Angefangen hat es, wie so viele Eskalationszyklen im Persischen Golf, mit Tankern. Angriffe auf Handelsschiffe in der Straße von Hormuz, für die die USA den Iran verantwortlich machen, lösten im Juli 2026 eine neue US-Angriffswelle auf über 300 iranische Ziele aus – Raketenstellungen, Drohnendepots, Kommunikationsinfrastruktur der Küstenüberwachung. Der Iran antwortete mit Raketenangriffen auf US-Militärstützpunkte in Bahrain, Kuwait, Jordanien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Trump erklärte das im Juni 2026 unterzeichnete Rahmenabkommen für beendet. Seitdem gilt keine Waffenruhe mehr.
Das Besondere an diesem Eskalationszyklus ist nicht die Gewalt – die kennt die Region seit Jahrzehnten. Es ist die gleichzeitige Verknüpfung von vier Konfliktlinien, die sich gegenseitig verstärken.
Die Meerenge als Rechtsfrage
Parallel zur Militäroperation kündigte Trump eine Gebühr in Höhe von 20 Prozent des Frachtwerts für jedes Schiff an, das die Straße von Hormuz passiert. Die Begründung: Die USA trügen die Kosten für die Sicherung einer Passage, von der alle profitierten.
Der Verband Deutscher Reeder (VDR) widersprach umgehend. Nach dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (UNCLOS) gilt das Prinzip der Transitdurchfahrt – eine freie und ungehinderte Passage durch internationale Meerengen. Dieses Recht ist nicht an Gebühren knüpfbar, nicht durch einen einzelnen Staat und nicht einseitig. Rund 20 Schiffe mit deutschem Bezug fahren derzeit in der Region; für sie würde jede Gebühr unmittelbar die Kalkulation verändern.
Die Bundesregierung distanzierte sich von Trumps Forderungen nach NATO-Beteiligung an der Absicherung. „Das ist nicht der Krieg der NATO", heißt es aus Berlin. Eigene Vorschläge zur Sicherung der Schifffahrt blieb sie schuldig.
Der Iran verfolgte seinerseits eine analoge Logik: Ein Mautsystem für Durchfahrten, verbunden mit Minendrohungen. Zwei Mächte, die dasselbe Prinzip verletzen wollten – und sich dabei gegenseitig blockieren. Die FAZ wies auf ein rechtliches Detail hin, das beide Pläne ins Leere laufen lässt: UNCLOS lässt weder für US-amerikanische noch iranische Gebührenansprüche eine Grundlage.
Das Stellvertreternetz unter Druck
Seit Jahren finanziert der Iran sein regionales Einflussmodell über Stellvertreterorganisationen. Die Hisbollah erhielt 2025 rund eine Milliarde US-Dollar – Geld, Waffen, Ausbildung, bereitgestellt über die Quds-Einheit der Revolutionsgarden. Doch das Netz gerät unter Druck. Israel weitete seine Operationen gegen Hisbollah-Ziele im Libanon seit März 2026 massiv aus, mobilisierte über 100.000 Reservisten; die Hisbollah hat seit Anfang März 2026 mehr als 400 Kämpfer verloren.
Russland spielte eine stille Nebenrolle: Es soll dem Iran Satellitenbilder von US-Militäreinrichtungen in elf Ländern des Nahen Ostens bereitgestellt haben. Eine Eskalationshilfe ohne direkte Beteiligung – ein Muster, das aus dem Ukraine-Krieg bekannt ist, nur diesmal umgekehrt.
Die Ukraine-Dimension
Eben dieser Krieg gegen die Ukraine wird vom Iran-Konflikt auf zwei Wegen berührt.
Erstens: Der Iran lieferte seit Kriegsbeginn 2022 Shahed-Drohnen (Typen 131 und 136) an Russland; iranisches IRGC-Personal soll auf der besetzten Krim Drohnenangriffe gesteuert haben. Die US-Angriffe auf iranische Militärinfrastruktur dürften diese Lieferkette zumindest stören – ob dauerhaft, ist offen.
Zweitens: Die USA lieferten der Ukraine im Juli 2025 keine Patriot-Batterien mehr, weil die eigenen Bestände zur Neige gingen. Es gibt Sorgen, dass weitere Abwehrsysteme in den Nahen Osten umgeleitet werden. Die Welt zitiert eine Denkfabrik, die vor erschöpften US-Waffenbeständen warnt und ein „Verwundbarkeits-Fenster" für die Ukraine sieht.
Die Ukraine reagiert auf das Dilemma mit einer unerwarteten Wendung: Sie bietet ihrerseits Abfangdrohnen zur Abwehr iranischer Angriffe an und hat nach eigenen Angaben eine Produktionskapazität von über 1.500 Stück pro Tag aufgebaut. Aus dem Empfänger westlicher Militärhilfe wird – zumindest partiell – ein Sicherheitsexporteur. Euractiv berichtete im März 2026, dass konkrete Gespräche laufen.
Das Bedrohungsmotiv
Es gibt noch eine fünfte, schwerer zu verifizierende Schicht. Berichte über einen konkreten iranischen Plan zur Ermordung Trumps, den der israelische Mossad den US-Behörden übermittelt haben soll, kursierten schon 2024. Der Iran wies die Vorwürfe als politisch motiviert zurück. Der Terrorismus-Experte Peter Neumann bewertete die Bedrohung als plausibel; in einem oe24-Interview vom 14. Juli 2026 sieht er das Mordkomplott als Mitfaktor der Eskalationsdynamik – Trump agiere auch aus persönlicher Bedrohungslogik heraus.
Belastbar verankert ist: Trump drohte dem Iran öffentlich mit vollständiger Zerstörung, falls die Mordpläne weiterverfolgt würden. Das ist eine qualitativ andere Sprache als die übliche Sanktionsrhetorik. Ob sie Kalkül ist oder Affekt, lässt sich von außen nicht sicher beurteilen.
Russland: Ölpreisgewinn ohne Strukturlösung
Der Ölpreis stieg in den ersten Tagen der Eskalation um zwölf Prozent – kurzfristig ein Vorteil für Russland, dessen Staatshaushalt stark vom Exporterlös abhängt. Höhere Preise schaffen mehr Spielraum für Rüstungsausgaben im Ukraine-Krieg.
Das Zentrum Osteuropa- und internationale Studien (ZOIS) ordnete die Lage im März 2026 nüchtern ein: Die strukturellen Probleme der russischen Wirtschaft – Sanktionsdruck, Arbeitskräftemangel, Kapitalbindung durch den Krieg – werden durch temporäre Ölpreisgewinne nicht behoben. Russland verliert zugleich einen Waffenlieferanten; ob Iran und Russland die Lieferwege unter den Bedingungen aktiver US-Angriffe aufrechterhalten können, ist unbeantwortet.
EU und NATO: Appell ohne Instrument
Die EU-Kommission und NATO-Generalsekretär Mark Rutte appellierten nach einem Sondertreffen zu Deeskalation und Rückkehr zur Diplomatie. Konkrete Instrumente nannten beide nicht. Die NATO erwägt, Ausbildungsmissionen im Irak wiederaufzunehmen – falls die Sicherheitslage es erlaubt. Ob das je der Fall sein wird, bleibt im Konjunktiv.
Die EU-Position leidet an einem strukturellen Problem: Die einzelnen Mitgliedstaaten haben unterschiedliche Energieabhängigkeiten und Handelsinteressen in der Region. Eine kohärente Außenpolitik setzt voraus, was nicht vorhanden ist.
Was als Nächstes zu erwarten ist
Die Lage hat eine innere Dynamik, die kurzfristige Deeskalation unwahrscheinlich macht. Trump hat die Waffenruhe offiziell für beendet erklärt; der Iran hat gezeigt, dass er US-Stützpunkte in vier Ländern gleichzeitig treffen kann. Die Schutzgebühr ist rechtlich tot, bevor sie eingeführt wurde – aber als politisches Signal hat sie Wirkung entfaltet: Sie signalisiert, dass Washington bereit ist, Institutionen des internationalen Handelsrechts zu ignorieren, wenn es Kosten senken will.
Prüfstein für die nächsten Wochen: Gelingt es Oman oder Pakistan, eine neue Verhandlungsgrundlage zu schaffen – das Briefing nennt beide als aktive Vermittler –, wird der Ölpreis wieder fallen und die Drohnenlieferkette nach Russland sich stabilisieren, was den Druck auf die Ukraine erhöht. Gelingt es nicht, steht die Schifffahrt vor dauerhaft erhöhten Versicherungskosten, und Patriot-Kapazitäten werden nicht in die Ukraine fließen, sondern in den Golf.
