Kai Wegner trat am 10. Juli 2026 als CDU-Spitzenkandidat zurück, nachdem er nachweislich falsche Angaben zu seinem Krisenmanagement beim Berliner Stromausfall im Januar 2026 gemacht hatte. Die Berliner CDU steht in aktuellen Umfragen bei 17 Prozent – 11,2 Punkte unter ihrem Ergebnis von 2023 – und liegt hinter Linken, Grünen und AfD auf dem vierten Rang. Stefan Evers, 46, Finanzsenator und seit April 2026 auch Senator für Kultur, wurde am 13. Juli 2026 einstimmig zum Spitzenkandidaten gewählt; er gilt als programmatisch schärfer als Wegner, ist aber stadtweit kaum bekannt. Die schwarz-rote Koalition hat rechnerisch keine Mehrheit mehr; SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach schließt eine Zusammenarbeit mit der CDU nicht aus, stellt aber Bedingungen.
Ob Evers innerhalb von zwei Monaten aus einem Vertrauensdefizit einen Neustart formt, ist offen – die Ausgangslage ist schlechter als vor vielen Berliner CDU-Wahlen der jüngeren Vergangenheit.
Kai Wegner hat am Morgen des Stromausfalls Tennis gespielt. Das wäre keine Geschichte geworden. Die Geschichte entstand, weil er behauptete, er habe nicht Tennis gespielt, sondern Krisentelefonate geführt – und weil das nicht stimmte. Am 10. Juli 2026 zog er die Konsequenz, räumte „kommunikative Fehler" ein und erklärte, die Debatte um seine Person überlagere alles, was er politisch sagen wolle. Drei Tage zuvor hatten prominente CDU-Mitglieder seinen Rücktritt gefordert; ein offener Brief aus der Partei hatte den Druck erhöht.
Der Satz „kommunikative Fehler" ist eine Verharmlosung. Wegner hatte eine Falschaussage gemacht, die sich rekonstruieren ließ. Das ist die Differenz, die in Berlin trägt.
Der Sturz in der Umfrage
Bei der Wiederholungswahl im Februar 2023 holte die Berliner CDU 28,2 Prozent – ihr bestes Ergebnis seit Jahren, Wegner wurde Regierender Bürgermeister. Heute, in Umfragen vom Juli 2026, steht die Partei bei 17 Prozent. Das ist ein Rückgang um 11,2 Punkte in dreieinhalb Jahren. Hinter ihr liegt niemand aus dem etablierten Lager: Die Linke führt mit rund 20 Prozent, dahinter kommen Grüne mit 19 und AfD mit 18 Prozent.
Eine Koalition aus CDU und SPD hat im Abgeordnetenhaus seit einiger Zeit keine Mehrheit mehr – das macht jeden Regierungsanspruch der CDU von einer Mehrparteien-Arithmetik abhängig, die sie nicht selbst steuert.
Der Abstand zwischen 28,2 und 17 Prozent ist nicht allein Wegners Werk. Die CDU regiert in Berlin seit 2023 mit einer SPD, die sich als eigenständige Kraft behaupten muss; das lässt das gemeinsame Ergebnis strukturell schrumpfen. Aber der Stromausfall-Komplex hat den Erosionsprozess beschleunigt: Vertrauen lässt sich punktuell zerstören, langsam aufbauen.
Evers – der Stratege übernimmt
Stefan Evers ist kein Quereinsteiger. Er hat den CDU-Wahlkampf 2023 als Generalsekretär organisiert, kennt die Berliner Parteistruktur von innen und war maßgeblich an den Koalitionsverhandlungen beteiligt. Seit April 2023 führt er als Finanzsenator den Haushalt einer Hauptstadt mit chronischem Konsolidierungsdruck; seit April 2026 ist er zusätzlich Senator für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Die Berliner CDU-Kreisvorsitzenden wählten ihn am 13. Juli 2026 einstimmig – was weniger Akklamation als taktisches Kalkül ist. In einer Partei, die gerade öffentlich gefallen ist, schafft Geschlossenheit nach außen Boden. Niemand wollte sichtbar zögern.
Inhaltlich setzt Evers auf eine Linie, die sich vom sozialpolitischen Pragmatismus Wegners unterscheidet. Er hat angekündigt, das Prinzip der kostenlosen städtischen Angebote – vom Schulessen bis zu Nahverkehrstickets – an die finanzielle Leistungsfähigkeit der Empfänger zu knüpfen. Die Berliner CDU solle weg von einer „Gratismentalität", hin zu mehr Leistungsorientierung. Investitionen will er in Bildung, Sicherheit und bezahlbaren Wohnraum lenken.
Das ist kohärent mit seiner Rolle als Finanzsenator – und damit angreifbar. SPD und Grüne haben bereits reagiert: Evers sei nicht der Neuanfang, sondern „Wegner II". Das Argument sitzt, solange Evers nicht erklärt, wo er sich vom bisherigen Kurs der Koalition trennt, die er selbst mitgetragen hat.
Medienberichten zufolge wirft SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach Evers eine nicht geklärte Rolle in einer Fördergeldaffäre vor.
Die Koalitions-Frage nach dem 20. September
Steffen Krach hat öffentlich erklärt, eine Koalition mit der CDU nicht auszuschließen – aber eine Konstellation mit Kai Wegner als Regierendem Bürgermeister abgelehnt. Das war eine personengebundene Bedingung. Wegner ist weg. Ob Krach das als Öffnung nutzt oder neue Bedingungen setzt, ist offen.
Für Evers ist das eine strukturelle Chance. Er kann sich als Gesprächspartner anbieten, den die SPD sich vorstellen kann – ohne dass das als Schwäche gilt. Was er nicht kann: die schwarz-rote Arithmetik durch Umfragepunkte allein kitten. Die Koalition hat heute keine Mehrheit; nach der Wahl braucht jede Berliner Regierungsbildung mindestens drei Parteien oder zwei sehr starke.
Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf hat darauf hingewiesen, dass Evers die Bilanz der gemeinsamen Koalition mitverantworte – eine Bilanz, unter der die CDU jetzt leidet. Das ist der Steelman der Kritiker: Evers ist kein unbeschriebenes Blatt, er ist das Finanzressort dieser Regierung.
Was die Demokratie-Achse zeigt
Der Rücktritt Wegners hat eine institutionelle Dimension, die über die Berliner CDU hinausgeht. Ein Regierender Bürgermeister hat in einer Krisensituation eine nachprüfbar falsche Aussage gemacht, sie zunächst gehalten, und erst unter Parteidruck korrigiert – durch den Rückzug. Die Mechanismen haben funktioniert: Öffentlichkeit, Partei-Innendruck, Medienrekonstruktion. Aber sie haben langsam funktioniert, und die Falschaussage stand wochenlang unkorrigiert.
Zwei Monate, elf Punkte
Evers hat bis zum 20. September 2026 gut zwei Monate. Aus 17 Prozent 28 zu machen, ist nicht realistisch. Ob aus 17 Prozent eine Zahl wird, mit der die CDU als stärkste Kraft in Koalitionsgespräche geht, hängt davon ab, ob er stadtweit überhaupt bekannt wird – und ob er die Geschichte der Partei so erzählt, dass Wegners Lüge nicht ihr letztes Kapitel bleibt.
Das Risiko für Evers ist nicht Unbeliebtheit. Es ist Unsichtbarkeit.
