Wer genau er war, bleibt die offene Frage dieses Fundes.
In der Nekropole von Scheich Abd el-Kurna drängen sich seit dem Neuen Reich die Gräber der ägyptischen Beamtenelite. Wer hier beigesetzt wurde, hatte — in der Bürokratie des Pharaonenstaates — etwas zu sagen gehabt. Das Grab des Paser ordnet sich in diese Reihe ein: Der Aufbau folgt dem für private thebanische Gräber des Neuen Reiches typischen Grundriss — offener Hof im Osten, dahinter eine in den Fels gehauene Kapelle in der Form eines umgekehrten T, darunter unterirdische Grabkammern. Das Leidener Team, das die Anlage östlich einer bereits bekannten Grabstätte freigelegt hat, beschreibt Bauelemente von bemerkenswerter Erhaltung: eine Lehmziegelbank im Hof, eine Treppe mit seitlichen Rampen.
Was die Inschriften zeigen — und was nicht
Die entscheidenden Informationen tragen die Reliefs und Inschriften im Inneren der Kapelle. Sie nennen Pasers Namen, zeigen ihn bei der Verehrung von Gottheiten und in einer Szene mit seiner Frau vor einem Opfertisch. Beide Motive sind in der ägyptischen Grabdekoration dieser Epoche weit verbreitet: Die Götterverehrung dokumentiert fromme Korrektheit gegenüber dem religiösen Kanon, die Opfertischszene sichert symbolisch die Versorgung des Toten im Jenseits. Als Bildprogramm des sozialen Status taugen sie trotzdem — wer in Scheich Abd el-Kurna ein solches Grab baute und ausstatten ließ, war Teil der höheren Verwaltungsschicht, nicht des einfachen Handwerkermilieus.
Die Frage, die die Forscher offen halten, ist schärfer: Welcher Paser war es? Aus der 19. Dynastie ist ein Wesir dieses Namens gut belegt, der unter Sethos I. und Ramses II. amtierte — eine der mächtigsten Verwaltungspositionen des Reiches. Dieser Paser wäre in der akademischen Literatur keine unbekannte Größe. Die Möglichkeit, dass das neu entdeckte Grab ihm gehört, elektrisiert das Feld. Aber sie ist bislang eine Hypothese, keine Gewissheit. Ägypten des Neuen Reiches kannte viele Beamte mit dem Namen Paser; der Name war in Verwaltungskreisen verbreitet. Ohne zusätzliche epigraphische Belege — einen Titel, eine konkrete Amtsbezeichnung, eine genealogische Inschrift — lässt sich die Identifikation nicht sicher schließen.
Stil als Datierungsinstrument
Die zeitliche Einordnung stützt sich auf zwei Säulen: den architektonischen Typus und den künstlerischen Stil der Reliefs. Beide verweisen auf die Ramessidenzeit, also grob auf das 13. bis 11. Jahrhundert v. Chr. Eine absolute Datierung über Radiokarbon — für organisches Material aus Grabkontexten grundsätzlich möglich — wird in den vorliegenden Berichten nicht erwähnt und ist für diesen Fund nicht belegt. Die relative Datierung über Stil und Bauform ist für die ägyptische Archäologie des Neuen Reiches ein etabliertes Verfahren, das mit gut dokumentierten Vergleichsbeständen arbeitet; die Limitation liegt in der Streubreite von mehreren Jahrzehnten, die sie typischerweise lässt.
Das seit 2018 laufende Forschungsprojekt der Universität Leiden in der Region gibt dem Fund einen methodischen Kontext: Langzeitprojekte dieser Art erlauben die systematische Erfassung einer Nekropole statt punktueller Einzelfunde — Schichtbezüge, räumliche Beziehungen zu Nachbargräbern, stratigraphische Profile. Was das Leidener Team aus diesem Zusammenhang bereits dokumentiert hat, geht aus den publizierten Berichten nicht hervor.
Was in der Tiefe wartet
Der wissenschaftliche Ertrag eines Grabes entscheidet sich meistens nicht an der Fassade, sondern an den unterirdischen Kammern. Über deren Zustand ist wenig bekannt. Thebanische Gräber dieser Qualität wurden über die Jahrhunderte häufig geplündert — teils noch in der Antike, teils in der Neuzeit. Ein unberührter Befund wäre außergewöhnlich. Selbst ein geplünderter Befund kann aufschlussreich sein: Fragmente, Beischriften, Reste von Holz oder Textil ermöglichen Radiokarbonmessungen; übersehene Objekte präzisieren die Biographie des Toten. Die thebanische Nekropole zählt mehr als 400 registrierte Privatgräber aus dem Neuen Reich — das neue Grab erweitert diesen Bestand, verändert aber nur dann das Gesamtbild, wenn seine Kammern etwas enthalten, das die Inschriften der Kapelle übertrifft.
Die Identitätsfrage bleibt das eigentliche Forschungsprogramm: Lautet die Antwort „der Wesir Paser“, rückt das Grab in die erste Reihe der ramessidenzeitlichen Quellen über Verwaltung, Hofzeremoniell und religiöse Praxis. Lautet sie „ein hochrangiger Beamter gleichen Namens“, liefert es ein weiteres Datum für die Dichte und den Wohlstand der thebanischen Beamtenelite — relevant, aber nicht spektakelwürdig. In beiden Fällen braucht die Antwort Zeit, Grabungskampagnen und, wenn organisches Material gefunden wird, das Labor.
