Der eigentliche Zweck steht im Kleingedruckten: Es geht ums Geld der EZB, nicht um die Preisstabilität.
Man muss den Vorgang in der richtigen Reihenfolge lesen, sonst verrutscht die Bewertung. Zuerst die Zahl, die alles erklärt: Die EZB und die nationalen Zentralbanken verzinsen derzeit rund 2,16 Billionen Euro Überschussliquidität mit 2,25 Prozent — das sind, wie finanzen.net vorrechnet, etwa 48,7 Milliarden Euro im Jahr, die aus den Zentralbankbilanzen an die Geschäftsbanken fließen. Eine Verdopplung der unverzinsten Mindestreserve schöbe rund 4 Milliarden Euro dieser Summe von der Zinsverpflichtung in den zinsfreien Topf. Die EZB spart, die Banken zahlen. Es ist, das räumt selbst die Notenbank nicht recht ein, ein Nullsummenspiel mit klarer Richtung.
Damit ist der Kern schon benannt. Die offizielle Erzählung — die Reserve binde Liquidität und helfe so gegen die Inflation — kommt danach, und sie kommt, so scheint es, weil eine geldpolitische Begründung besser klingt als eine buchhalterische. Der FAZ zufolge nutzt die EZB die Mindestreserve seit Jahren nicht mehr aktiv als Steuerungsinstrument; seit Dezember 2011 liegt der Satz bei 1 Prozent, und der geldpolitische Kurs läuft längst über die Leitzinsen. Im Juni 2026 hob die EZB die Zinsen um 25 Basispunkte an, der Einlagensatz steht seither bei 2,25 Prozent — nachzulesen in der Pressemitteilung der EZB vom Juni. Wer die Inflation, die laut EZB-Projektion 2026 im Mittel bei 3,0 Prozent liegt, ernsthaft drücken will, hat dieses Werkzeug. Die Mindestreserve ist es nicht.
Das Bewertungskriterium dieses Kommentars ist also nicht die Frage, ob die EZB sparen darf — sie darf, ihre Verluste aus der Zinswende sind real und belasten am Ende die nationalen Haushalte. Das Kriterium ist Effizienz im ehrlichen Sinn: Verfolgt die Maßnahme das benannte Ziel, oder wird ein fiskalisches Motiv in ein geldpolitisches Gewand gesteckt?
Nun das stärkste Argument der Befürworter, und es ist besser als sein Ruf. Die österreichische Raiffeisen Bank International hält der EZB zugute, dass sie mit einem Schritt zwei Ziele erreiche: Sie baue die aufgeblähte Überschussliquidität schneller ab und senke zugleich ihre Zinszahlungen. Die Bürgerbewegung Finanzwende argumentiert grundsätzlicher: Die Verzinsung von Bankreserven durch die Notenbank sei eine stille Subvention; sie zu kürzen, sei erst einmal richtig. Beide Positionen treffen einen wahren Punkt. Es ist tatsächlich schwer zu begründen, warum die Allgemeinheit den Banken Milliarden dafür überweist, dass diese Geld bei der Zentralbank parken.
Und doch trägt das Argument nicht bis zum Ende. Denn wenn der eigentliche Zweck der Abbau einer Subvention ist, dann sollte man ihn so verkaufen — offen, als Verteilungsentscheidung, die politisch verantwortet wird. Stattdessen firmiert er als geldpolitische Feinsteuerung, und genau hier hakt die Sache. Der Verband deutscher Pfandbriefbanken warnt, die höhere Reserve schränke die Kreditvergabe spürbar ein; der Bundesverband deutscher Banken beziffert die Mehrbelastung auf rund 4 Milliarden Euro jährlich und nennt sie eine Bankensteuer durch die Hintertür, wie Investing.com berichtet. Man muss der Bankenlobby ihr Eigeninteresse nicht abnehmen — aber der Einwand, dass eine Belastung in dieser Größenordnung nicht folgenlos an der Kreditvergabe vorbeigeht, ist ökonomisch nicht vom Tisch zu wischen.
Hier liegt die Verbindung, die den Vorgang größer macht, als er scheint. Die EZB dreht an der Mindestreserve — und arbeitet parallel am digitalen Euro, der ab 2029 kommen könnte, sofern die EU-Gesetzgeber 2026 liefern, so der Fortschrittsbericht der EZB. Für den digitalen Euro sind Obergrenzen im Gespräch, zwischen 3.000 und 5.000 Euro pro Bürger, ausdrücklich damit die Einlagen nicht aus den Geschäftsbanken abfließen. Beide Projekte betreffen dieselbe Stelle: die Bilanz der Banken. Die Mindestreserve entzieht ihr Ertrag, der digitale Euro potenziell die Einlagenbasis. Keine der beiden Maßnahmen ist für sich existenzbedrohend. In der Summe aber verschiebt die EZB das Fundament, auf dem das Geschäftsmodell der Banken ruht — und tut das jeweils mit Begründungen, die das Verteilungsmotiv nicht in den Vordergrund stellen. Beim digitalen Euro heißt es Souveränität; hier heißt es Liquiditätssteuerung.
Man kann das für klug halten. Eine Notenbank, die ihre Bilanz nach der Zinswende in Ordnung bringt und zugleich Europas Zahlungsinfrastruktur unabhängiger von amerikanischen Anbietern macht, tut nichts Verwerfliches — im Gegenteil. Zwei Drittel der Euroländer hängen bei Kartenzahlungen an ausländischer Infrastruktur, das ist ein realer Grund. Der Einwand richtet sich nicht gegen die Ziele. Er richtet sich gegen die Verpackung.
Denn eine Zentralbank, die ihre Instrumente nicht bei ihrem tatsächlichen Zweck nennt, beschädigt das Einzige, was sie unabhängig macht: ihre Glaubwürdigkeit. Die EZB soll ihre 4 Milliarden holen. Sie soll nur aufhören, dabei so zu tun, als ginge es um die Inflation.
