Polizeisprecher Florian Nath sprach von Glück, dass keine schwereren Verletzungen zu beklagen seien. Das stimmt. Und es ist zugleich der Satz, an dem man hängenbleibt.
Denn Glück ist kein Sicherheitskonzept.
Das SEK hat professionell gearbeitet. Elf Stunden Verhandlung, dann ein präziser Zugriff, Taser statt Schusswaffe, Geisel unverletzt. Wer jetzt das Vorgehen der Berliner Polizei kritisiert, kritisiert das Falsche. Einsatzleitung, Krisenintervention, Spezialeinheit – diese Kette hat gehalten. Das verdient Anerkennung, ohne Ironie.
Die eigentliche Frage beginnt dreißig Stunden vor dem Taser-Einsatz.
Der Täter war polizeibekannt. 29 Jahre alt, türkischer Staatsbürger, Vorstrafenregister – zu dessen Inhalt die Ermittlungen noch laufen. Was genau ihn als „polizeibekannt" qualifizierte, hat die Staatsanwaltschaft bislang nicht offengelegt. Das ist prozessual korrekt. Es macht die Frage nicht kleiner: Hat das System an irgendeinem Punkt die Möglichkeit gehabt, früher zu intervenieren – und hat es sie nicht genutzt?
Hier liegt das eigentliche Effizienzproblem. Nicht beim Einsatz, sondern beim Davor.
Das stärkste Argument der Gegenseite lautet: Einzelfälle verallgemeinern ist gefährlich. Polizeibekannt heißt nicht gefährlich. Psychisch auffällig heißt nicht kriminell. Wer aus diesem einen Vorfall ein Überwachungsprogramm für Polizeibekannte ableitet, schafft einen Präventionsstaat, der in Grundrechte eingreift, ohne Sicherheit zu garantieren. Die Zahl der Gewaltdelikte in Deutschland ist 2025 gegenüber dem Vorjahr sogar leicht gesunken: 212.335 Fälle, ein Rückgang gegenüber dem Rekordjahr 2024 mit über 217.000 Fällen.
Das ist ein ernstes Argument. Es stimmt, dass Geiselnahmen statistisch selten sind. Es stimmt, dass Präventivüberwachung auf Verdacht einen Preis hat, den ein Rechtsstaat sorgfältig kalkulieren muss.
Aber das Argument schießt am Problem vorbei.
Niemand fordert hier Totalüberwachung. Die Frage ist enger: Gibt es in Berlin – und in deutschen Großstädten generell – funktionierende Strukturen, die psychisch auffällige Menschen mit Polizeihistorie begleiten, bevor sie zu Geiselnehmen werden? Die Antwort ist: nicht systematisch.
Berlins Polizei betreibt eine Zentralstelle für Prävention, ihre Website listet Programme auf. Was fehlt, ist die strukturelle Verbindung: zwischen Strafverfolgungshistorie, psychiatrischer Krisenintervention und niedrigschwelliger Begleitung. Das Bundeskriminalamt weist in seiner PKS 2025 auf einen besorgniserregenden Befund hin – kreisfreie Städte verzeichnen mit durchschnittlich 9.300 Straftaten je 100.000 Einwohner doppelt so viele Delikte wie Landkreise. Berlin ist keine Ausnahme, es ist das Beispiel.
Die Forderungen des Täters am Freitagabend galten als „Impulsforderungen" und „schwer nachvollziehbar", spiegelten keinen „akribischen Tatplan" wider. Das klingt nach psychischer Ausnahmesituation, nicht nach professionellem Verbrechen. Genau diese Fälle – impulsiv, ohne klares Motiv, ohne Vorbeziehung zum Opfer – sind die, bei denen frühe Intervention theoretisch greifen könnte. Praktisch scheitert sie an Kapazitäten, an Zuständigkeitsgrenzen zwischen Polizei, Sozialpsychiatrie und Justiz, und daran, dass niemand verantwortlich ist, bevor jemand ein Messer zieht.
Innenminister Alexander Dobrindt hat nach der Tat keine öffentliche Reaktion gezeigt, die über das Routineformat hinausgeht. Das ist nicht ungewöhnlich. Es zeigt aber, dass aus Vorfällen wie diesem selten institutionelle Konsequenzen folgen, die messbar wären.
Das Maß, an dem staatliche Sicherheitspolitik gemessen werden muss, ist Effizienz: nicht als Kosteneinsparung, sondern als Output pro eingesetztem Mittel. Gemessen daran hat Berlin am Samstag gut abgeschnitten – und strukturell schlechte Noten verdient.
Elf Stunden Großeinsatz, SEK, Krisenintervention, Krankenhauskosten, laufende Ermittlungen: Das kostet, und es ist richtig, diesen Preis zu zahlen. Was teurer ist, rechnerisch und menschlich, wäre eine Frau, die nicht überlebt. Aber die Rechnung wird erst vollständig, wenn man fragt, was es gekostet hätte, früher einzugreifen – und was es kostet, es auch beim nächsten Mal nicht zu tun.
Der Staat hat in Marienfelde funktioniert. Ein bisschen Glück gehörte dazu. Wer das akzeptiert und keine weiteren Fragen stellt, hat nicht verstanden, was Sicherheitspolitik ist.
