GJ 3378b war nicht immer der Kandidat, der er heute ist. Als französische Astronomen den Planeten 2024 mithilfe des Canada-France-Hawaii Telescope erstmals nachwiesen, stuften sie seine Masse auf rund 5,3 Erdmassen — schwer genug, um den Verdacht zu nähren, es handle sich um einen Mini-Neptun mit dicker Gasatmosphäre und erdrückendem Druck. Kein sonderlich aufregender Fund. Was den Planet jetzt auf Titelseiten treibt, ist eine Revision.

Paul Robertson von der University of California, Irvine, leitete das Team, das 137 neue Spektrometermessungen ausgewertet hat. Das Ergebnis, im Mai 2026 auf arXiv veröffentlicht und in The Astrophysical Journal eingereicht: Die Masse liegt bei 2,3 Erdmassen, der Radius bei etwa 1,29 Erdradien. Ein Wert, der die Planetenkategorie wechselt — von wahrscheinlichem Gasriesen zu wahrscheinlichem Gesteinsplaneten.

Die Methode, die den Unterschied macht

Die Messungen stammen aus zwei Instrumenten. Das Habitable-zone Planet Finder (HPF) am Hobby-Eberly Telescope des McDonald Observatory in Texas arbeitet im Nahinfrarotbereich — ideal für Rote Zwerge, die einen Großteil ihrer Strahlung in diesem Spektrum aussenden. Das NEID-Spektrometer am WIYN-Teleskop auf dem Kitt Peak in Arizona ergänzt den Datensatz im sichtbaren Licht. Beide Geräte nutzen die Radialgeschwindigkeitsmethode: Sie messen, wie der Planet seinen Stern gravitativ leicht auf und ab zieht, erkennbar als periodische Rotverschiebung und Blauverschiebung im Sternlicht. Aus der Stärke dieser Wobble-Signatur lässt sich die Mindestmasse ableiten.

Ein zweites Instrument der Erstentdecker, das SPIRou-Spektrometer am Canada-France-Hawaii Telescope, hatte das ursprüngliche Signal geliefert. Die höhere Massenschätzung entstand damals aus weniger Messpunkten. 137 weitere Beobachtungen später ergibt sich ein schärferes Bild — und ein statistisch belastbareres Gewicht.

GJ 3378b transitiert seinen Stern nicht, zieht also nicht zwischen ihm und der Erde durch. Das bedeutet: Transitmessungen, die Radiusdaten aus Helligkeitsdips gewinnen, sind nicht möglich. Den Radius von 1,29 Erdradien leiten die Forscher aus einer Masse-Radius-Relation ab — einer statistischen Korrelation, die aus Exoplaneten berechnet wurde, bei denen beide Werte direkt messbar sind. Das ist eine fundierte Extrapolation, aber eben eine Extrapolation.

Was „habitable Zone" hier bedeutet

GJ 3378 ist ein Roter Zwerg der Spektralklasse M — deutlich kleiner, kühler und lichtschwächer als die Sonne. Die habitable Zone, jener Abstandsbereich, in dem Wasser auf einer Oberfläche flüssig bleiben könnte, liegt bei Roten Zwergen eng am Stern. GJ 3378b umkreist seinen Stern in 0,09673 astronomischen Einheiten (zum Vergleich: Merkur kreist in 0,39 AU um die Sonne) und absolviert dabei einen Umlauf in 21,45 Tagen. Trotz dieser Enge empfängt er nur 90 % der Einstrahlung, die die Erde erhält — weil sein Stern schlicht viel weniger abstrahlt.

Diese 90 % sind der Kern des Habilitabilitätsarguments. Wenn es Insolation wäre, die allein zählt, läge GJ 3378b im Sweetspot. Rote Zwerge aber strahlen in erdfernen Wellenlängen — ultraviolett und im Röntgenbereich — oft intensiver als die Sonne, besonders in aktiven Frühphasen. Das ist kein kosmetisches Problem.

Die Kosmische Küstenlinie

Die Studie trägt im Titel einen Begriff, den der Planetenforscher Kevin Zahnle und seine Kollegin Myriam Teitler geprägt haben: „Cosmic Shoreline". Die Küstenlinie beschreibt eine empirische Grenze in einem Diagramm, das Planetenmasse gegen Sterneneinstrahlung aufträgt. Planeten oberhalb der Linie — schwergenug oder wenig bestrahlt — haben bekanntermaßen Atmosphären behalten. Planeten darunter haben sie verloren oder nie aufgebaut.

GJ 3378b liegt laut der Studie genau an dieser Grenze. Mit der alten Masseschätzung von 5,3 Erdmassen wäre er klar auf der sicheren Seite gelegen; mit 2,3 Erdmassen steht er am Rand. Das ist kein Todesurteil — es ist eine Forschungsfrage. Ob der Planet in seiner Geschichte intensive Flare-Aktivität seines Sterns überlebt hat, ob seine Schwerkraft ausreichte, leichtere Gase zu binden, ob vulkanische oder geologische Prozesse Atmosphäre nachliefern: Alles davon unbekannt.

Das zentrale Problem ist messtechnischer Natur. Da GJ 3378b nicht transitiert, scheidet Transmissionsspektroskopie aus — jene Methode, mit der das James Webb Space Telescope bei transitierenden Planeten Atmosphären nachgewiesen hat. JWST liefert hier also nichts Direktes.

Was als nächstes kommen muss

Robertson und seine Mitautoren nennen das Habitable Worlds Observatory (HWO) als den Schritt, der die Frage beantworten könnte. HWO ist eine geplante NASA-Mission, die auf direkte Bildgebung von Exoplaneten in der Nähe ausgelegt ist — sie würde reflektiertes Sternlicht von GJ 3378b einfangen und spektral zerlegen. Wasser, Sauerstoff, Methan im Spektrum wären Biosignatur-Kandidaten. Der Konzeptbericht erschien 2024; ein Startdatum vor den frühen 2040er-Jahren gilt als unrealistisch.

Das ist keine Enttäuschung, sondern Maßstab. GJ 3378b ist mit 25 Lichtjahren einer der nächsten bekannten Exoplaneten in der habitablen Zone — nahe genug, dass direkte Bildgebung eines Tages in Reichweite kommt. Exoplaneten in 100 oder 500 Lichtjahren Entfernung werden das nie sein.

Michael Endl, Mitautor der Studie an der University of Texas at Austin, formuliert es so: Rote Zwerge machen den Großteil aller Sterne aus, und die meisten bewohnbaren Planeten in der Galaxie kreisen wahrscheinlich um sie. GJ 3378b ist damit kein Einzelfall — er ist ein Testfall für eine ganze Klasse.

Was die nächsten Monate bringen: Weitere Radialgeschwindigkeitsmessungen werden die Massenbestimmung weiter schärfen. Die entscheidende Frage — Atmosphäre ja oder nein — bleibt vorerst offen. In drei Jahren ließe sich sagen, ob die Massekonstante unter 2,3 Erdmassen fällt oder darüber; ob das an der Einschätzung der Küstenlinie etwas ändert, hängt davon ab, wie genau die Modelle dann sind.