Die These vorweg, und sie kostet etwas: Europas Hilflosigkeit beim Ölpreis ist kein Versagen der Diversifizierung, sondern ein Konstruktionsmerkmal, das sich mit noch mehr Terminals und noch mehr Verträgen nicht beheben lässt. Wer den Ölpreis-Schock als Anlass nimmt, „mehr Souveränität" zu fordern und darunter mehr fossile Bezugsquellen versteht, hat den Mechanismus nicht verstanden, der ihn gerade trifft.
Der Reihe nach. Seit der jüngsten Eskalation in der Straße von Hormus – Angriffe auf mindestens vier Öl- und Gastanker, US-Schläge gegen mehr als 80 iranische Ziele, Widerruf der Ausnahmegenehmigung für iranische Ölexporte – stieg Brent laut Spiegel wieder an, zuletzt auf rund 76 US-Dollar je Barrel. Anfang Juli hatte der Preis noch bei etwa 70 Dollar gelegen, dem niedrigsten Stand seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar. XTB meldet für Brent Werte um 78 Dollar. Zahlen, die nervös machen. Sie sind es wert, weil durch die Meerenge täglich rund 20 Millionen Barrel Öl fließen – etwa ein Fünftel des globalen Rohöls und ein vergleichbarer Anteil des Flüssiggases.
Nun das Detail, das den Reflex zerlegt. Eine Analyse des Complexity Science Hub in Wien, gestützt auf Schiffsdaten, beziffert Europas direkte Abhängigkeit von der Straße von Hormus auf rund 10 % des Öl- und Gastankerverkehrs durch die Meerenge – was wiederum nur etwa 4 % des gesamten EU-Tankerhandels ausmacht. Deutschland bezieht sein Öl vor allem aus Norwegen, den USA und Libyen. Am stärksten physisch betroffen wären Italien, Belgien und Großbritannien – Italien mit jährlich 9,8 Milliarden US-Dollar an Importen aus den betroffenen Golfstaaten. Für den Kontinent als Ganzes: überschaubar.
Und trotzdem trifft der Schock. Weil Öl ein Weltmarktgut ist, dessen Preis sich nicht danach richtet, aus welchem Loch das eigene Fass kommt. Fällt anderswo Angebot aus, steigt der Preis überall – auch für das norwegische Barrel, das nie in die Nähe von Hormus kam. Die EU-Kommission beziffert die täglichen Mehrkosten auf fast 500 Millionen Euro; nach Angaben von Al-Monitor summieren sich die energiebedingten Zusatzausgaben seit Konfliktbeginn auf über 35 Milliarden US-Dollar. Europa zahlt Milliarden mehr – für dieselbe Menge, die es ohnehin bekommen hätte. Das ist die eigentliche Zumutung: nicht ein Engpass, sondern ein Aufpreis für nichts.
Nun das stärkste Argument der Gegenseite, denn es hat Substanz. Man kann einwenden: Europa hat gehandelt, und zwar erheblich. Nach dem russischen Angriffskrieg baute die EU LNG-Terminals in Rekordzeit, diversifizierte Bezugsquellen, füllte Gasspeicher auf 90 %. Das REPowerEU-Programm zielt darauf, russische fossile Energie bis 2027 vollständig aus dem Markt zu verdrängen. Die EU hält eine verbindliche Quote von 42,5 % Erneuerbaren am Endenergieverbrauch bis 2030, die Europäische Investitionsbank kündigte über 75 Milliarden Euro für heimische saubere Energie an. Wer hier „Passivität" ruft, ignoriert einen der schnellsten energiepolitischen Umbauten der jüngeren Geschichte. Und richtig ist auch: Eine Preisbindung an den Weltmarkt lässt sich beim Öl kurzfristig gar nicht auflösen, solange Verbrennungsmotoren fahren und Raffinerien laufen.
Der Einwand trifft – aber nur die halbe These. Denn er verwechselt Tempo mit Zielrichtung. Das im April vorgestellte „AccelerateEU"-Paket ist in weiten Teilen unverbindlich: Gasspeicher-Koordinierung, flexible Beihilfen, ein „Fuel Observatory" zur Marktbeobachtung. Beobachtung ist keine Steuerung. Und wo es konkret wird, greifen einzelne Mitgliedstaaten zu nationalen Steuersenkungen – also zu genau der Symptombehandlung, die den Weltmarktpreis unangetastet lässt und den fossilen Konsum künstlich verbilligt. Der Widerspruch sitzt tiefer: Die verstärkte Abhängigkeit von US-amerikanischem LNG, teils politisch erwünscht, ersetzt eine Verwundbarkeit durch eine andere. Souveränität heißt nicht, den Lieferanten zu wechseln.
Hier das Kriterium, an dem sich alles entscheidet: energiepolitische Souveränität. Sie bemisst sich nicht daran, ob ein Kontinent Preisschocks vermeidet – das kann niemand, der am Weltmarkt einkauft. Sie bemisst sich daran, ob er sie absorbieren kann, ohne dass 24 Milliarden Euro als reiner Aufpreis versickern. Souverän ist eine Energiepolitik dann, wenn die Nachfrage nach dem preistreibenden Gut sinkt – nicht, wenn die Bezugswege des Guts eleganter werden. Jede vermiedene Kilowattstunde fossiler Energie ist eine Kilowattstunde, deren Preis kein iranischer Schnellboot mehr diktiert. Genau das ist der Punkt, an dem Elektrifizierung und Effizienz von der Klimafrage zur Sicherheitsfrage werden.
Was Europa gerade tut, ist das Gegenteil einer Antwort auf die eigene Diagnose. Es erlebt, wie ein geopolitisches Ereignis, das seine Tanker kaum berührt, seine Rechnungen sprengt – und antwortet mit Vorschlägen zur besseren Beobachtung von Kraftstoffmärkten. Der NATO-Gipfel prüft Schutzmissionen für die Meerenge; die europäischen Staaten halten sich bei US-geführten Militäraktionen im Golf zurück, aus guten Gründen. Doch die Debatte über Fregatten in Hormus verdeckt, dass die eigentliche Front im Heizungskeller und an der Ladesäule liegt.
Falsch wäre diese These, wenn sich zeigen ließe, dass die Preisbindung an den Weltmarkt auch bei einer weitgehend elektrifizierten Wirtschaft fortbestünde – wenn also Strom aus Wind und Sonne denselben Schocks unterläge wie Brent-Rohöl. Das tut er nicht. Ein Windpark in der Nordsee kennt keine Straße von Hormus.
Europa hat kein Versorgungsproblem in der Meerenge. Es hat ein Preisproblem, das es sich selbst diktiert, solange es fossil verbrennt – und die 24 Milliarden sind die Quittung dafür, dass es die Rechnung noch immer für ein Transportproblem hält.
