Es gibt Reden, die genau das absichern, was sie beklagen. Frank-Walter Steinmeier hat zum 75. Geburtstag des Goethe-Instituts eine solche gehalten. Er lobt die „Verständigung jenseits politischer Differenzen und wirtschaftlicher Interessen", fordert „Fürsprecher in der Politik" und „Rückenstärkung gegen die Verächter von Vielfalt und Offenheit" — und richtet den Appell an ein Parlament, dessen Regierung das Institut seit 2022 durch einen Spar- und Umbauprozess schickt, der Standorte kostet. Genua und Turin sind seit Februar 2024 zu, das Büro in Washington steht auf der Liste.
Das ist die Lücke, an der dieser Kommentar ansetzt. Der Maßstab ist einfach: Kulturdiplomatie lebt von der Deckungsgleichheit zwischen dem, was ein Staat über sich behauptet, und dem, was er dafür ausgibt. Wo diese Deckung reißt, wird das Lob zur Zierde einer Institution, die man aushungert.
Erst die Größenordnung, damit klar ist, wovon die Rede ist. Das Goethe-Institut betreibt rund 150 Standorte in etwa 99 Ländern, nimmt jährlich gut 1,1 Millionen Deutschprüfungen ab und veranstaltet 22.000 Kulturformate für 6,7 Millionen Menschen (Tagesspiegel · Goethe-Institut wird 75). Das Auswärtige Amt trägt davon rund 230 Millionen Euro im Jahr. Zum Vergleich: Ein einziger Eurofighter kostet in der Beschaffung ein Vielfaches dessen, was ein Goethe-Institut in einem mittelgroßen Land über Jahre auslöst. Soft Power ist, an der Hardware gemessen, ein Schnäppchen — und wird trotzdem als Erstes gekürzt.
Nun die stärkste Gegenrede, und sie ist nicht schwach. Der Staat hat kein Recht, jede Institution auf ewig im Bestand einzufrieren. Ein Netz aus 150 Standorten, historisch gewachsen und in wohlhabenden Metropolen dicht, in Krisenregionen dünn, gehört überprüft. Die Institutsleitung selbst nennt den Umbau eine „Transformation" und verlegt Schwerpunkte weg von westeuropäischen Großstädten hin zu angespannten Regionen — neue Häuser in Armenien, Moldau, im polnischen Lublin an der ukrainischen Grenze. Wer Prioritäten setzt, schließt zwangsläufig irgendwo. Die 11,7 Millionen Euro, mit denen das Institut 2022 auf den russischen Angriff auf die Ukraine reagierte — Deutschkurse zu symbolischen Preisen, ein Nothilfefonds, Unterstützung für ukrainische Kulturschaffende —, zeigen ein Haus, das Krisen nicht verwaltet, sondern beantwortet.
Der Einwand trifft. Umschichtung ist keine Kürzung, und ein Institut, das sich nie verändert, verwahrlost. Aber er entlastet nicht den, der den Umbau als Sachzwang inszeniert und die Festrede gleich mitliefert. Denn zwei Dinge sind hier zu trennen. Eine Tatsache: Es wird gespart und geschlossen, dokumentiert im Rückzug aus Russland, wo das Institut wegen Personalobergrenzen Stellen streichen musste. Und eine Norm: dass ein Staat, der zeitgleich um Applaus für seine Kulturdiplomatie bittet, sich fragen lassen muss, ob das Sparen strategisch ist oder nur billig.
Genau hier wird Steinmeiers Rolle heikel. Ein Bundespräsident kann nicht kürzen; er hat kein Budget. Er kann nur reden. Das ist die verfassungsrechtliche Wahrheit — und zugleich die politische Bequemlichkeit. Der Appell „stärkt dem Institut den Rücken" adressiert ein abstraktes Parlament und lässt die Regierung, die den Rotstift führt, ungenannt. Es ist leichter, die „Verächter von Vielfalt" zu beschwören — ein Feindbild, das niemand im Saal für sich reklamiert — als die Kollegen im Kabinett zu benennen, die den Etat schreiben. Die Kritik des Bundespräsidenten läuft ins Ungefähre, weil das Ungefähre nicht widerspricht.
Wer das für Haltung hält, prüfe die Gegenprobe. Käme das gleiche Lob von einem Kulturstaatsminister, der selbst kürzt, hieße es zu Recht Heuchelei. Steinmeier ist nicht dieser Minister — aber er verleiht der Kürzungspolitik den würdigen Rahmen, in dem sie sich als Fürsorge lesen lässt. Das Amt adelt, was das Ressort schrumpft.
Es gibt einen Punkt, an dem das gefährlich wird, und er hat nichts mit Geld zu tun. Ein Institut, das vollständig am Tropf des Auswärtigen Amtes hängt und dessen strategischen Vorgaben folgt, verliert genau die Glaubwürdigkeit, die es exportiert (Deutschlandfunk · Glaubwürdigkeit der Goethe-Institute). Die Kulturkritik im Cicero nennt die Neuausrichtung eine „irrlichternde Transformation". Das Institut soll offen sein und wird finanziell an die kurze Leine gelegt; es soll unabhängig wirken und hängt am Haushaltsplan eines Ministeriums. Diese Spannung ist nicht neu, aber Sparen verschärft sie: Wer weniger Mittel hat, folgt williger dem Geldgeber.
Der Feiertag verdeckt das. 75 Jahre, 6,7 Millionen erreichte Menschen, 1,5 Millionen Instagram-Follower — die Zahlen taugen zur Festrede, und sie sind echt. Nur beantworten sie die Frage nicht, die zählt: ob Deutschland bereit ist, seine wirksamste und billigste Form der Außenwirkung auch dann zu bezahlen, wenn kein Jubiläum ansteht.
Ein Institut, das man mit Reden ehrt und mit dem Rotstift verwaltet, ist am Ende beides — Deutschlands schönstes Aushängeschild und der Beweis, dass das Land seinem eigenen Aushängeschild nicht traut.
