Simone Oldenburg, Ministerin für Bildung und Kindertagesförderung, könnte per Erlass die bereits erhobenen Versorgungsdaten jeder Schule öffentlich machen. Aus unserer Sicht ist das ihr bester nächster Zug.

Kernpunkte

  • Zum Schuljahresbeginn 2025/26 blieben 397 Lehrerstellen unbesetzt; von 675 Neueinstellungen waren 244 Seiteneinsteiger (news4teachers, 09.09.2025).
  • Das Ministerium erhebt Unterrichtsversorgung und Ausfall pro Schule, meldet öffentlich aber nur Aggregate (2,9 % Ausfall allgemeinbildend, 7,7 % beruflich) — die kritische Presse nennt das „nur Statistik".
  • Der Zug: per Erlass die schon vorhandenen Versorgungsdaten schulscharf und maschinenlesbar als quartalsweise aktualisiertes offenes Verzeichnis veröffentlichen.
  • Aus unserer Sicht ist diese Offenlegung der beste nächste Zug — überprüfbar am 31.08.2026.

Der Druck ist datiert und real. Zum Beginn des Schuljahres 2025/26 waren in Mecklenburg-Vorpommern 397 Lehrerstellen unbesetzt; von 675 Neueinstellungen kamen 244 als Seiteneinsteiger ohne grundständige Lehramtsausbildung in den Dienst — gut jede dritte neue Kraft (news4teachers, 09.09.2025). 1,8 Prozent der Schulen konnten den Regelunterricht zum Schuljahresstart nicht voll absichern. Bis 2030 muss das Land über 3.300 Lehrkräfte einstellen, seine Hochschulen liefern aber nur rund 2.300 grundständig Ausgebildete — eine strukturelle Lücke von etwa tausend Stellen. Der zuletzt gemeldete Unterrichtsausfall lag bei 2,9 Prozent an allgemeinbildenden und 7,7 Prozent an beruflichen Schulen (Ausfallstatistik, veröffentlicht 19.03.2026). Diese Durchschnitte verdecken das Gefälle zwischen einer gut versorgten Stadtschule und einer Grundschule im ländlichen Raum, an der wochenweise ganze Fächer entfallen.

Was Oldenburg selbst will

In ihrer stärksten Lesart verfolgt Oldenburg zwei erklärte Ziele. Erstens Verlässlichkeit: Ihr Haus vermarktet das novellierte Schulgesetz ausdrücklich unter dem Anspruch, dass es „für Verlässlichkeit sorgt" — Unterricht, auf den Eltern und Schüler bauen können. Zweitens verteidigt sie den Seiteneinstieg offen als Notwendigkeit, nicht als Notnagel: Seiteneinsteiger seien „nach wie vor unverzichtbar, weil zu wenige Lehramtsabsolventinnen und Lehramtsabsolventen unsere Hochschulen verlassen". Als Präsidentin der Bildungsministerkonferenz 2025 hat sie zudem den Anspruch vertreten, Schulpolitik auf belastbare Daten zu gründen. Wer Verlässlichkeit verspricht und den Seiteneinstieg für vertretbar hält, muss belegen können, dass die Versorgung dort trägt, wo Menschen sie erleben — an der einzelnen Schule.

Der Zug

Das Instrument ist ein ministerieller Erlass beziehungsweise eine Verwaltungsvorschrift, die anordnet, die bereits erhobenen Kennzahlen jeder öffentlichen Schule offenzulegen: erteilter Unterricht, ersatzloser Ausfall, Anteil fachfremd erteilter Stunden und Anteil noch nicht ausqualifizierter Seiteneinsteiger — je Schule, quartalsweise, als frei zugängliches und maschinenlesbares Verzeichnis. Die Zuständigkeit liegt vollständig bei Oldenburg: Das Ministerium erhebt genau diese Daten bereits, sonst könnte es die Landeswerte nicht ausweisen. Es geht nicht um eine neue Erhebung, sondern um die Veröffentlichung des Vorhandenen. Der erste Schritt ist binnen Wochen machbar — die Ausfertigung des Erlasses und der Start eines schlichten Dashboards auf dem Bildungsserver des Landes. Die Größenordnung ist gering: Es entstehen keine neuen Personal- oder Sachkosten für Erhebung, nur der einmalige Aufwand einer Veröffentlichungsplattform — im Verhältnis zum Landesbildungshaushalt ein Rundungsposten, vergleichbar den Kosten einer mittleren Fortbildungsreihe.

Warum der Zug trägt

Für Oldenburg selbst ist es der stärkste verfügbare Zug. Als Spitzenkandidatin wird sie an genau den 397 Stellen und der Ausfallquote gemessen; wer die Zahl kennt, kann sie gegen sie wenden. Legt sie die Daten selbst und schulscharf offen, besetzt sie das Thema als Kandidatin der Verlässlichkeit, statt es der Opposition zu überlassen — und macht ihren eigenen Anspruch überprüfbar, statt ihn zu behaupten. An den drei Achsen wirkt der Zug positiv oder neutral. Demokratie: klar positiv — Eltern, Schulträger und Abgeordnete erhalten die Grundlage, an der Landespolitik gemessen wird; Rechenschaft wird möglich, wo bisher nur ein Durchschnitt kursierte. Effizienz: positiv — sichtbare Engpässe je Schule erlauben es, knappe Lehrkräfte und Vertretungsmittel dorthin zu lenken, wo der Ausfall am größten ist, statt nach Landesmittelwert zu steuern. Ökologie: neutral. Die Demokratie-Achse, die harte Grenze dieses Formats, wird nicht verletzt, sondern gestärkt.

Der stärkste Einwand: Schulscharfe Mangeldaten wenige Wochen vor einer Wahl liefern der Opposition eine Landkarte des Versagens und drohen, einzelne Schulen zu stigmatisieren. Das ist ernst zu nehmen — und genau deshalb gehört die Offenlegung als stehende Einrichtung eingeführt, nicht als Wahlkampfgeste: ein Erlass, der über den Wahltag hinaus gilt, und Daten, die immer neben der Angabe stehen, welche Vertretungs- und Zuweisungsmaßnahme daraus folgt. Stigmatisierung entsteht durch Gerücht und Verdacht, nicht durch belastbare Zahlen mit Handlungsfolge. Wer Verlässlichkeit verspricht, kann die Prüfung dieses Versprechens nicht von der Wahl abhängig machen.

Zur Neuheit, offen: Mehr Transparenz beim Unterrichtsausfall fordern seit Jahren Wissenschaft und Gewerkschaften, und einzelne Länder weisen Ausfall granularer aus als Mecklenburg-Vorpommern; die Idee ist nicht Oldenburgs Erfindung. Entscheidend für dieses Format ist der enge Neuheits-Check: Oldenburg selbst hat den Schritt bislang nicht getan — ihr Haus veröffentlicht ausdrücklich nur Landesaggregate, was die regionale Presse als „Entlastung oder nur Statistik?" kommentiert. Die bereits ergriffenen Maßnahmen — Landzulage von 424,25 Euro für schwer besetzbare Stellen, die Seiteneinstiegs-Vorqualifizierung, die „Lehrerbildungslandpartie" — betreffen Gewinnung und Ausbildung, nicht die schulscharfe Offenlegung. Der hier vorgeschlagene Zug ist damit noch frei.

Prüfstein

  • Adressat: Simone Oldenburg, Ministerin für Bildung und Kindertagesförderung und stellvertretende Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommern (Die Linke)
  • Zug: Per Erlass die bereits erhobenen Unterrichtsversorgungs- und Ausfalldaten jeder öffentlichen Schule schulscharf, quartalsweise und maschinenlesbar öffentlich zugänglich machen.
  • Frist: 31.08.2026
  • Prüfstein: Bis zum 31.08.2026 ist ein öffentlich zugängliches, schulscharfes Verzeichnis online, das für jede öffentliche Schule mindestens erteilten Unterricht und Ausfallquote ausweist — ja/nein.