Am 8. Juli 2026 erklärte US-Präsident Donald Trump die dreiwöchige Waffenruhe mit Teheran für beendet. Was folgte, war die intensivste US-Angriffswelle seit der Unterzeichnung eines 14-Punkte-Memorandums im Juni: Luftschläge gegen mehr als 80 Ziele — Kommandozentralen, Radarsysteme, Marineinfrastruktur. Iranische Medien meldeten Explosionen in mindestens drei Küstenstädten, Teheran sprach von 14 Toten und 78 Verletzten, überwiegend Militärpersonal.

Iran antwortete mit ballistischen Raketen und Drohnen auf US-Stützpunkte in Kuwait und Bahrain. In Kuwait fing die Luftverteidigung drei Raketen ab; Trümmer verletzten eine Person. Die Golfstaaten — Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait, Bahrain, Katar — stehen damit in einer Eskalation, die ihre Infrastruktur zum Nebenschauplatz macht.

Was Hormus strategisch bedeutet

Die Straße von Hormus ist nicht nur eine Schifffahrtsroute, sie ist ein geopolitisches Instrument. Iran hält sie seit Jahrzehnten als implizite Drohung in Reserve. 21 Millionen Barrel täglich, dazu große Mengen Flüssigerdgas — wer hier den Verkehr unterbricht, erschüttert Energiemärkte von Tokio bis Hamburg.

Das Paradoxon: Iran kann die Meerenge nicht dauerhaft schließen, ohne sich selbst zu ruinieren. Ein Großteil der eigenen Ölexporte läuft durch Hormus. Eine vollständige Sperrung wäre Harakiri für eine Volkswirtschaft, die unter US-Sanktionen ohnehin unter Druck steht. Deshalb operiert Teheran seit Jahren mit dem, was Strategen „Eskalationsdominanz unter der Schwelle" nennen: Tanker angreifen, Drohnen einsetzen, die Schiffsversicherungen in die Höhe treiben — ohne formell den Krieg zu erklären.

Die USA haben demgegenüber ein militärisches Superioritätsproblem eigener Art. Sie können iranische Infrastruktur treffen, wie die jüngsten Angriffe auf Luftverteidigungssysteme zeigen. Aber die Kontrolle über Hormus lässt sich nicht durch Luftschläge erzwingen. Selbst schwer beschädigte iranische Seestreitkräfte könnten mit Mines, Schnellbooten und landgestützten Raketen den Schiffsverkehr monatelang stören.

Die Ölmärkte reagieren — aber anders als erwartet

Brent-Rohöl stieg nach den US-Schlägen auf den höchsten Stand seit zwei Wochen. Dann fiel der Preis wieder: Am 9. Juli notierten Brent-Futures bei 77,86 Dollar pro Barrel, ein Minus von 0,21 Prozent gegenüber dem Vortag; WTI lag bei 73,37 Dollar.

Diese Bewegung ist erklärungsbedürftig. Warum keine stärkere Spitze? Goldman Sachs skizziert ein zweigeteiltes Bild: Kurzfristig seien die Risiken für die Ölflüsse real, eine Normalisierung werde aber bis Ende Juli erwartet, falls die Verhandlungen andauern und Sanktionserleichterungen zurückkehren. Die Märkte preisen also nicht das Worst-Case-Szenario einer Sperrung ein — sie wetten auf Deeskalation, auch wenn Deeskalation derzeit nirgends sichtbar ist.

Kriegsversicherer sind weniger optimistisch: Mehrere Anbieter raten Reedereien, Fahrten durch Hormus vorerst auszusetzen. Wer fährt, zahlt deutlich höhere Prämien. Das treibt die Transportkosten — ein Effekt, der mit Verzögerung in Energiepreisen weltweit ankommt, auch in Deutschland.

Zusätzlich hat Washington die zuvor erteilten Lizenzen für iranische Ölexporte widerrufen. Der kombinierte Effekt — militärische Unsicherheit plus Sanktionsverschärfung — entzieht dem Markt eine Zulieferquelle, deren Volumen im Briefing nicht beziffert ist; die genauen Exportmengen Irans unter den bisherigen Ausnahmegenehmigungen sind öffentlich nicht vollständig belegt.

Diplomatie auf dem Reservekanal

Direkte Botschafter haben die USA und Iran seit 1980 nicht mehr ausgetauscht. Die formelle Kommunikation läuft über die pakistanische Botschaft in Washington und die Schweizer Botschaft in Teheran — Kanäle, die für Notfälle, nicht für Verhandlungen gebaut sind.

Dass dennoch im Juni 2026 ein 14-Punkte-Memorandum unterzeichnet wurde, verdankt sich vor allem Katar und Oman, die seit Jahren als Durchleitungsstellen fungieren. Das MOU sah die Einstellung der Feindseligkeiten und die Wiedereröffnung der Meerenge vor. Es hielt weniger als einen Monat.

Pakistan, Katar, die Türkei und Ägypten versuchen, die Gesprächskanäle offen zu halten. Trump signalisierte nach dem Zusammenbruch der Waffenruhe, dass Verhandlungen „weitergehen könnten" — ohne zu präzisieren, unter welchen Bedingungen. Iran wiederum erklärte, die Atomgespräche fortzusetzen, während gleichzeitig Raketen auf Kuwait flogen. Beide Seiten sprechen und schießen parallel.

Die UN drängen auf Verhandlungen „in good faith" über das iranische Atomprogramm und berufen sich auf die fortgeltende Relevanz des JCPOA — jenes Abkommens, das die USA 2018 unter Trump erstmals verließen und unter Biden wiederbeleben wollten, ohne es je zu reaktivieren. Wie tragfähig der JCPOA als Grundlage noch ist, ist unter Diplomaten strittig.

Ein Muster mit Geschichte

Die aktuelle Eskalation hat Vorläufer, die für die Risikoeinschätzung relevant sind. Im sogenannten Tankerkrieg der späten 1980er-Jahre griffen beide Seiten Schiffe an; die US-Marine zerstörte 1988 iranische Ölplattformen und Kriegsschiffe — Operation Praying Mantis. Im selben Jahr schoss die USS Vincennes versehentlich einen iranischen Airbus ab, 290 Menschen starben. Trotzdem endete dieser Konflikt ohne Flächenbrand.

2020 töteten die USA den iranischen General Qasem Soleimani; Iran antwortete mit Raketenangriffen auf US-Stützpunkte im Irak, ohne amerikanische Opfer zu erzielen — offenbar kalkuliert. Das Muster dahinter: Iran eskaliert bis zu einer Schwelle, die eine unkontrollierte US-Reaktion verhindert, und hält diese Schwelle im Blick.

Ob dieses Kalkül im Juli 2026 noch trägt, ist die entscheidende offene Frage. Die Stärke des US-Militäreinsatzes — mehr als 80 Ziele in einer einzigen Angriffswelle — übersteigt frühere Vergeltungsschläge deutlich. Und Trump hat öffentlich erklärt, die Waffenruhe sei vorbei.

Was die Sicherheitsanalyse offen lässt

Die genaue Schadenstiefe der US-Angriffe an iranischer Infrastruktur ist nicht öffentlich verifizierbar. Unklar ist, wie weit die iranische Luftverteidigung tatsächlich degradiert wurde — und ob Teheran seine Drohfähigkeit gegenüber Hormus noch vollständig aufrechterhalten kann. Ebenso gibt es widersprüchliche Berichte über einen abgestürzten US-Militärhubschrauber nahe der Meerenge, der als einer der Auslöser der jüngsten Eskalation gilt; eine unabhängige Klärung steht aus.

Was Goldman Sachs bis Ende Juli als Normalisierungsszenario beschreibt, setzt voraus, dass weder die USA noch Iran die nächste Schwelle überschreiten. Das ist eine Wette auf rationale Selbstbeschränkung — unter einer US-Administration, die die Waffenruhe brach, und einer iranischen Führung, die Raketen auf Verbündete der USA schickt, während sie gleichzeitig Gespräche über ihr Atomprogramm anbietet.

Der Schalter in der Meerenge ist nicht umgelegt. Aber die Hand liegt drauf.