Über 5.000 Tote allein im Juni 2026, schätzt das Robert Koch-Institut. Nicht in einem Kriegsgebiet, nicht in einer Dürreregion Subsahariens – in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, mit einem der teuersten Gesundheitssysteme der Erde. Die Hitzewelle Ende Juni traf Notaufnahmen so hart, dass der Anteil hitzebedingter Patienten sechsmal so hoch lag wie üblich. Mannheim, Ludwigshafen, Worms: Städte, die im Hitzeatlas des Umweltbundesamts seit Jahren rot aufleuchten, werden wieder zu Risikogebieten – überraschend ist das für niemanden.
Und genau das ist das Problem.
Deutschland weiß seit Jahren, was kommt. Die Zahl der Hitzetage über 30 Grad hat sich seit den 1960er-Jahren verdoppelt. Acht der zehn wärmsten Sommer seit 1881 fallen in die letzten drei Jahrzehnte. 2003 starben rund 10.000 Menschen. Zwischen 2018 und 2020 waren es laut Briefing 19.300. Der Sommer 2026 reiht sich ein – und die institutionelle Reaktion ist dieselbe wie damals: Zuständigkeitsgerangel, Absichtserklärungen, Prüfaufträge.
Das Kriterium ist hier ökologische Anpassungsfähigkeit: Reagiert eine Gesellschaft schnell und strukturell auf Klimarisiken, oder reagiert sie gar nicht, solange die Kosten diffus verteilt sind? Deutschland reagiert nicht.
Die Arithmetik der Untätigkeit
Prognos hat im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums berechnet: Ein Hitzetag kostet 431 Millionen Euro. Hauptposten: sinkende Produktivität und hitzebedingte Fehltage, die zusammen 97 Prozent der Schadensumme ausmachen. Über das nächste Jahrzehnt summiert Allianz Trade die drohenden Verluste auf 131 Milliarden US-Dollar – allein für Deutschland, allein durch sich wiederholende Hitzewellen der vergangenen Dekade. Maßnahmen zur Klimaanpassung könnten diese Kosten laut Bundeswirtschaftsministerium um 60 bis 100 Prozent reduzieren.
Das klingt nach einem einfachen Rechenweg. Es ist keiner – weil die Kosten der Untätigkeit und die Kosten der Prävention bei verschiedenen Akteuren anfallen. Der Arbeitgeber trägt den Produktivitätsverlust, das Krankenhaus trägt die Notaufnahme, die Pflegeeinrichtung trägt den toten Bewohner. Der Bund verweist auf die Länder, die Länder auf die Kommunen, die Kommunen verweisen auf ihr Defizit von fast 25 Milliarden Euro im Jahr 2024. Für klimaresiliente Krankenhäuser beziffert die Deutsche Krankenhausgesellschaft den Investitionsbedarf auf mindestens 31 Milliarden Euro. Bereitgestellt ist: nichts Entsprechendes.
Was gebaut wurde – und was gestrichen
Der Bund kann auf Folgendes verweisen: ein Hitzeservice-Portal, einen nationalen Hitzeschutzplan in der Ankündigung, 580 Kitas und Pflegeheime, die aktuell Förderung erhalten, 324 Klimaanpassungsmanager in Kommunen. Bis 2030 sollen 300.000 Stadtbäume gepflanzt werden. Das klingt nach Aktivismus. Es ist Symbolpolitik gemessen an der Größenordnung des Problems.
Denn gleichzeitig wurde 2026 ein Förderprogramm gestrichen, das Kitas und Pflegeheime bei der Klimaanpassung unterstützte. Nur sieben der 16 Bundesländer haben überhaupt einen landesweiten Hitzeaktionsplan. Nur drei haben Strategien, die Kommunen wirklich einbeziehen: Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Niedersachsen. Die anderen dreizehn verwalten den Status quo.
Bundeskanzler Friedrich Merz lehnte es ab, Hitzeschutz zur Chefsache zu erklären, und verwies auf die Länderzuständigkeit. Der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD sieht immerhin vor, die Verankerung von Klimaanpassung als Gemeinschaftsaufgabe im Grundgesetz zu prüfen – ein Prüfauftrag, kein Beschluss. Für die Grundgesetzänderung bräuchte man eine Zweidrittelmehrheit; ob diese Konstellation sie organisieren kann oder will, ist offen.
Der stärkste Einwand – und seine Grenzen
Wer die Bundesregierung verteidigt, hat ein legitimes Argument: Föderalismus ist kein Versagen, sondern Verfassungsprinzip. Die Städte kennen ihre Hitzeinseleffekte besser als Berlin. Kommunale Hitzeaktionspläne, die auf lokale Topografie, Bevölkerungsstruktur und Grünflächen reagieren, können zielgenauer sein als Bundesstandards. Und der Bund stellt den Ländern 100 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaschutz bereit.
Das Argument hat Gewicht – aber es hält einer Prüfung nur halb stand. Denn Föderalismus erklärt Dezentralisierung, nicht Untätigkeit. Er erklärt, wer handeln soll, nicht, dass nicht gehandelt wird. Die Kommunen haben das Geld nicht, die Länder haben den politischen Druck nicht, und der Bund nutzt das Argument der Länderzuständigkeit, um den Druck nicht erzeugen zu müssen. Das ist kein Verfassungsprinzip, das ist seine Bequemlichkeit.
Zudem funktioniert das föderale System bei Hitzeschutz schlechter als bei anderen Politikfeldern, weil die Risikoverteilung asymmetrisch ist: Städte im Südwesten tragen überproportional, ländliche Regionen im Norden kaum. Ohne Ausgleichsmechanismen entsteht ein struktureller Underinvestment-Bias genau dort, wo Hitze am härtesten trifft.
Wer wirklich zahlt
Die eigentliche Frage hinter dem Zuständigkeitsstreit lautet: Wer trägt die Kosten – und hat eine Stimme in der Debatte?
Hitze tötet statistisch überproportional Alte, Kranke, Arme. Menschen, die keine Klimaanlage kaufen können, die in schlecht isolierten Gründerzeitbauten wohnen, die in Pflegeheimen liegen, die keine Mittel für Kühlung haben. Der Wirtschaftsflügel der CDU drängt auf Entlastung der Industrie von Klimavorgaben. Die Lobbyverbände der fossilen Industrie haben, wie LobbyControl dokumentiert, klimapolitische Maßnahmen historisch gebremst. Sie zahlen nicht 431 Millionen Euro pro Hitzetag – die zahlt die Volkswirtschaft diffus, und am diffusesten zahlen jene, die am lautlosesten sterben.
Das ist keine Verschwörung. Es ist ein gewöhnlicher Mechanismus: Wer die Kosten der Untätigkeit externalisiert, hat wenig Anreiz zur Prävention. Wer die Prävention finanzieren müsste, hat wenig politische Macht. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft fordert 31 Milliarden, der Gemeindebund fordert eine Grundgesetzänderung – beide können das nicht erzwingen.
Was ökologische Anpassungsfähigkeit tatsächlich bedeutet
Anpassungsfähig ist eine Gesellschaft nicht, wenn sie Hitzeaktionspläne beschließt, die neun von sechzehn Ländern nicht umsetzen. Nicht, wenn sie Förderprogramme für Pflegeheime streicht, während die Krankenhäuser überlaufen. Nicht, wenn sie einen Hitzetag 431 Millionen Euro kosten lässt und die Prävention auf später vertagt.
Der Juni 2026 war laut Briefing mit 19,5 Grad Durchschnittstemperatur der zweitwärmste seit Aufzeichnungsbeginn. Juli und August werden wärmer. Nächsten Sommer auch.
Die Leiche im Pflegeheim ist kein Kollateralschaden des Föderalismus. Sie ist das Ergebnis einer politischen Entscheidung, nichts zu entscheiden – und der Versuch, das als Zuständigkeitsfrage zu verbuchen, ist keine Bescheidenheit. Es ist die teure Lösung.
