Zwischen dem 22. und 28. Juni 2026 starben in Deutschland schätzungsweise über 4.300 Menschen, weil es zu heiß war. Das ist die Schätzung des Robert Koch-Instituts — eine Woche, keine Seuche, kein Unfall, kein Krieg. Das Statistische Bundesamt geht für den gesamten Zeitraum bis Ende Juni von rund 7.000 hitzebedingten Todesfällen aus. Europaweit übersteigt die Übersterblichkeit in dieser einen Juniwoche 10.000 — über 9.000 davon waren älter als 65 Jahre.
Diese Zahlen sind keine Hochrechnungen mit großem Konfidenzintervall. Sie sind der Vergleich tatsächlicher Sterbefälle mit dem statistisch erwartbaren Mittel. Die Abweichung beträgt 32 Prozent. Lasse Vestergaard vom dänischen Statens Serum Institut, das die EuroMOMO-Daten im Auftrag der EU-Gesundheitsbehörde ECDC auswertet, nannte die Übersterblichkeit "ungewöhnlich" und "wirklich hoch" für diese Jahreszeit. Es gibt keine anderen außergewöhnlichen Faktoren — keine COVID-Welle, keine Grippeepidemie. Die Ursache ist die Hitze.
Das Maßstab, an dem die Politik gemessen werden muss, ist nicht der Emissionsreduktionspfad bis 2045. Er ist einfacher: Hat der Staat die ihm bekannten Gefahren abgewendet, die er hätte abwenden können? Die Antwort ist nein.
Das stärkste Gegenargument verdient eine ehrliche Darstellung. Die Bundesregierung verweist auf die föderale Struktur: Gesundheitsschutz, Katastrophenschutz, Stadtplanung — das sind Ländersache und Kommunalsache. Sie hat 2024 eine Anpassungsstrategie mit 33 Zielen und 180 Maßnahmen ins Kabinett gebracht. Es gibt ein Bundes-Klimaanpassungsgesetz, das seit Juli 2024 verlangt, dass bis Ende 2029 alle Kommunen Schutzkonzepte vorlegen. Und das stärkste strukturelle Argument: Hitze tötet auf Wegen, die sich statistisch klar benennen, aber präventiv kaum individuell vorhersagen lassen — wer an einem bestimmten Tag stirbt, wäre auch in einem mäßig heißen Sommer irgendwann gestorben. Mortality Displacement nennt das die Epidemiologie. Die Maßnahmen sind teuer, die Wirksamkeit im Einzelfall schwer nachweisbar, die Zuständigkeiten zersplittert.
Das stimmt alles. Es erklärt nichts.
Denn erstens ist die Zuständigkeitszersplitterung keine Naturkonstante, sondern eine politische Entscheidung, die der Bund jederzeit durch Grundgesetzänderung, durch Finanzierung oder durch koordinierten Druck verändern könnte. Umweltminister Carsten Schneider diskutiert nach Medienberichten intern, ob Klimaanpassung als Gemeinschaftsaufgabe ins Grundgesetz aufgenommen werden könnte — doch die Diskussion bleibt intern. Neun der sechzehn Bundesländer haben noch immer keinen landesweiten Hitzeaktionsplan. Der Bund weiß das und wartet.
Zweitens ist das Argument der Unsicherheit nach vier aufeinanderfolgenden Sommer-Totenbilanzjahren nicht mehr ernst zu nehmen: 2022 starben in Deutschland rund 4.500 Menschen hitzebedingt, 2018 waren es 8.700. Sommer für Sommer liefert das RKI Zahlen, Sommer für Sommer kehren sie in die Schubladen zurück. Die Sterblichkeitsmuster sind bekannt — über 75-Jährige, Vorerkrankte, Menschen in schlecht isolierten Wohnungen, Bewohner städtischer Hitzeinseln. Das ist keine Ungewissheit, das ist eine Zielgruppe.
Drittens hat das Bundesverfassungsgericht die staatliche Schutzpflicht gegenüber den Gefahren des Klimawandels — auch für künftige Generationen — ausdrücklich benannt. Wer für den Klimaschutzpfad bis 2045 verfassungsrechtlich in der Pflicht steht, kann die Schutzpflicht gegenüber den Menschen, die heute sterben, nicht unter Föderalvorbehalt stellen.
Was wäre möglich? Frankreich und Belgien verzeichneten in der Juniwelle als einzige Länder eine "sehr hohe Übersterblichkeit" — aber Frankreich hat nach dem Hitzesommer 2003, der allein dort 15.000 Tote forderte, ein nationales Hitzewarnsystem aufgebaut, das Alten- und Pflegeheime direkt verpflichtet, Personal zu disponieren und Bewohner zu schützen. Es schützt nicht vollständig, aber es rettet nachweislich Leben. Deutschland kennt dieses Modell. Es hat es nicht übernommen.
Die Bundesärztekammer und über 150 Gesundheitsorganisationen fordern seit Jahren, Hitzeschutz verbindlich in den Katastrophenschutz zu integrieren — mit klaren Zuständigkeiten, Finanzierung und Messkriterien. Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit hat mehrfach festgestellt, dass Deutschland für einen Katastrophenfall durch Hitze nicht vorbereitet ist. Das BBK arbeitet an Konzepten zur Klimafolgenanpassung im Bevölkerungsschutz. Es sind Konzepte.
Hitzetote übersteigen in Europa die Verkehrstoten um mehr als das Doppelte — das hat die Klima-Allianz Deutschland ausgerechnet. Bei Verkehrstoten hat die Politik über Jahrzehnte Gurte, Tempolimits, Airbags, Abbiegassistenten durchgesetzt, weil der Tod auf der Straße sichtbar, zuschreibbar und politisch nicht wegzuerklären war. Der Hitzetod ist das Gegenteil: er geschieht in Wohnungen, auf Totenscheinen erscheint Herzversagen, und die Kausalität lässt sich nur statistisch fassen. Das macht ihn politisch bequem zu ignorieren.
Genau das ist das Problem. Nicht Unwissen, nicht Unvermögen — Bequemlichkeit.
Die Bundesregierung muss jetzt drei Dinge tun, die alle innerhalb ihrer verfassungsrechtlichen und finanziellen Möglichkeiten liegen: erstens, das Bundes-Klimaanpassungsgesetz um verbindliche Mindeststandards für kommunale Hitzeaktionspläne ergänzen und deren Umsetzung durch Bundesmittel absichern — nicht bis 2029, sondern vor dem nächsten Sommer. Zweitens, Pflegeheime und Krankenhäuser bundesweit verpflichten, Hitzeschutzpläne mit klaren Personalvorgaben umzusetzen, analog zum französischen Modell nach 2003. Drittens, das RKI-Hitze-Monitoring in ein Echtzeit-Warnsystem überführen, das Kommunen und Einrichtungen nicht nur informiert, sondern zur Handlung verpflichtet.
Der stärkste Einwand dagegen ist der Preis. Strukturelle Prävention kostet — Bäume, Kühlanlagen in Pflegeheimen, Personal, koordinierte Warnsysteme. Dem steht entgegen: Allein für Deutschland werden bis 2030 hitzebedingte Wirtschaftsverluste von bis zu 131 Milliarden US-Dollar prognostiziert, wenn sich frühere Hitzewellen wiederholen. Die Ahrtalflut 2021 hat gezeigt, was Prävention kostet — und was Nichtstun kostet. Das war keine unvorhersehbare Katastrophe. Das war die Quittung für Jahrzehnte bekannter Risiken.
Über 10.000 Tote in einer Woche. Das RKI liefert die Zahlen. Das Statistische Bundesamt bestätigt sie. Die WHO nennt Hitze eine der am schnellsten wachsenden Gesundheitsbedrohungen weltweit. Frankreich 2003 war der Weckruf für Europa — Deutschland hat ihn geschlafen.
Wer jetzt noch auf 2029 verweist, hat entschieden, wie viele Menschen den nächsten Sommer nicht überleben.
