Am 24. Mai 2026 rammte ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug in der Nähe von Quetta einen fahrenden Personenzug. Mehrere Waggons entgleisten, die Lokomotive wurde aus den Schienen gerissen. In den Krankenhäusern der Provinzhauptstadt galt Notstand. Die Bilanz: mindestens 24 Tote — andere Quellen nennen bis zu 30 —, über 70 Verletzte. Unter den Opfern waren Soldaten; ob auch Zivilisten starben, blieb in den ersten Berichten unklar. Die Balochistan Liberation Army (BLA) bekannte sich noch am selben Tag, ihre Majeed Brigade habe den Selbstmordanschlag ausgeführt.
Es war kein Ausreißer. Es war Routine.
Nummer eins im falschen Ranking
Pakistan führt im Global Terrorism Index 2026 erstmals die Weltrangliste an — noch vor dem Irak, Afghanistan und Mali. Im Jahr 2025 zählte das Institute for Economics and Peace 1.045 Terroranschläge mit 1.139 Toten, den höchsten Wert seit 2013. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es rund 900 Todesfälle. Der Zuwachs von rund 26 Prozent innerhalb eines Jahres markiert eine Beschleunigung, keine Delle.
Zwei Gruppen treiben diesen Trend. Die Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP) operiert vorwiegend in der Nordwestprovinz Khyber Pakhtunkhwa und versteht sich als verlängerter Arm der afghanischen Taliban — ideologisch kongruent, taktisch eigenständig. Die BLA dagegen ist ein säkularer, ethnisch belutscher Nationalismus, der seit Jahrzehnten auf die wirtschaftliche Marginalisierung seiner Provinz verweist: Belutschistan besitzt ein Viertel der pakistanischen Landfläche, schürft Kupfer, Erdgas und Gold — und bleibt die ärmste Provinz des Landes. Diese strukturelle Klage ist die Rekrutierungsbotschaft der BLA, seit sie in den 1970er Jahren entstand.
Gemeinsam machen TTP und BLA über 74 Prozent der landesweiten Anschlagstodesfälle aus; in Belutschistan allein entfallen nach Schätzungen des Bundesamts für Migration auf diese Provinz 96 Prozent der Angriffe und Opfer.
Quetta und Kabul: der außenpolitische Hebel
Nach dem Zuganschlag vom 24. Mai schlug Islamabad militärisch nach Afghanistan aus. Die pakistanische Luftwaffe griff nach eigenen Angaben Ziele in den Provinzen Paktika und Khost an — Regionen, in denen TTP-Kommandeure Unterschlupf gefunden haben sollen. Das Taliban-Regime in Kabul dementierte, Terroristen zu dulden, und drohte mit Gegenschlägen. Es folgten kleinere Grenzzwischenfälle.
Das ist keine neue Dynamik, aber eine verschärfte. Pakistan und Afghanistan verbindet die 2.640 Kilometer lange Durand-Linie, deren Verlauf Kabul seit dem 19. Jahrhundert nicht anerkennt. Das Taliban-Regime hat die TTP nie ernsthaft entwaffnet — weil es politisch nicht kann oder will, darüber streiten Analysten. Pakistan seinerseits hat wiederholt zwischen militärischen Schlägen und Verhandlungsangeboten gewechselt, ohne die TTP nachhaltig zu schwächen. Der Außenminister in Islamabad — sein Name ist aus dem Faktenanker des Recherchebriefings nicht belegt — sprach nach dem Anschlag von einem „staatlich geduldeten Terrorismus" durch Kabul, ohne konkrete Belege vorzulegen.
Die Luftschläge gegen Afghanistan lösen kein innenpolitisches Problem. Die BLA hat keine Rückzugsgebiete im Ausland, die man bombardieren könnte. Ihr Netzwerk sitzt in Belutschistan selbst.
Was Terrorismusbekämpfung kostet — und wen
Islamabad betreibt seit Jahren zwei parallele Strategien: Militäroperationen in den Stammes- und Grenzgebieten sowie sogenannte National Action Plans, die Terrorismusfinanzierung und Rekrutierung unterbinden sollen. Pakistan stand bis 2022 auf der grauen Liste der Financial Action Task Force (FATF), wurde dann gestrichen — unter der Bedingung, dass Gesetze zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung umgesetzt werden. Der Druck hat institutionelle Reformen erzwungen, ohne die operative Sicherheitslage zu verbessern.
Amnesty International dokumentierte im Jahresbericht 2025/26 für Pakistan anhaltende Praxis des erzwungenen Verschwindenlassens: Menschen werden ohne Anklage festgehalten, Familien erhalten keine Auskunft. Human Rights Watch berichtet für dasselbe Jahr von verstärkter Gewalt gegen die Ahmadiyya-Gemeinschaft sowie von Pressebeschränkungen, die unabhängige Berichterstattung aus Belutschistan faktisch unterbinden. Das schafft ein Informationsvakuum, das die BLA propagandistisch füllt.
Das Muster ist bekannt aus anderen Konflikten: Je mehr der Staat im Namen der Sicherheit die Zivilbevölkerung unter Generalverdacht stellt, desto leichter rekrutieren die Gruppen, die der Staat bekämpfen will. Ob dieser Zusammenhang in Belutschistan kausal ist oder ob andere Faktoren überwiegen — das bleibt in der Forschung strittig. Die Korrelation ist belegt; der Mechanismus ist es nicht vollständig.
Wirtschaft unter Beschuss
Für ausländische Direktinvestitionen ist Belutschistan weitgehend gesperrt. Das Auswärtige Amt rät deutschen Staatsbürgern von Reisen in die Provinz ab und hat eine Teilreisewarnung ausgesprochen, die Belutschistan, Khyber Pakhtunkhwa und die Stammesgebiete umfasst. Die Schweizerische Eidgenossenschaft und das US-amerikanische Außenministerium formulieren ähnliche Einschränkungen.
China ist die Ausnahme: Der China-Pakistan Economic Corridor (CPEC) verläuft quer durch Belutschistan, vom Tiefwasserhafen Gwadar bis zur Provinzgrenze. Die BLA greift CPEC-Projekte gezielt an und hat chinesische Ingenieure als Ziele erklärt — mit der Begründung, der Korridor beute belutsches Territorium aus, ohne der lokalen Bevölkerung zu nützen. Pakistan stationiert Tausende Soldaten zum Schutz der Baustellen. Wie viel das die chinesisch-pakistanische Partnerschaft mittelfristig belastet, lässt sich noch nicht abschätzen; Peking hat bislang an den Projekten festgehalten.
Jenseits des CPEC ist die wirtschaftliche Lage fragil. Die Weltbank schätzte die Armutsquote in Pakistan für 2025 auf rund 44,7 Prozent — ein Niveau, das den Nährboden für Radikalisierung nicht austrocknet, auch wenn Armut allein keine hinreichende Erklärung für Terrorismus ist.
Was kommt als Nächstes
Die pakistanische Armee hat nach dem Anschlag vom 24. Mai Razzien in Belutschistan ausgeweitet und mehrere hochrangige BLA-Kommandeure für tot erklärt — wobei solche Meldungen in der Vergangenheit selten verifizierbar waren. Die TTP hat im zweiten Quartal 2026 ihre Angriffsdichte in Khyber Pakhtunkhwa erhöht, was auf eine Doppelbelastung der Sicherheitskräfte hindeutet.
Ob die Kombination aus Militäroperationen, FATF-konformen Finanzreformen und diplomatischem Druck auf Kabul die Kurve brechen kann, hängt an einer Bedingung, die in keinem dieser Hebel steckt: einer politischen Antwort auf die belutschen Autonomieforderungen. Bisher hat Islamabad sie konsequent als Sicherheitsproblem behandelt. Die Zahlen des Global Terrorism Index 2026 legen nahe, dass das nicht reicht. Das Auflösungsdatum für diese Hypothese: der nächste Jahresbericht im Frühjahr 2027.
