Das Robert Koch-Institut rechnet nicht Leichen, es rechnet Kurven. Seine Schätzung von rund 5.100 hitzebedingten Sterbefällen bis Ende Juni 2026 stammt aus einem Modell, das die wöchentlichen Sterbezahlen des Statistischen Bundesamtes gegen die Temperaturdaten des Deutschen Wetterdienstes hält. Was über dem erwarteten Wert liegt und mit der Hitze zusammenfällt, zählt als hitzebedingt. Diese Zahl steht laut Deutschlandfunk für die Woche vom 22. bis 28. Juni – ein einziger, außergewöhnlich heißer Zeitraum, nicht ein ganzer Sommer.

Der Vergleich verschiebt die Perspektive. In den Jahren 2023 bis 2025 lag die geschätzte Zahl hitzebedingter Todesfälle bei rund 2.900 pro Jahr. Ende Juni 2026 wurde dieser Jahreswert in sieben Tagen fast erreicht. Das Statistische Bundesamt weist für dieselbe Woche eine Übersterblichkeit von etwa 6.800 Fällen aus – mehr, als das RKI der Hitze allein zuschreibt. Die Differenz ist keine Ungenauigkeit, sondern die eingebaute Vorsicht des Modells: Es zählt nur, was sich statistisch von der Hitze trennen lässt, und lässt offen, wie viele der übrigen Toten indirekt dazugehören.

Was „hitzebedingt" heißt – und was es verschweigt

Der Begriff trägt mehr, als er zeigt. Kaum jemand stirbt am Hitzschlag. Hitze wirkt als Verstärker: Sie belastet Herz und Kreislauf, verschlimmert Atemwegs- und Nierenleiden, treibt Menschen mit Diabetes und psychischen Erkrankungen in Krisen. Der Tod tritt oft Tage nach dem Höhepunkt der Welle ein. Deshalb steht auf keinem Totenschein „Hitze", und deshalb ist jede Zahl eine Rekonstruktion, keine Zählung.

Die Betroffenheit ist ungleich verteilt. Von den geschätzten Toten bis zum 28. Juni waren laut Apotheken Umschau etwa 2.950 mindestens 85 Jahre alt, weitere 1.320 zwischen 75 und 84. Mehr Frauen als Männer starben – wobei das RKI diesen Unterschied vor allem dem höheren Frauenanteil in den obersten Altersgruppen zuschreibt, nicht einer eigenen Anfälligkeit. Wer stirbt, ist damit weitgehend bekannt: alte, oft pflegebedürftige, oft allein lebende Menschen. Das ist kein Nebenbefund, sondern der Angelpunkt jeder Schutzstrategie.

Zur regionalen Verteilung schweigt die bundesweite Schätzung. Einzelne Länderzahlen deuten aber, dass der Süden früher und härter getroffen wurde: In Baden-Württemberg meldete das RKI laut Welt knapp 800 Hitzetote, in Thüringen bereits mehr als im gesamten Vorjahr. Der absolute Temperaturrekord fiel laut ZDF mit 41,8 Grad in Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt. Der DWD registrierte nie zuvor so früh im Jahr eine Hitzewarn-Periode dieser Länge.

Ein Gesetz, das nicht verpflichtet

Deutschland ist auf dem Papier vorbereitet. Seit dem 1. Juli 2024 gilt das Klimaanpassungsgesetz, das Länder und Kommunen zur Vorsorge anhält; das Bundesgesundheitsministerium hat einen Hitzeschutzplan vorgelegt und ihn laut BMG um Sport, Apotheken und psychotherapeutische Praxen erweitert. Der Hitzeaktionstag am 11. Juni 2026 mobilisierte nach Angaben der Veranstalter über 150 Institutionen. An Handreichungen und Kampagnen fehlt es nicht.

An Verbindlichkeit fehlt es. Der Deutsche Städtetag beschreibt den Kern des Problems nüchtern: Klimaanpassung ist eine freiwillige Aufgabe, und freiwillige Aufgaben scheitern an leeren Kassen. Sein Vize Uwe Conradt fordert laut Deutschlandfunk, Hitzeschutz zur Pflicht zu machen; die Förderung für den klimagerechten Umbau sei zu kompliziert. Der Verband beziffert nach eigener Darstellung den Investitionsbedarf für Hitzeanpassung auf bis zu 55 Milliarden Euro bis 2030 – eine Summe, für die es keinen zugesagten Finanzierungspfad gibt. Rund 60 Prozent der deutschen Wohngebäude sind unzureichend gegen sommerliche Wärme geschützt.

Hier liegt der Mechanismus, der die Zahlen erklärt. Ein Gesetz, das „soll" sagt statt „muss", verlagert die Entscheidung auf die Ebene mit dem knappsten Budget. Ein kühler Aufenthaltsraum für Pflegeheime, ein Anrufsystem für allein lebende Alte, ein beschatteter Platz statt einer Asphaltfläche – all das kostet Geld, das eine Kommune in der Haushaltssicherung nicht hat und für das der Bund keine Pflicht formuliert. Die Sterbekurve trifft dann genau jene Gruppe, deren Schutz freiwillig geblieben ist.

Frankreich als Kontrollgruppe

Der stärkste Einwand gegen diese Deutung lautet: Vielleicht lässt sich gegen eine Rekordhitze ohnehin wenig ausrichten, und die Toten wären so oder so gestorben. Frankreich ist der Fall, an dem sich das prüfen lässt. Die Hitzewelle 2003 forderte dort schätzungsweise 15.000 Menschenleben – ein Schock, der den plan canicule hervorbrachte: ein national koordiniertes System aus Frühwarnstufen, Registern gefährdeter Personen und aktiver Betreuung von Risikogruppen. Der Staat wartet nicht, dass die Alten sich melden; er ruft sie an.

Auch 2026 traf es Frankreich hart – Westfrankreich meldete am 24. Juni 43,8 Grad, und ein Carbon-Brief-Gastbeitrag schätzt für den Juni mehr als 2.700 hitzebedingte Tote. Der Einwand trifft also einen wahren Kern: Ein Plan macht Hitze nicht harmlos. Was er ändert, ist der Umgang mit der bekannten Schwachstelle. Die Blaupause, die deutsche Ärztevertreter laut Ärzte Zeitung einfordern, existiert seit über zwei Jahrzehnten – sie ist verpflichtend, zentral gesteuert und finanziert. Genau die drei Eigenschaften, die dem deutschen Ansatz fehlen.

Der europäische Rahmen bestätigt das Muster: Weniger als die Hälfte der WHO-Mitgliedsstaaten in Europa verfügt nach WHO-Angaben über einen nationalen Hitzeaktionsplan. Für den Kontinent schätzt eine wissenschaftliche Attributionsstudie auf Zenodo die hitzebedingten Todesfälle allein für die Woche vom 22. bis 28. Juni auf rund 20.390. Die Europäische Umweltagentur nennt fast alle dieser Todesfälle vermeidbar – eine Einschätzung, die nur trägt, wenn Schutz eine politische Entscheidung ist und kein Naturzustand.

Woran man in einem Jahr erkennt, ob sich etwas bewegt

Der Sommer 2026 ist als frühe, extreme Welle ein statistischer Ausreißer – aber acht der zehn heißesten Sommer in Deutschland fielen in die letzten dreißig Jahre. Die WHO nannte diese Welle eine Generalprobe. Ob Deutschland aus ihr lernt, wird sich nicht an weiteren Handreichungen zeigen, sondern an zwei prüfbaren Punkten: ob der Bund Klimaanpassung von einer freiwilligen zur Pflichtaufgabe macht und dafür einen konkreten Finanzierungspfad benennt – und ob die 55-Milliarden-Lücke des Städtetags im nächsten Haushalt einen Posten bekommt. Bleibt beides aus, liefert der nächste Rekordsommer die nächste Kurve. Sie wird höher liegen.