Die Ansage klingt nach Aufbruch. Sie klingt, genauer besehen, nach einer Regierung, die sich selbst erklärt, für alle anderen Instanzen nicht mehr zuständig zu sein.

Das Bewertungskriterium dieser Einschätzung ist klar benannt: Wirtschaftliche Entwicklung rechtfertigt eine Investition, wenn sie einer unabhängigen Nutzen-Kosten-Prüfung standhält, transparent vergeben wurde und demokratische Teilhabe der Betroffenen nicht umgeht. An keinem dieser drei Punkte hält das Kushner-Projekt bisher stand.

Zunächst die stärkste Position der Gegenseite. Albanien ist kein reiches Land, die Jugendabwanderung ist strukturell. Ein Milliarden-Projekt mit internationaler Sichtbarkeit kann echten Wohlstand schaffen — und Edi Ramas Argument, dass Naturschutz für ein Land, das seinen Bürgern kaum Perspektive bieten kann, ein Luxus sei, ist nicht einfach wegzureden. Küstenentwicklung und Tourismus haben in Kroatien und Montenegro Lebensstandards angehoben. Das verdient mehr als eine abwinkende Antwort.

Aber das Argument setzt voraus, was hier gerade nicht belegt ist: dass die Rechnung aufgeht. Die Investitionssumme variiert in den Berichten zwischen 1,4 und fünf Milliarden Euro — eine Spanne, die schon andeutet, dass niemand eine ernsthafte Projektion vorlegen wollte oder konnte. Was an Arbeitsplätzen konkret entstehen soll, in welchem Zeithorizont, für wen, gegen welche ökologischen und sozialen Kosten: Das hat die albanische Regierung bis heute nicht transparent gemacht. Sie hat stattdessen 2024 Naturschutzrecht geändert, um Bauarbeiten in der Narta-Vjosa-Region überhaupt erst zu ermöglichen — und das, bevor eine abgeschlossene Umweltverträglichkeitsprüfung vorlag.

Das ist kein bürokratisches Detail. Die Vjosa-Narta-Lagune ist ein geschütztes Feuchtgebiet, Rastplatz für über 200 Vogelarten, darunter Flamingos und Pelikane, Lebensraum der Mittelmeer-Mönchsrobbe und von Meeresschildkröten. Bereits im Frühjahr 2026 wurden rund 20 Hektar Wald, Dünen und natürliches Habitat gerodet, eine Zufahrtsstraße und eine Brücke gebaut. Das Argument, das Projekt sei noch nicht genehmigt und endgültige Bauarbeiten fänden nicht statt, kollabiert angesichts dieser Tatsache. Was kollabiert ist, sind 20 Hektar Lebensraum.

Die ökologische Achse ist hier K.-o.-Kriterium, kein Abwägungspunkt. Irreversibler Habitatverlust in einem Schutzgebiet lässt sich durch spätere Wirtschaftsleistung nicht kompensieren — das ist keine moralische Aussage, sondern eine ökologische. Wer die Narta-Lagune versiegelt, kann sie nicht zurückkaufen, wenn die Hotelgäste ausbleiben.

Dazu kommt der Vergabeprozess selbst. Die albanische Sonderstaatsanwaltschaft SPAK ermittelt wegen des Verdachts auf gefälschte Grundbucheinträge und Geldwäsche im Zusammenhang mit Landverkäufen für das Projekt. Rund 110 Millionen US-Dollar, die für den Landerwerb gezahlt wurden, hat die Staatsanwaltschaft eingefroren. Unklar sind die genauen Eigentumsverhältnisse des fraglichen Geländes, die Bedingungen der Gesetzesänderungen von 2024 und wer an ihnen mitwirkte. Das ist kein Gerücht und kein Oppositions-Narrativ; das sind laufende Ermittlungen einer nationalen Strafverfolgungsbehörde.

Kushners Affinity Partners mag von diesen Unregelmäßigkeiten nichts gewusst haben. Das entlastet ihn allerdings weniger, als es klingt. Wer Milliarden in ein Land investiert, dessen Institutionen schwach sind und dessen Schutzmechanismen für das konkrete Grundstück gerade ad hoc geändert wurden, trägt eine Sorgfaltspflicht — das ist etablierter Standard internationaler Unternehmensverantwortung, keine Sonderforderung albanischer Aktivisten. Dass ein ähnliches Projekt Kushners in Serbien nach Protesten aufgegeben wurde, deutet darauf hin, dass das Muster bekannt ist.

Die EU-Kommission hat im Juni 2026 Albanien förmlich gewarnt: Das Projekt gefährde den Beitrittsprozess, wenn es gegen EU-Umweltstandards verstoße. Diese Warnung ist mehr als diplomatischer Druck. Sie ist das Signal, dass Albanien dabei ist, einen geopolitischen Aktivposten — die Beitrittsperspektive als Reformanreiz — für ein einzelnes Investitionsprojekt zu verzocken. Ramas Kalkulation, Kushners Name und amerikanisches Kapital seien Schutzschirm genug, verkennt, dass Washington 2026 nicht 2019 ist und dass die EU-Kommission keine Ausnahmen für politische Beziehungen kennt, wenn das Primärrecht verletzt wird.

Und die Proteste? Premier Rama hat sie als „Hysterie“ abgetan und ausländische Einflussnahme unterstellt. Tausende Albanerinnen und Albaner, die wochenlang in Tirana und an der Küste demonstrieren, die „Flamingo-Revolution“ ausgerufen haben und gegen Demonstranten eingeleitete Strafverfahren riskieren — das ist kein Importphänomen. Es ist der Ausdruck einer Gesellschaft, die nach Jahrzehnten schwacher Institutionen gelernt hat, dass niemand anderes die Rechnung für ihre Küste einfordern wird.

Das eigentliche Problem heißt weder Kushner noch Sazan. Es heißt: Beitrittsasymmetrie. Solange Albanien die EU-Standards noch nicht vollständig übernommen hat, aber ihrem politischen Druck ausgesetzt ist, entsteht ein Zeitfenster, in dem Investoren Schutzlücken nutzen können, die in einem Mitgliedstaat nicht existieren würden. Das Resort wäre in Kroatien oder Griechenland in dieser Form nicht genehmigungsfähig. In Albanien wurden dafür Gesetze geändert.

Edi Ramas Versprechen, das Projekt durchzusetzen, solange er im Amt ist, ist die falsche Garantie für die falschen Adressaten. Die Flamingos in der Narta-Lagune wählen ihn nicht.