Zwei Behörden, ein Deal, zwei Maßstäbe. Berlin genehmigt im Juli 2026 die Übernahme der Ceconomy AG — Muttergesellschaft von MediaMarkt und Saturn, 48.000 Beschäftigte, davon rund 17.000 in Deutschland, 22,4 Milliarden Euro Umsatz im Geschäftsjahr 2023/24 — durch den chinesischen Konzern JD.com, Chinas größten Einzelhändler mit über 140 Milliarden Euro Jahresumsatz. Brüssel prüft weiter. Und die Auflagen, mit denen das Bundeswirtschaftsministerium seine Zustimmung garniert, betreffen ausgerechnet das, was am wenigsten das Problem ist.
Das Ministerium verlangt den Schutz personenbezogener Kundendaten in Deutschland und behält sich Überwachungs- und Widerrufsrechte vor. Das klingt nach Kontrolle. Es ist der falsche Hebel am falschen Ende.
Man muss der Bundesregierung zugutehalten, dass sie überhaupt Auflagen formuliert hat — anders als das Bundeskartellamt, das den Deal bereits im September 2025 ohne wettbewerbsrechtliche Bedenken durchwinkte, weil JD.com in Deutschland bisher kaum präsent war. Das kartellrechtliche Kalkül ist sauber: Wer keinen Marktanteil hat, verzerrt keinen Markt. Nur greift dieses Kalkül den Fall an der engsten Stelle. Es misst den Status quo und übersieht, wofür 2,2 Milliarden Euro bezahlt werden — nicht für den Bestand, sondern für den Zugang. Der Analystendienst Omdia nannte es einen „unprecedented access to Europe": über 1.000 Filialen in elf Ländern, ein etabliertes Vertriebsnetz, eine Marke, hinter die sich eine Plattformstrategie schieben lässt. JD.com hat im März 2026 seine Joybuy-Plattform in sechs europäischen Märkten gestartet und baut die Logistik aus. Die Übernahme ist kein Marktzutritt, sie ist die Abkürzung dorthin.
Und genau hier verrät die deutsche Auflage ihren Denkfehler. Sie verlangt, dass Kundendaten geschützt werden — als wäre die Sorge, dass in Peking künftig jemand mitliest, was ein Kunde in Castrop-Rauxel für einen Fernseher ausgibt. Das ist nicht nichts. Aber es ist das Symptom, nicht die Krankheit. Wer die Kontrolle über die Handelsinfrastruktur eines Kontinents abgibt und dafür ein Daten-Reporting einfordert, verhält sich wie jemand, der sein Haus verkauft und sich vertraglich das Recht sichert, weiter die Post zu öffnen.
Die schärfere Prüfung findet ohnehin woanders statt. Die EU-Kommission untersucht nach der Foreign Subsidies Regulation, ob JD.com von chinesischen Staatssubventionen profitiert hat, die das Gebot künstlich aufgeblasen und damit europäische Bieter aus dem Rennen gedrängt haben könnten. JD.com bestreitet das und verweist auf private Bankkredite und Eigenmittel. Die Frist läuft bis zum 2. Oktober 2026. Das ist das Instrument, das der Sache angemessen ist — es fragt nicht, ob Daten sicher sind, sondern ob der Wettbewerb um den Kauf überhaupt fair war. Bezeichnend, dass Berlin dieses Instrument nicht selbst führt, sondern nach Brüssel delegiert und sich mit dem Datenschutz-Vorbehalt begnügt.
Denn Deutschland hätte den härteren Hebel. Das Außenwirtschaftsrecht erlaubt eine Investitionsprüfung, die eine Übernahme aus Gründen der öffentlichen Ordnung und Sicherheit untersagen oder mit substanziellen Auflagen belegen kann. Dass die Genehmigung des Wirtschaftsministeriums überhaupt nötig war, zeigt, dass dieser Rahmen griff. Er wurde genutzt — aber zaghaft. Statt der Frage, ob kritische Handelsinfrastruktur in den Einflussbereich eines Staates geraten soll, dessen Unternehmen dem Zugriff seiner Regierung kaum entziehbar sind, kam die Frage nach dem Datenblatt.
Hier ist der ehrliche Einwand, und er wiegt. Protektionismus ist keine Souveränität, sondern ihre Karikatur. Ein offener Binnenmarkt lebt davon, dass Kapital hereindarf — auch chinesisches. JD.com hat sich verpflichtet, Ceconomy als eigenständiges Unternehmen mit den Marken MediaMarkt und Saturn zu erhalten, das Management zu belassen und mindestens drei Jahre keine betriebsbedingten Zwangskündigungen auszusprechen. Die Gründerfamilien Kellerhals und Schmidt-Ruthenbeck halten über ein Drittel der Anteile und bleiben an Bord. Das Unternehmen braucht Kapital für seine Transformation, und der Staat ist kein besserer Eigentümer als ein strategischer Investor. Ein Deal zu blockieren, nur weil der Käufer chinesisch ist, wäre die Sorte Reflex, die europäische Firmen im umgekehrten Fall zu Recht empört.
Der Einwand trifft — aber nur die falsche Alternative. Zwischen „durchwinken" und „blockieren" liegt genau das, was eine Investitionsprüfung leisten soll: verbindliche Struktur-Auflagen statt kosmetischer Daten-Klauseln. Kein Vorrang chinesischer Marken auf der Plattform, vor dem die Konkurrenz von Euronics bis zum Fachhändler in der Kreisstadt warnt. Governance-Regeln, die verhindern, dass die europäische Infrastruktur zum verlängerten Arm einer außereuropäischen Plattformlogik wird. Die Zusagen zu Arbeitsplätzen und Marken sind ein Anfang — drei Jahre sind bei einer Infrastruktur-Übernahme allerdings ein Wimpernschlag, und ver.di fordert zu Recht mehr als ein Ablaufdatum.
Das eigentliche Armutszeugnis liegt tiefer. Dass ein chinesischer Konzern der einzige Bieter mit 2,2 Milliarden Euro und einer glaubwürdigen Digitalstrategie war, ist kein Zufall — es ist das Ergebnis eines Kontinents, der über digitale Souveränität redet und keinen eigenen Champion hervorbringt, der Ceconomy hätte kaufen wollen. Die Übernahme ist nicht die Ursache europäischer Schwäche. Sie ist ihr Kassenbon.
Souveränität misst man nicht daran, welche Berichte man sich vorbehält. Man misst sie daran, ob man den Verkauf gar nicht erst nötig hatte.
