Am 19. Mai 2026 veröffentlichte Donald Trump auf Truth Social, was wenige Stunden zuvor noch als beschlossen galt, sei nun abgeblasen: ein Militärschlag gegen den Iran. Katar und Saudi-Arabien hätten gebeten, drei Tage zu warten — die Verhandlungen seien zu weit fortgeschritten. Drei Monate später bombardierten US-Streitkräfte mehr als 80 Ziele im Iran, Trump erklärte die Waffenruhe für beendet und drohte mit „vollständiger Zerstörung". Was zwischen diesen Punkten liegt, ist kein Politikmuster — es ist das Gegenteil davon.
Wie der Krieg begann
Den Ausgangspunkt bildeten gemeinsame US-israelische Angriffe auf iranische Stellungen, die am 28. Februar 2026 begannen. Iran antwortete mit Gegenschlägen. Im April verlängerte Trump eine Waffenruhe — die erste in einer Kette von Eskalations- und Deeskalationsgesten, deren Logik von außen schwer zu lesen ist. SRF berichtete: Als iranische Kräfte Tanker in der Straße von Hormus angriffen, reagierten die USA am 8. Juli mit Luftschlägen auf Luftabwehrsysteme und Schiffe der Revolutionsgarden. Trump erklärte die Waffenruhe für beendet und begründete die Angriffe als Reaktion auf die Gefährdung internationaler Schifffahrt.
Was folgte, war keine Strategie im klassischen Sinn: Tagesspiegel zufolge drohte Trump am 11. Juli erneut mit einem „großen Angriff" — und sprach von 1.000 gefechtsbereiten Raketen. Drei Tage zuvor hatte er erklärt, er rechne nicht mit einer Fortsetzung des Kriegs.
Der Engpass und sein Gewicht
Das entscheidende geographische Faktum ist bekannt, wird aber in seiner Konkretion selten ausgeführt: Die Straße von Hormus ist an ihrer engsten Stelle rund 54 Kilometer breit. Durch diesen Kanal laufen nach Deutschlandfunk rund 20 Prozent des weltweiten Öl- und Flüssiggastransports. Katar, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate sind auf freie Durchfahrt existenziell angewiesen; ihr Druck auf Trump, den Angriff im Mai auszusetzen, erklärt sich daraus unmittelbar.
Die Marktreaktion zeigt, wie nah die Welt an einer Versorgungskrise ist. Nach den US-Angriffen vom 8. Juli stieg der Brent-Preis auf über 76 US-Dollar pro Barrel — etwa achteinhalb Prozent über dem Zwischentief der Vorwoche, wie MarketScreener auswies. Analysten kalkulieren: Eine vollständige Schließung der Straße könnte den Ölpreis um weitere zehn US-Dollar treiben. In der zweiten Julihälfte kam der Schiffsverkehr dort nach Berichten nahezu vollständig zum Erliegen.
Die USA haben gleichzeitig zuvor gelockerte Sanktionen auf iranische Ölexporte wieder eingesetzt — womit Washington wirtschaftlichen und militärischen Druck parallelschaltet, ohne dass erkennbar wäre, welcher Hebel das eigentliche Verhandlungsinstrument sein soll.
Was Teheran will — und was es sagt
Die iranische Position ist konsistenter, als Trumps Darstellungen nahelegen. Auf die US-Forderung, den sicheren Seeverkehr durch Hormus öffentlich zu garantieren, antwortete Teheran mit Verweis auf bestehende Abkommen und die Zusammenarbeit mit Oman — aber eben nicht mit der geforderten öffentlichen Zusage. Spiegel berichtete, Iran habe Berichte über Verhandlungsfortschritte wiederholt über die Nachrichtenagentur Fars dementiert.
Das Muster erklärt sich aus der Logik iranischer Sicherheitspolitik: Teheran betrachtet die Kontrolle über Hormus als strategisches Abschreckungsmittel. Eine öffentliche Garantie wäre eine Entwertung dieses Instruments — auch ohne Krieg. Die Bereitschaft zu Gesprächen und das Beharren auf dieser Position schließen sich in iranischer Sicht nicht aus.
Das Steelman-Argument für Trumps Kurs
Wer die Eskalationsdramaturgie als reine Unberechenbarkeit abtut, unterschätzt einen realen Effekt: Der Druck hat die Gesprächskanäle nicht geschlossen, sondern — nach Informationslage — offen gehalten. Katar, Saudi-Arabien und die VAE hätten kaum intervenierten, gäbe es keine Gespräche. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen begrüßte im Mai Fortschritte in Richtung eines Abkommens. Die EU-Außenminister registrierten eine Einigung zur Beendigung des Krieges — auch wenn deren Bestand zweifelhaft blieb. Das Argument lautet: Maximaldruck erzeugt Gesprächsbereitschaft auf einer Seite, die Konzessionen historisch nur unter Druck macht.
Gegen dieses Argument steht der empirische Befund des Juli: Die Schläge auf über 80 iranische Ziele haben die Schifffahrt in Hormus nicht gesichert — sie haben sie zum Erliegen gebracht.
Das Fehlkalkulationsrisiko
Das strukturelle Problem liegt nicht im Willen beider Seiten zum Krieg, sondern in der Architektur einer Lage, in der Signale falsch gelesen werden. Trump operiert mit maximalistischer Rhetorik als Verhandlungsinstrument; Teheran versteht sie als Absicht. Iran setzt Tanker unter Druck als Abschreckung; Washington wertet das als Casus Belli. LBBW analysiert: Die Unsicherheit rund um die Straße von Hormus erzeugt im globalen Energiemarkt strukturelle Risikoprämien, die unabhängig vom Verhandlungsstand anhalten.
Der UN-Sicherheitsrat hat sich mit dem Konflikt befasst und ruft zu Deeskalation und Dialog auf, wie Euractiv berichtete. Die Wirkung blieb begrenzt: Das Veto-Recht der USA im Sicherheitsrat macht verbindliche Resolutionen gegen die eigene Position strukturell unmöglich. Die EU agiert als Begrüßungsorgan — sie kann Einigungen willkommen heißen, erzwingen kann sie nichts.
Was die Analyse trägt — und was sie nicht löst
Die belastbare Beobachtung lautet: Trumps Eskalations-Deeskalations-Zyklen haben bisher keinen stabilen Verhandlungsrahmen erzeugt. Die Bedingungen für einen solchen Rahmen — gegenseitig anerkannte rote Linien, ein Kommunikationskanal mit Verifikationsmöglichkeit, ein geteiltes Interesse an Hormus-Stabilität — sind vorhanden, aber noch nicht institutionalisiert.
Das IPG Journal spricht von strategischer Inkompetenz und sieht die Präsidentschaft Trumps durch den Iran-Krieg zunehmend belastet. Ein deutlicheres innenpolitisches Signal wäre: Steigen die Energiepreise in den USA weiter und belastet die Waffenruhe-Volatilität die Midterm-Positionierung republikanischer Abgeordneter, dürfte der Druck auf eine Verhandlungslösung aus dem Kongress zunehmen.
Woran man erkennen wird, ob die Analyse trug: Existiert bis Herbst 2026 ein schriftlich fixierter Rahmen zur Hormus-Schifffahrt mit Verifikationsmechanismus, war Druck ohne Institutionalisierung hinreichend. Bleibt er aus, hat die Dramaturgie das Risiko nur verwaltet — nicht abgebaut.
