Kai Wegner spielte Tennis. Draußen fiel der Strom aus, hunderttausende Berliner Haushalte waren betroffen, und der Regierende Bürgermeister war auf dem Platz. Das wäre zu erklären gewesen. Wegner erklärte es nicht — er leugnete es. Als die Wahrheit herauskam, war der Schaden nicht mehr zu begrenzen. Am 10. Juli 2026, zwei Monate vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus, zog Wegner seine Spitzenkandidatur zurück.
Seither regiert er weiter, kassiert seine Bezüge, und die CDU sucht ihren Weg. Die Partei hat ihn gefunden: Stefan Evers, Jahrgang 1978, Jurist, seit 2023 Finanz- und Kultursenator, seit 1999 in Berlin — wurde einstimmig zum Spitzenkandidaten gewählt und übernahm kommissarisch den Landesvorsitz. Zwei Monate bis zur Wahl, ein neues Gesicht, keine Rückendeckung aus einer Mehrheit in der Partei, die er erst noch gewinnen muss.
Aktuelle Umfragen (Stand Juli 2026) zeigen: Die Linke liegt mit 20 Prozent vorn, die Grünen bei 19, die AfD bei 18, die CDU bei 17, die SPD bei 13 Prozent. Das ist das engste Berliner Feld seit Jahren — und ein schlechtes Ausgangslager für die Partei des amtierenden Regierenden Bürgermeisters.
CDU: Programm, Pose und Spur
Programm. Evers tritt für eine „stabile politische Mitte" ein und will Berlin zu einem Ort machen, an dem „wirklich jeder alles werden kann". Konkreter wird er bei zwei Themen: Haushaltsdisziplin — er kritisiert die „Kostenlos-Politik" beim Schulmittagessen für gut verdienende Eltern — und Ordnungspolitik. Sein öffentlichster Vorschlag: Bürgergeldempfänger sollen als Gegenleistung für ihre Bezüge die Stadt reinigen. Dazu kommen höhere Bußgelder für Verschmutzung und eine verschärfte Migrationslinie — das CDU-Positionspapier fordert konsequente Rückführungen und Ausweitung der Grenzkontrollen im Einklang mit der Bundeslinie unter Kanzler Merz.
Pose. Evers inszeniert sich als ruhiger Profi nach dem Chaos-Kapitel Wegner. Der Tagesspiegel beschreibt ihn als „liberal-konservativ, loyal, Linken-Schreck" — einen Mann aus der zweiten Reihe, der Stabilität verkörpern will. Die FAZ ließ ihn im Interview ausführlich sprechen; Evers vermied Angriffe auf Koalitionspartner, betonte Sacharbeit.
Umsetzungsspur. Als Finanzsenator verantwortet Evers den Berliner Haushalt, der zuletzt strukturelle Defizite aufwies. Die Grünen machen ihn dafür mitverantwortlich — ein berechtigter Einwand, der seiner Darstellung als Sanierer schadet. Im Wohnungsbau zeigt der Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD das Ziel, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen; belastbare Erfolgszahlen — fertiggestellte Wohneinheiten, Genehmigungsdauer — liegen im Briefing nicht vor. Die Lücke zwischen Koalitionsvertrag und messbarer Umsetzung ist offen.
SPD: Regierungspartner ohne Profil
Programm. Die SPD führt den Koalitionsvertrag als Beleg für ihre Prioritäten: Wohnen, Klimaschutz, Fachkräftezuwanderung. In der Migrationspolitik setzt sie auf das Gemeinsame Europäische Asylsystem — Abschiebungen bei Straffälligkeit, Humanität als Leitlinie, kein Aufnahmestopp.
Pose. Die Berliner SPD kommuniziert im Wahlkampf bislang unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Ihr Spitzenkandidat ist in keinem der ausgewerteten Quellen prominent präsent; die Partei wirkt wie eine Kraft, die auf ihre Regierungsbeteiligung zeigt, ohne deren Bilanz offensiv zu verteidigen.
Umsetzungsspur. Als Koalitionspartner der CDU trägt die SPD die Regierungsarbeit gemeinsam. Konkrete Gesetzesinitiativen oder Verwaltungsentscheidungen — etwa zu Wohnungsbaugenehmigungen oder Verkehrsinfrastruktur — sind aus dem Briefing nicht belegbar. Dass die SPD in Umfragen bei 13 Prozent liegt — ihrem schlechtesten Berliner Wert seit Jahren — spricht für eine Koalitionsrendite nahe null.
Grüne: Opposition mit Substanz
Programm. Die Grünen sind nicht im Berliner Senat — ein Punkt, der in der öffentlichen Debatte oft untergeht. Als Oppositionsfraktion im Abgeordnetenhaus fordern sie mehr Mittel für Sicherheitsbehörden und Extremismusprävention, kritisieren aber jede Verknüpfung von Migrationspolitik und innerer Sicherheit als sachlich falsch und diskriminierend. Im Wohnungsbau und Verkehr stehen Klimaschutz und ÖPNV-Ausbau im Vordergrund.
Pose. Die Grünen greifen Evers direkt an: Er sei mitverantwortlich für die Haushaltskrise, die er nun zu lösen verspricht. Das ist ein kalkulierter Angriff auf seine stärkste Behauptung — Seriosität und Kompetenz.
Umsetzungsspur. Als Oppositionspartei ohne Regierungsbeteiligung liegt keine exekutive Spur vor. Ihre Anträge und Ausschussarbeit im Abgeordnetenhaus sind im Briefing nicht im Einzelnen belegt; die Fraktion ist über den Ausschuss für Inneres, Sicherheit und Ordnung parlamentarisch aktiv. In Umfragen liegen die Grünen bei 17 bis 19 Prozent — ein Ergebnis, das ihrer Oppositionsarbeit mehr nützt als der Regierungskoalition.
Die Linke: Stärkste Kraft, schwierigste Fragen
Programm. Die Linke lehnt den Begriff „Clankriminalität" als stigmatisierend ab und sieht soziale Problemlagen, nicht Migration, als Ursache von Gewalt. Sie befürwortet kiezorientierte Gewaltprävention und wendet sich gegen EU-Abschottungspolitik. Im Wohnungsbereich steht Mieterschutz und kommunale Wohnungsbauförderung im Mittelpunkt.
Pose. Die Linke profitiert derzeit am stärksten vom CDU-Absturz — nicht weil sie neu aufgestellt wäre, sondern weil sie als konsistenteste Oppositionskraft gilt. Ihre Botschaft ist klar: Soziale Spaltung und steigende Mieten sind das Kernproblem Berlins, keine Sicherheitsfrage.
Umsetzungsspur. Die Linke ist seit 2023 in der Opposition. Ihre parlamentarische Aktivität konzentriert sich auf Anfragen und Anträge; eine exekutive Spur fehlt naturgemäß. Kritisch bleibt, ob ihre programmatischen Forderungen — insbesondere beim Wohnungsbau — in vergangenen Regierungsbeteiligungen Umsetzungsspuren hinterlassen haben. Das Briefing belegt dies nicht.
AfD: Maximale Distanz zur Mitte
Programm. Die Berliner AfD fordert die sofortige Abschiebung von bis zu 20.000 ausreisepflichtigen Personen, einen Aufnahmestopp für Asylbewerber, die Einführung einer Bezirkspolizei und Ausgangssperren. Das Positionspapier der Abgeordnetenhausfraktion zur inneren Sicherheit — öffentlich zugänglich — ist das Extrempol im Berliner Spektrum.
Pose. Die AfD inszeniert sich als einzige Kraft, die „klare Kante" zeige. Wegners Rücktritt kommt ihr zugute: Jede CDU-Schwäche wird als Beleg für „Systemversagen" vermarktet.
Umsetzungsspur. Als Oppositionsfraktion hat die AfD keine exekutive Spur. Ihre Anträge im Abgeordnetenhaus fanden bislang keine Mehrheiten; das ist strukturell zu erwarten. Bemerkenswert ist der Abstand zwischen ihrer parlamentarischen Wirkungslosigkeit und ihrem Umfrageergebnis von 17 bis 18 Prozent — ein Befund, den keine andere Partei so deutlich zeigt.
Was die Umfragen sagen — und was nicht
Die Zahlen sind eng, die Richtungen eindeutig: CDU und SPD verlieren, Linke, Grüne und AfD gewinnen. Das Spitzenfeld liegt innerhalb der statistischen Fehlermargen jeder einzelnen Erhebung. Klaus Wowereit, früherer Regierender Bürgermeister, kommentierte den Evers-Start so: Der Schaden, den Wegner hinterlasse, sei „nachhaltig".
Für Evers bedeutet das: Er hat zwei Monate, um eine Partei zu führen, die gerade ihre schlechtesten Umfragewerte seit der Wiederholungswahl 2023 einfahrt — und muss dabei erklären, warum er als Finanzsenator für die Haushaltsprobleme nicht mitverantwortlich sei, für deren Lösung er aber kandidiert. Das ist der härteste Widerspruch seines Starts. Sein einziges Gegenmittel ist Glaubwürdigkeit — die Wegner verspielt hat.
