Mehrere Großstudien haben diese Behauptung seither systematisch zerlegt.

Der entscheidende Kniff liegt in einer Zahl: 1,53 Prozent versus 1,33 Prozent. So groß war in der schwedischen Studie der Unterschied bei Autismusdiagnosen zwischen Kindern, deren Mütter Paracetamol genommen hatten, und solchen, deren Mütter es nicht getan hatten. Roh betrachtet, klingt das nach einem Signal. Dann zog das Forschungsteam die Geschwister hinzu.

Wenn man innerhalb derselben Familie vergleicht – Kinder, die denselben genetischen Hintergrund teilen, in derselben Umgebung aufgewachsen sind, nur bei unterschiedlichen Schwangerschaften unterschiedlich exponiert waren –, verschwindet die Differenz vollständig. Kein erhöhtes Risiko mehr. Das ist der methodische Kern, der die Debatte entscheidet.

Wie der Geschwistervergleich Störfaktoren ausschaltet

Epidemiologie hat ein Grundproblem: Wer während der Schwangerschaft Paracetamol nimmt, tut das wegen etwas – Fieber, Infektionen, Schmerzen. Diese Grunderkrankungen selbst könnten das Autismusrisiko beeinflussen. Ebenso könnten Familien mit genetischer Prädisposition für Autismus auch häufiger Schmerzmittel nutzen, aus welchen Gründen auch immer. Beides sind Störfaktoren (Konfundierungen), die eine beobachtete Assoziation erzeugen können, ohne dass Paracetamol selbst die Ursache ist.

Der Geschwistervergleich – Siblings Analysis – schaltet all das strukturell aus. Forscher des Karolinska-Instituts in Stockholm analysierten Daten aus schwedischen Registern, die Geburten, Diagnosen und Medikamentenverschreibungen über Jahrzehnte hinweg verknüpfen. Das Ergebnis: Bei Vollgeschwistern, von denen eines pränatal Paracetamol ausgesetzt war und das andere nicht, fand sich kein Unterschied in den Raten für Autismus, ADHS oder geistige Behinderung.

Diese Studie steht nicht allein. Eine Auswertung in The Lancet Obstetrics, Gynaecology & Women's Health (Januar 2026) fasste 43 Einzelstudien zusammen und kam zu demselben Befund: keine klinisch bedeutsame Assoziation. Eine weitere systematische Auswertung in JAMA Pediatrics (April 2026) mit über 1,5 Millionen Kindern replizierte das Ergebnis. Die Hongkong-Studie, veröffentlicht in JAMA Internal Medicine, verfolgte über 700.000 Mutter-Kind-Paare über 20 Jahre – ebenfalls ohne Zusammenhang.

Woher die frühere Assoziation stammte

Dass überhaupt ein Verdacht entstand, liegt an einer Reihe älterer Studien aus den 2010er-Jahren. Sie arbeiteten mit kleineren Stichproben und ohne Geschwisterkontrolle. Manche nutzten Befragungen nach der Geburt, die Erinnerungsverzerrungen unterliegen. Andere konnten den Schweregrad der Grunderkrankung nicht herausrechnen. Das Berliner Pharmakovigilanzzentrum Embryotox bezeichnete mehrere dieser Studien als methodisch unzureichend; einige seien von Autoren verfasst worden, die in Interessenkonflikten standen.

Das erklärt, warum eine 2021 veröffentlichte „Navigation Guide Systematic Review" – ein Goldstandard zur Auswertung von Umweltdaten – zu einer anderen Einschätzung gelangte als die neueren Großstudien: Sie wertete auch die älteren, schwächeren Arbeiten aus. Neuere Auswertungen, die Studienqualität gewichten, kommen konsistent zu dem Schluss, dass die Assoziation ein Artefakt der Methodik war, kein biologisches Signal.

Der Mechanismus, über den Paracetamol theoretisch wirken könnte – oxidativer Stress, hormonelle Interferenz, epigenetische Veränderungen –, ist biologisch nicht belegt. Tierstudien arbeiten mit Dosierungen, die weit über dem liegen, was schwangere Frauen typischerweise einnehmen.

Was Trump und Kennedy behaupteten – und worauf sie sich stützten

Im September 2025 erklärte Trump auf einer Pressekonferenz, Tylenol in der Schwangerschaft sei verantwortlich für den Anstieg von Autismusfällen; Frauen sollten das Mittel nur im äußersten Notfall nehmen und lieber „durchhalten". Kennedy ergänzte eine Behauptung, die von Experten scharf zurückgewiesen wurde: Beschnittene Jungen entwickelten doppelt so häufig Autismus, was „höchstwahrscheinlich“ auf die Paracetamol-Gabe nach dem Eingriff zurückzuführen sei. Das Cato Institute und FactCheck.org identifizierten die Studien, auf die Kennedy verwies: Sie zeigten allenfalls Assoziationen in kleinen Stichproben und kontrollierten weder für den sozioökonomischen Status noch für andere Einflüsse.

Das Weiße Haus veröffentlichte im September 2025 ein Fact Sheet, das Acetaminophen mit Autismus verband. Die Ankündigung, neue Warnhinweise auf Verpackungen einzuführen, folgte – ohne dass neue Kausalbelege vorgelegt wurden. Kenvue, der Hersteller von Tylenol, widersprach.

Die Reaktion der Fachwelt war einhellig. Prof. Christine Freitag, Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Frankfurt, nannte Trumps Aussagen gegenüber dem SRF „fertigen Humbug“. ACOG, FIGO, EMA, WHO und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe bekräftigten ihre Empfehlungen unverändert.

Die Folgen der Falschinformation

Gesundheitsangst ist kein abstraktes Problem. Untersuchungen des CIDRAP an der Universität Minnesota zeigen, dass die Nutzung von Paracetamol in der Schwangerschaft in den USA nach der September-2025-Ankündigung messbar zurückgegangen ist. Das ist medizinisch nicht folgenlos: Unbehandeltes hohes Fieber in der Schwangerschaft gilt selbst als Risikofaktor für neuronale Entwicklungsstörungen. Schmerzen, die Schlaf und Funktion stören, belasten Mutter und Kind. Alternativen wie Ibuprofen sind im zweiten und dritten Trimester kontraindiziert.

Das Pharmakovigilanzzentrum Embryotox empfiehlt Paracetamol als Mittel der Wahl für Schmerzen und Fieber in jeder Schwangerschaftsphase – in der niedrigsten wirksamen Dosis, für die notwendige Dauer, nach ärztlicher Rücksprache. Diese Empfehlung gilt unverändert.

Was offen bleibt

Die Ursachen von Autismus sind komplex und nicht abschließend verstanden. Genetische Faktoren tragen den größten nachgewiesenen Anteil; Umwelteinflüsse spielen eine Rolle, deren Gewicht schwer zu quantifizieren ist. Der Anstieg von Autismusdiagnosen in den USA – von 0,67 Prozent im Jahr 2000 auf etwa 2,76 Prozent im Jahr 2020 – erklärt sich nach Einschätzung der Fachgesellschaften überwiegend durch breitere Diagnosekriterien und gestiegene Aufmerksamkeit, nicht durch eine reale Zunahme der Störung.

Was die Paracetamol-Frage betrifft: Drei unabhängige Großstudien mit insgesamt mehreren Millionen Kindern, methodisch stärker als alles, was zuvor veröffentlicht wurde, finden keinen Zusammenhang. Wenn ein Signal verschwunden ist, sobald man Störfaktoren kontrolliert, ist die Arbeitshypothese erledigt – nicht vertagt.