Was hier „Vorbereitung" heißen soll, ist zunächst zu klären, denn der Begriff verwischt gern zwei sehr verschiedene Dinge. Das eine ist das Wissen, dass Hitze kommt. Das andere ist die gebaute, finanzierte, zuständig geregelte Antwort darauf. Beim Wissen steht Deutschland gut da. Bei der Antwort nicht.

Beginnen wir bei der Kurve, weil sie das Fundament trägt. In den 1950er-Jahren zählte Deutschland im Schnitt drei Tage pro Jahr über 30 Grad. Heute sind es elf. Die Mitteltemperatur liegt im vergangenen Jahrzehnt rund zwei Grad über dem vorindustriellen Niveau, im Jahr 2023 lag sie 2,4 Grad über dem Vergleichszeitraum 1961 bis 1990. Acht der zehn heißesten Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen 1881 fallen in die letzten drei Jahrzehnte. Das ist kein Rauschen, das ist ein Signal — und es liegt seit Jahren offen aus, beim Umweltbundesamt und beim Deutschen Wetterdienst.

Die Physik dahinter hat einen Namen, der aus Nordamerika herüberkam: der Hitzedom. Ein stabiles Hochdruckgebiet legt sich wie ein Deckel über eine Region, presst die Luft nach unten, erwärmt sie beim Absinken zusätzlich und lässt sie nicht mehr entweichen. Tag für Tag heizt dieselbe Luftmasse weiter auf. Genau dieser Mechanismus erklärt, warum die Hitze im Juni 2026 nicht als kurze Spitze kam, sondern als tagelanges Plateau. Für die Warnung ändert das wenig — der DWD gibt über sein Hitzewarnsystem Warnungen für den laufenden und den Folgetag heraus und blickt im Hitzetrend bis zu fünf Tage voraus. Das Land wird nicht überrascht, weil es nicht Bescheid wüsste.

Das Netz unter Last — an beiden Enden zugleich

Wo die Vorbereitung greifbar wird, ist die Stromversorgung, und dort zeigt sich ein Mechanismus, der oft übersehen wird: Hitze belastet das Netz an beiden Enden gleichzeitig. Auf der Nachfrageseite laufen Klimaanlagen, Lüfter, Kühlung. An heißen Tagen im Juli 2025 stieg der Stromverbrauch von Unternehmen in Nordrhein-Westfalen laut EHA um rund 22 Prozent gegenüber kühleren Tagen. Auf der Angebotsseite geschieht das Gegenteil des Erhofften: Konventionelle Kraftwerke müssen drosseln, wenn das Kühlwasser der Flüsse zu warm wird, um es weiter aufzuheizen. Transformatoren sind nach Norm für 40 Grad Betriebstemperatur ausgelegt; darüber wird der Betrieb heikel.

Genau an diesem Punkt lohnt der Einwand, den Netzbetreiber selbst vorbringen: Ein Ausfall entsteht selten aus der Hitze allein. In Rüsselsheim fielen im Juni 2026 rund 2.000 Haushalte kurzzeitig aus — Auslöser war eine Kombination aus Hitzewelle und einem Fußballspiel, das die Last zusätzlich nach oben trieb. Hitze ist hier nicht die alleinige Ursache, sondern der Faktor, der ein ohnehin belastetes System über die Kante schiebt. Die Betreiber verweisen zu Recht auf ihre Investitionen in Digitalisierung und Netzausbau. Der Einwand trifft — er entlastet aber nicht. Denn eine Auswertung, über die wetter.com berichtet, zeigt die Richtung des Trends: Im Hochsommer liegt die Zahl ungeplanter Stromausfälle rund 53 Prozent über dem Dezember-Wert. Diese Zahl stammt aus einer einzelnen Auswertung und beschreibt einen relativen Anstieg, keinen absoluten Versorgungsengpass — sie taugt als Indikator für eine Belastungstendenz, nicht als Beleg für ein flächendeckendes Risiko.

Der Preis erzählt dieselbe Geschichte in einer anderen Währung. Als die Nachfrage stieg und die Effizienz der Erzeuger sank, kletterte der deutsche Strompreis im Juni 2026 laut Business Insider auf 747 Euro je Megawattstunde. Ein Vielfaches des Normalniveaus, entstanden aus derselben Schere: mehr Bedarf, weniger verfügbare Leistung. Wer nach der stärksten Alternativerklärung sucht — Gasknappheit, europäische Marktkopplung, Wartungszyklen —, findet Faktoren, die mitspielen. Der gemeinsame Nenner der Preisspitzen aber ist die Gleichzeitigkeit, die der Hitzedom erzeugt.

Bekannt, hilfreich, ungenutzt

Beim gesundheitlichen Schutz wird die Kluft zwischen Wissen und Antwort am deutlichsten. In Europa starben in den vergangenen vier Jahren über 200.000 Menschen an den Folgen von Hitze; für Deutschland weist das Robert Koch-Institut im Vorjahr rund 2.500 Hitzetote aus. Dagegen setzt die Weltgesundheitsorganisation ein bekanntes Instrument: den Hitzeaktionsplan, der Frühwarnung, Kühlangebote und gezielte Ansprache gefährdeter Gruppen bündelt.

Und hier kommt die Zahl, die alles zusammenzieht. Nur etwa ein Viertel der deutschen Kreise und kreisfreien Städte verfügt über Konzepte zum Schutz vor Klimafolgen — 84 Prozent haben laut Umweltbundesamt keine Hitzeschutzstrategie. Das Wissen fehlt nicht: Von jenen, die die bundesweiten Handlungsempfehlungen kennen, halten 81 Prozent sie für hilfreich. Das Instrument existiert, es wirkt, es ist geschätzt — und es liegt in drei von vier Kreisen ungenutzt in der Schublade. Die Lücke sitzt nicht im Kopf, sie sitzt in der Umsetzung.

Ein Blick über den Kanal schärft den Kontrast, ohne ihn zu einem Vorbild zu verklären. England veröffentlichte bereits 2015 seinen Heatwave Plan mit Maßnahmen von Grünflächen bis zur Kühlung von Gesundheitseinrichtungen — ein zentrales Dokument, das eine nationale Linie vorgibt. Doch die Machtprüfung gilt auch hier: Ein Plan auf Papier ist keine gekühlte Klinik. Britische Ärzte- und Gesundheitsstimmen werfen ihrer eigenen Regierung vor, angekündigte Maßnahmen nicht umzusetzen — dieselbe Diagnose, die in Deutschland der Hausärzteverband der Bundesregierung macht. Das Muster ist nicht deutsch, es ist strukturell.

Warum niemand zuständig ist, wenn alle es sind

Damit zur eigentlichen analytischen Frage: Wenn Wissen, Instrument und Zustimmung vorliegen — woran hakt die Antwort? Der Verdacht führt zur Konstruktion der Zuständigkeit. Eine nationale Klimaanpassungsstrategie existiert seit 2008 und wird fortgeschrieben. Das Bundesumweltministerium koordiniert die Politik auf Bundesebene, doch die einzelnen Ressorts verantworten ihre Maßnahmen laut Bundesumweltministerium je für sich, während Länder und Kommunen die konkrete Umsetzung tragen.

Koordinieren heißt nicht entscheiden. In dieser Kette gibt es viele, die mitreden, und keinen, der sichtbar haftet, wenn ein Kreis ohne Hitzeplan durch den Sommer geht. Dazu kommt das Geld: Kommunen kritisieren die Finanzierung der Anpassung regelmäßig als unzureichend — der Ort, an dem gebaut, gepflanzt und gekühlt werden müsste, ist zugleich der Ort mit den knappsten Mitteln und dem geringsten Personal. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt genau dieses Gefälle zwischen bundesweiter Strategie und kommunaler Finanzlage. Die schwarz-rote Koalition unter Friedrich Merz hat die Zuständigkeitsarchitektur geerbt, nicht erfunden — den offenen Umsetzungspunkt aber trägt sie nun.

Was folgt daraus, prüfbar? Der Trend der heißen Tage bewegt sich weiter nach oben; die Zahl der Kreise mit Hitzeplan lässt sich zählen. Läge sie im Sommer 2027 noch immer bei rund einem Viertel, wäre das Problem als politisches identifiziert, nicht als klimatisches — denn an der Kurve hat es nie gelegen. Sie war immer da, gut sichtbar, elf statt drei. Die Frage ist nur, wer sie liest.