Donald Trump hat sich im Frühjahr 2026 persönlich gerühmt, den Tod des iranischen Obersten Führers Ali Khamenei mitverantwortet zu haben. „Ich habe ihn erwischt, bevor er mich erwischt hat“ — das war keine außenpolitische Erklärung, das war ein Wahlkampfsatz. Und genau darin liegt das Problem.
Seitdem Khamenei im März 2026 einem israelisch-amerikanischen Angriff zum Opfer fiel und sein Sohn Mojtaba Khamenei als Nachfolger gilt, schwört Teheran Rache. Die Hisbollah, organisatorisch geschwächt seit dem Tod ihres Generalsekretärs Hassan Nasrallah im September 2024, feuert dennoch wieder Raketen auf Nordisrael. Die israelische Luftwaffe antwortet mit Angriffen auf Beiruter Vororte. Ein Rahmenabkommen zwischen Washington und Teheran wurde unterzeichnet — und der Beschuss hält trotzdem an.
Das ist kein Widerspruch. Das ist Trumps System.
Der Steelman verdient seinen Platz.
Die Verteidiger dieses Kurses argumentieren nicht unplausibel: Maximaler Druck zwingt den Iran an den Tisch. Die Tötung Khameneis hat das Regime destabilisiert und damit langfristig schwächer gemacht. Ein schwacher Iran ist ein sichererer Naher Osten — für Israel, für die Golfstaaten, für die US-Interessen in der Region. Trump erzwingt Ergebnisse, wo Obama und Biden verhandelten und scheiterten. Das JCPOA von 2015 war Appeasement; was jetzt entsteht, könnte dauerhafter sein, weil es auf Realitäten baut, nicht auf Papierversprechen.
Dieses Argument hat Gewicht. Es scheitert nicht an seiner Absicht, sondern an seiner Logik.
Wer den Obersten Führer eines Landes töten lässt und sich dafür öffentlich lobt, kann nicht gleichzeitig verlangen, dass dessen Nachfolger ein Abkommen für verbindlich hält. Mojtaba Khamenei ist noch nicht bestätigt, aber schon hat Trump erklärt, bei der Nachfolge ein Wort mitreden zu wollen. Das ist kein diplomatisches Signal — das ist eine Einmischung in die Innenpolitik eines souveränen Staates, formuliert als Drohung. Teheran muss jeden Kompromiss nun als Unterwerfung verkaufen. Wer das Gesicht seines Gegenübers im Staub sieht, bekommt keinen verlässlichen Vertragspartner zurück.
Das Rahmenabkommen, das US-Geheimdienste selbst als gefährdet einstufen — weil Israels Vorgehen im Libanon seinen Bestand bedroht —, zeigt das Strukturproblem: Washington verhandelt mit der einen Hand und schlägt mit der anderen. Dass die Waffenruhen, die die USA im Libanon vermittelten, wiederholt brachen, ist kein Zufall. Es ist das vorhersehbare Ergebnis einer Politik, die Eskalation und Deeskalation nicht als Alternativen begreift, sondern als gleichzeitig handhabbare Instrumente.
Was das Kriterium ist: die Demokratie-Achse.
Die Frage ist nicht, ob harte Außenpolitik legitim ist. Sie ist es. Die Frage ist, nach welchem Maßstab sie gesetzt wird. Wenn Trumps Iran-Kommunikation sich strukturell von innen nach außen bewegt — also: Was mobilisiert die Basis? Was klingt nach Stärke? Was lässt sich als Sieg verbuchen? — dann ist das eine demokratische Pathologie, die außenpolitische Schäden produziert.
„America First“ als Außenpolitikdoktrin bedeutet in der Praxis: Ausland als Resonanzkörper für Innenpolitik. Das sieht man an der Nachfolge-Einmischung in Teheran. Das sieht man an der öffentlichen Kritik an der israelischen Regierung, die weniger strategisches Kalkül war als Differenzierungsgeste. Das sieht man an der Rhetorik um die Straße von Hormus — einem Konfliktpunkt, den man nicht beiläufig benennt, ohne die Ölmärkte zu bewegen.
1,3 Millionen Menschen flohen laut UNHCR aus ihren Orten im Libanon. Über 4.000 Menschen starben dort zwischen Oktober 2023 und dem Waffenstillstand im November 2024. Seit dem Wiederaufflammen im März 2026 kommen täglich neue Zahlen hinzu. Diese Zahlen sind keine Abstraktionen — sie sind das Substrat, auf dem Trumps Wahlkampfinszenierung läuft.
Über Deeskalation.
Wer die Eskalation wirklich stoppen will, braucht Verlässlichkeit. Das ist die Lehre aus jedem erfolgreichen Waffenstillstand der Region, von Taif bis Camp David: Keine Seite unterschreibt, was die andere morgen aushebeln kann. UN-Resolution 1701, die seit 2006 Grundlage aller Deeskalationsbemühungen ist, wurde nie vollständig umgesetzt — weil zentrale Forderungen, wie die Entwaffnung nicht-staatlicher Akteure, von den Beteiligten vor Ort nicht durchgesetzt wurden. Das gilt weiterhin, und die USA unter Trump machen es nicht leichter.
Saudi-Arabien beobachtet. Die Türkei beobachtet. Beide haben eigene Interessen an einem stabilen Iran, einem schwachen Iran, einem verhandelten Iran — je nach Tageslage. Was sie nicht gebrauchen können, ist ein US-Präsident, der die Spielregeln nach Wahlkampfkalender neu schreibt.
Der Preis der Kulisse.
Ein Außenpolitiker, der nach innen kommuniziert, braucht Siege. Siege lassen sich inszenieren, wenn die Realität komplex genug ist, um aus ihr beliebig auszuwählen: heute das Rahmenabkommen, morgen die Tötung, übermorgen das Vermittlungsangebot. Der Libanon ist komplex genug. Der Iran auch. Der Nahe Osten sowieso.
Was fehlt, ist das Gegenteil von Inszenierung: eine Politik, die dann noch denselben Kurs hält, wenn sie keine Zuschauer hat.
Trump hat den Teufelskreis nicht erfunden. Aber er dreht ihn schneller. Und der Ausgang ist offen — das ist keine Beruhigung, sondern der Befund.
