Beginnen wir mit dem einen Wort, an dem in diesem Stück alles hängt: Importpreise. Gemeint ist nicht, was der Kunde an der Kasse zahlt, sondern der Preis, den deutsche Firmen an der Grenze für eingeführte Güter entrichten — Rohöl, Erdgas, Metalle, Vorprodukte. Diese Kennziffer erhebt das Statistische Bundesamt monatlich. Sie steht am Anfang der Kette, nicht am Ende. Wer sie liest, sieht die Kostenwelle, bevor sie beim Verbraucher ankommt.

Und diese Welle war zuletzt hoch. Im Mai 2026 lagen die Einfuhrpreise um 6,8 Prozent über dem Vorjahresmonat — der kräftigste Anstieg seit Dezember 2022, meldet Destatis. Im April waren es 5,3 Prozent. Der Vergleichspunkt Dezember 2022 ist kein Zufall: Damals wirkte der Gaspreisschock des Ukraine-Kriegs nach. Deutschland kennt dieses Muster. Es wiederholt sich jetzt mit anderem Auslöser.

Der Auslöser trägt in den Daten einen Namen: Energie. Importierte Energie verteuerte sich im April um 37,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Alles andere ist Folge. Wer verstehen will, warum, muss an einen Ort schauen, der 4.500 Kilometer entfernt liegt.

Der Hebel liegt in einer Meerenge

Die Straße von Hormus ist 33 Kilometer breit an ihrer engsten Stelle. Durch sie fließen täglich 15 bis 20 Millionen Barrel Rohöl — rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels und ein Fünftel des globalen Flüssiggas-Verkehrs, rechnet der Analysedienst IG vor. Es gibt keinen zweiten Weg, der diese Menge aufnimmt. Genau das macht die Passage zum Preishebel.

Der Mechanismus ist kurz erklärt. Öl ist ein weltweit gehandeltes Gut mit einem einzigen Preis. Droht auf einer Route, über die ein Fünftel des Angebots läuft, eine Störung, preist der Markt das Risiko sofort ein — nicht erst, wenn ein Tanker tatsächlich stoppt. Nach dem Beginn der Auseinandersetzungen zwischen den USA, Israel und dem Iran Ende Februar 2026 sprang Brent binnen zwei Wochen von 73 auf rund 100 Dollar. Die Österreichische Nationalbank modelliert für eine vollständige Sperre der Meerenge ohne Gegenmaßnahmen Preise zwischen 101 und 146 Dollar je Fass.

So ein Rohölpreis bleibt keine Börsenzahl. Er wandert die Verarbeitungsstufen hinauf. Am nächsten liegen die raffinierten Produkte: Importiertes Kerosin und Benzin kosteten im April 58,1 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, Rohöl selbst 47,5 Prozent, Steinkohle 8,1 Prozent, Erdgas 6,9 Prozent, wie die Deutsche Börse aus den Destatis-Zahlen zusammenträgt. Der Gaspreis am europäischen Handelsplatz TTF sprang nach Beginn der Eskalation von rund 32 auf über 60 Euro je Megawattstunde — ein Plus von etwa 35 Prozent, berichtet der Energieversorger Ostrom.

Von der Raffinerie in den Rohbau

Die zweite Stufe ist unauffälliger, aber teurer für die Volkswirtschaft: Baustoffe. Viele von ihnen sind entweder aus Erdöl gemacht oder brauchen zur Herstellung viel Energie. Beides trifft sie doppelt.

Bitumen — der Stoff für Dächer und Straßen, ein direktes Erdölprodukt — verteuerte sich im Mai um 31,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Flachglas legte um 15,4 Prozent zu, Metalle um 11,1 Prozent, dokumentiert das Baumagazin Trend. Selbst Holz, das mit Öl wenig zu tun hat, zog an — Dachlatten plus 11,8 Prozent —, weil Transport und Trocknung Energie kosten. Die Gesamt-Baukosten lagen laut Cash-Online drei bis fünf Prozent höher als vor dem Konflikt.

Hier verlangt die Ehrlichkeit einen Einwand, und er ist der stärkste gegen die ganze These: Baustoffe waren schon vor dem Golf-Konflikt teuer. Kalk und Gips kosteten Anfang 2026 rund 77 Prozent mehr als 2021, Zement 58 Prozent — das ist die lange Schleppe aus Pandemie und Ukraine-Krieg, nicht die Golf-Krise. Der Iran-Konflikt hat diese Preise nicht erzeugt. Er hat oben drei bis fünf Prozent draufgelegt, in einem Sektor, der ohnehin am Limit lief. Wer die gesamte Baukostenlast dem Krieg zuschreibt, misst falsch. Der ehrliche Befund ist bescheidener: Der Konflikt ist der Tropfen, nicht das Fass — aber er trifft ein Fass, das voll war.

Und dieser Tropfen fällt in einen Markt, der schon kippt. 2025 wurden in Deutschland nur 206.600 Wohnungen fertiggestellt, 45.500 weniger als im Jahr davor; für 2026 erwartet die Branche unter 200.000, schreibt der Tagesspiegel. Zu den Materialkosten kommen gestiegene Kreditzinsen. Bauministerin Verena Hubertz (SPD) nennt den Krieg ein Brennglas auf ein strukturelles Problem — eine Formulierung, die genau das trifft: Der Konflikt zeigt die Schwäche, er verursacht sie nicht allein.

Wo die Zahl endet: an der Ladenkasse

Die letzte Stufe erreicht jeden. Die Verbraucherpreise stiegen im April 2026 um 2,9 Prozent zum Vorjahr — der höchste Wert seit gut zwei Jahren, wie der Spiegel berichtet. Kraftstoffe verteuerten sich um gut ein Viertel, leichtes Heizöl um mehr als die Hälfte. Die Bundesbank rechnet damit, dass die Inflationsrate Richtung drei Prozent klettert.

Das ist der Punkt, an dem die Kette den Arbeitnehmer erreicht — und wo die Datenlage dünn wird. Der Auftrag fragt nach Folgen für die Arbeitszufriedenheit. Dazu liefern die vorliegenden Quellen keine belastbare Messung, und es wäre unredlich, eine zu behaupten. Belegbar ist nur der Zwischenschritt: Die Reallöhne — also das, was nach Abzug der Teuerung vom Lohn übrig bleibt — sind seit 2020 langsamer gestiegen als die Preise, weist Destatis aus. Diese Reallohnlücke ist die materielle Grundlage möglicher Unzufriedenheit. Ob und wie stark sie sich in Stimmung übersetzt, bleibt hier offen.

Die volkswirtschaftliche Rechnung dagegen liegt vor. Das Institut der deutschen Wirtschaft beziffert den Schaden durch den erhöhten Ölpreis bis Ende 2027 auf 40 Milliarden Euro — etwa so viel wie der gesamte Bundeshaushalt für Verteidigung eines mittleren Jahres. Die Bundesbank senkte ihre Wachstumsprognose für 2026 auf 0,5 Prozent, meldet die WELT.

Warum die Sache in beide Richtungen läuft

Der Preishebel funktioniert auch rückwärts — und das ist der entscheidende Test für diese Deutung. Nach einer vorläufigen Verständigung zwischen den USA und dem Iran fiel Brent von seinem Höchststand um 43 Prozent zurück, analysiert der Marktdienst Tradingkey. Was der Konflikt an Risikoaufschlag erzeugte, nahm die Entspannung wieder heraus. Das bestätigt den Mechanismus: Der Preis hängt an der Erwartung über die Meerenge, nicht an einer dauerhaften Angebotslücke.

Zwei Kräfte dämpfen den Schlag zusätzlich. Die OPEC+ hat ab August ihre Förderziele um 188.000 Barrel pro Tag angehoben und damit begonnen, frühere Kürzungen zurückzunehmen, berichtet Marketscreener. Und China, größter Einzelabnehmer des durch Hormus laufenden Öls — rund 45 Prozent seines Bedarfs kommen über diese Route —, hat strategische Reserven aufgebaut und seine Bezugsquellen gestreut, so Business Insider. Beides begrenzt, wie weit der Preis bei einer erneuten Zuspitzung klettern kann.

Damit steht die prüfbare Erwartung. Bleibt die Straße von Hormus offen und die OPEC+ bei ihrem Ausweitungskurs, sollten die Importpreise in den kommenden Monaten nachgeben — die Verbraucherpreise mit der bekannten Verzögerung von einigen Monaten hinterher, weil Energiekosten stufenweise durchsickern. Woran man in drei Monaten erkennt, ob diese Lesart trug: Fällt der Energie-Anteil im Import-Preisindex von den 37 Prozent des Aprils sichtbar zurück, hat die Kette rückwärts funktioniert. Bleibt er oben, während Brent gefallen ist, wirken andere Kräfte — dann war die Meerenge nur die halbe Geschichte.