Sechzehn Bundesländer. Davon haben sieben einen landesweiten Hitzeaktionsplan. Die anderen neun nicht. Das ist keine Naturkatastrophe. Das ist eine Entscheidung.
Die Meere liefern den Befund: Am 21. Juni 2026 maß der Copernicus Marine Service eine globale Meeresoberflächentemperatur von 21,0 °C – Rekord. Westeuropa erlebte den heißesten Juni seit Aufzeichnungsbeginn, mit einem Monatsmittel von 20,74 °C, mehr als drei Grad über dem Schnitt der Jahre 1991 bis 2020. Das ist kein Ausreißer, das ist Linie. Seit März 2023 bricht jeder Monat seinen eigenen Rekord.
In Deutschland spitzte sich das am 27. Juni zu. An 252 Stationen des Deutschen Wetterdienstes fielen neue Allzeithöchstwerte. Möckern, Sachsen-Anhalt: 41,8 °C. Saarbrücken-Burbach am Vortag: 41,3 °C, das bis dahin gültige Allzeithoch geknackt. Warme Ozeane – besonders der Nordatlantik und das Mittelmeer – pumpen Feuchtigkeit und Energie in die Atmosphäre. Der Ozean heizt das Land.
Das Karlsruher Institut für Technologie schätzt bis zu 5.200 hitzebedingte Sterbefälle allein im Juni 2026. Das Statistische Bundesamt beziffert die Übersterblichkeit für die Kalenderwoche 26 – sieben Tage – auf 6.800 Fälle. Europaweit, so die Schätzungen, starben in dieser einen Woche über 10.000 Menschen mehr als sonst. Über 9.000 davon waren älter als 65 Jahre. In Deutschland waren über 80 Prozent der Verstorbenen über 75.
Das sind keine abstrakten Zahlen. Das ist eine Pflegeheimbewohnerin in Köln, ein Rentner in Leipzig, eine Frau in Berlin-Neukölln ohne Klimaanlage, ohne Vorhänge, ohne jemanden, der nach ihr schaut.
Das stärkste Argument der Bundesregierung lautet: Hitzeschutz ist Ländersache. Es stimmt. Gesundheitsversorgung, Stadtplanung, kommunale Infrastruktur – das Grundgesetz teilt Zuständigkeiten so. Und die Regierung tut durchaus etwas: Bundesgesundheitsministerin Nina Warken hat seit Juni 2025 Musterpläne für Sport, Apotheken und psychologische Praxen erarbeitet. Das Bundesumweltministerium fördert 580 Einrichtungen mit 85 Millionen Euro und will bis 2030 300.000 Stadtbäume pflanzen. Ein bundesweiter Hitzeaktionstag fand im Juni statt, eine Aktionswoche im September.
Aber: Musterpläne sind freiwillig. Stadtbäume brauchen Jahrzehnte. Ein Aktionstag rettet niemanden bei 42 Grad. Und neun Bundesländer ohne landesweiten Hitzeaktionsplan entscheiden damit, wer im nächsten Hitzesommer ungeschützt bleibt.
Das Koordinationsproblem ist kein Schicksal, es ist Architektur. Die Debatte, ob Klimaanpassung zur Gemeinschaftsaufgabe im Grundgesetz werden soll – also ob Bund und Länder sie dauerhaft gemeinsam finanzieren –, ist unentschieden. Österreich hat zum 1. Januar 2026 eine verbindliche Hitzeschutzverordnung für Arbeiten im Freien eingeführt. Deutschland diskutiert noch, ob bei 26 Grad im Schatten Pausen empfohlen oder verpflichtend angeboten werden sollen.
Das Bewertungskriterium hier ist einfach: Übersterblichkeit ist vermeidbar, soweit Schutzmaßnahmen bekannt, finanzierbar und umsetzbar sind. Auf allen drei Dimensionen ist die Antwort ja.
Hitzeschutzpläne, die Leben retten – Kühlräume, Notrufsysteme für Alleinlebende, verpflichtende Hitzeampeln in Pflegeheimen – sind keine Utopie. Frankreich hat sie nach der Katastrophe von 2003 eingeführt, als in zwei Augustwochen fast 15.000 Menschen starben. Die Sterblichkeit bei Hitzewellen sank seither messbar. Das Modell existiert, es liegt vor.
Was fehlt, ist der politische Entschluss, den föderalen Flickenteppich durch einen verbindlichen Bundesrahmen zu ersetzen. Nicht durch Zentralisierung, sondern durch Standards: Jede Gemeinde mit einem Hitzeaktionsplan, jedes Pflegeheim mit einem Kühlraum, jede Arbeitsstätte mit einem durchsetzbaren Schutzregime. Die Arbeitsstättenverordnung sieht ab 35 Grad im Raum bereits besondere Schutzmaßnahmen vor – aber Durchsetzung und Kontrolle sind lückenhaft, der Appell dominiert gegenüber der Pflicht.
Marine Hitzewellen haben sich seit 1982 verdoppelt. Das Mittelmeer erwärmt sich seit 1980 um 1,4 °C – der weltweite Ozeanschnitt liegt bei 0,6 °C. Wer glaubt, 2026 sei ein Extremjahr, das man abhaken kann, hat die Kurve nicht gesehen. Das KIT schätzt, dass die hitzebedingte Sterblichkeit in deutschen Städten bis 2100 erheblich steigen könnte, wenn keine Anpassungsmaßnahmen greifen.
Die Klimaschutzdebatte und die Hitzeschutz-Debatte werden zu oft getrennt geführt. Dabei ist die Unterscheidung inzwischen akademisch: Auch wenn Deutschland morgen netto null emittieren würde, kämen die nächsten Hitzewellen. Die Physik der bereits in der Atmosphäre gebundenen Wärme lässt daran keinen Zweifel. Klimaschutz ist nötig, Klimaanpassung ist zwingend. Eines ersetzt das andere nicht.
5.100 Menschen in einem Monat. Sieben von sechzehn Bundesländern vorbereitet. Die Meere brechen Jahr für Jahr Rekorde.
Wer das für ein Naturgesetz hält, irrt. Es ist ein politisches Ergebnis.
