteil darüber ist dennoch aufschlussreich: Er unterstelle „auf keinen Fall böse Absicht", sie „weiß es nicht besser", sie stehe halt „eher auf der linken Seite". Das ist die milde Lesart, die er einer Person zugesteht, deren Haltung ihm fern liegt — und die er den Linksextremen von Erfurt verweigert, deren Motive er ohne Zögern als „blanker Hass" in den Augen liest. Derselbe Reporter, der Empathie und Zurückhaltung für die eine Seite aufbringt, ruft für die andere die Landesmedienanstalt an. Genau diese asymmetrische Vergabe von Wohlwollen ist die Doppelmoral, die Frank der Gegenseite vorwirft. Er benennt sie präzise — und praktiziert sie im selben Atemzug.
Das Urteil: Das Gespräch trägt einen wahren, wichtigen Kern und verpackt ihn in eine Rahmung, die seine eigenen Belege sprengt. Wer Pressefreiheit verteidigt, gewinnt nichts, wenn er dabei die journalistische Grundregel verletzt, die er von anderen einfordert — erst zählen, dann werten; gleicher Maßstab für alle Seiten. Der Angriff auf die Apollo-News-Reporter gehört verurteilt, klar und ohne Rabatt. Aber „Weimar" war er nicht, und ein Reporter, der die Doppelmoral der anderen so scharf sieht und die eigene so gar nicht, liefert kein Argument, sondern seinen eigenen Gegenbeweis.
Originalvideo: AfD-Parteitag in Erfurt: Entgleisung von ARD-Moderatorin nach Angriff | Vertraulich-Clips
