Man muss dem IOC zugestehen, dass es sich an die eigenen Regeln hält. Das ist, mutmaßlich, die vornehmste Tugend einer Organisation, die sich sonst wenig um Konsistenz sorgt. Suspendiert wurde das ROC im Oktober 2023 nicht wegen des Angriffskriegs — der lief da schon anderthalb Jahre —, sondern weil es regionale Olympische Räte in den besetzten ukrainischen Gebieten anerkannte und damit gegen die Olympische Charta verstieß. Ein Territorialdelikt, kein Kriegsdelikt. So berichtet es der Spiegel, und so steht es im Beschluss selbst.
Genau hier beginnt das Problem, und es ist ein hausgemachtes. Das ROC hat, wie der Tagesspiegel es nennt, per sportjuristischem Winkelzug die Mitgliedschaft dieser vier Räte beendet. Auf dem Papier ist die Charta wieder heil. In der Realität hat sich in Donezk, Cherson, Luhansk und Saporischschja nichts geändert — dieselben Soldaten, dieselben Grenzverschiebungen, dieselbe völkerrechtswidrige Annexion. Wer eine Sanktion an eine Formalie knüpft, die der Bestrafte selbst mit einem Federstrich beseitigen kann, hat keine Sanktion verhängt, sondern eine Hausaufgabe verteilt. Und Russland hat sie abgegeben.
Das beste Argument der Gegenseite — und wo es endet
IOC-Präsidentin Kirsty Coventry hat den Satz gesagt, der die ganze Entscheidung tragen soll: Athleten dürften nicht für die Handlungen ihrer Regierung verantwortlich gemacht werden. Das ist kein Feigenblatt. Es ist ein ernst zu nehmender Grundsatz, und er hat eine liberale Wurzel: Kollektivhaftung ist ungerecht. Eine 19-jährige Schwimmerin aus Kasan hat den Krieg nicht begonnen und kann ihn nicht beenden. Sie unter neutraler Flagge, ohne Hymne, mit verschärften Dopingkontrollen der International Testing Agency antreten zu lassen — das lässt sich verteidigen. Der Deutsche Olympische Sportbund tut es, wenn auch zähneknirschend: Sport als Brückenbauer, so referiert es der Tagesspiegel, und der DOSB weiß, dass seine Ablehnung im internationalen Sport eine Minderheitsposition ist.
Nur trägt dieses Argument exakt so weit, wie es individuell bleibt. Der neutrale Einzelstart ist das eine. Die Rückkehr des Russischen Olympischen Komitees als Institution ist das andere. Ein NOK ist kein Athlet — es ist eine staatsnahe Struktur, die Delegationen entsendet, Erfolge verbucht und im russischen Staatsfernsehen zur Erzählung nationaler Stärke wird. Der russische Sportminister Michail Degtjarew, so meldet es Al Jazeera, feiert die Entscheidung als grünes Licht für die vollständige Rückkehr. Ein Minister freut sich nicht über die Freiheit einzelner Sportler. Er freut sich über die Bühne.
Der Maßstab: Was Neutralität leisten muss
Prüft man die Entscheidung am Kriterium der internationalen Ordnung — an der Frage, ob eine Institution ihre eigenen Werte gegen einen Regelbrecher durchhält —, dann fällt sie durch. Nicht weil das IOC russische Athleten zulässt. Sondern weil es den Mechanismus des Ausschlusses so konstruiert hatte, dass der Bestrafte über seine eigene Begnadigung entscheidet. Eine Ordnung, die ihre Sanktion an eine Bedingung knüpft, die der Sanktionierte einseitig erfüllen kann, ohne sein Verhalten zu ändern, ist keine Ordnung. Sie ist eine Fassade mit Notausgang.
Hier liegt der Einwand, den man sich selbst stellen muss: Wäre es sauberer gewesen, das IOC hätte 2023 den Krieg selbst zum Sanktionsgrund erklärt? Dann stünde es heute vor einem anderen, ehrlicheren Problem — der Frage, wie lange und nach welchem Maßstab man ganze Nationen ausschließt, während anderswo Kriege ohne olympische Folgen geführt werden. Das IOC hat diesem Grundsatzstreit ausweichen wollen und sich in die juristische Formalie geflüchtet. Der Ausweg ist ihm jetzt zum Fallstrick geworden. Die Formalie war bequem, solange sie hielt. Sie hielt nur, bis Russland ein Formular ausfüllte.
Das Nationale Olympische Komitee der Ukraine nennt die Entscheidung unbegründet und verfrüht, so die Berliner Tageszeitung — verständlicher Zorn eines Landes, dessen Sportstätten unter Beschuss liegen. Die deutsche Politik reagiert empört, wie Focus online dokumentiert. Beides ist berechtigt und beides ändert nichts. Denn die Empörung richtet sich gegen ein Ergebnis, das aus einer Konstruktion folgt, die niemand rechtzeitig kritisiert hat.
Noch ist die Flaggen- und Hymnenfrage offen; sie soll später fallen. Man sollte sich keine Illusionen machen, in welche Richtung. Wer erst die Institution zurückholt und dann über die Symbole entscheidet, hat die schwierige Entscheidung längst getroffen und muss nur noch das Etikett aufkleben. Das IOC wollte den Sport aus der Politik heraushalten und hat ihn tiefer hineingezogen: Es hat einem Regime die Rückkehr geschenkt, das den Anlass des Ausschlusses jeden Tag aufs Neue erfüllt. Vier gestrichene Zeilen auf einer Mitgliederliste — und der Krieg dahinter läuft weiter, unbeeindruckt vom Federstrich, der ihn olympiafähig gemacht hat.
