Ein Bauer in Malawi pflanzt Mais an – und schaut in den Himmel. Im vergangenen Zyklus blieb der Regen aus, mehr als die Hälfte seiner Ernte verdorrte auf dem Feld. Die nächste Pflanzzeit beginnt bald, und die Prognosen für 2026 klingen nicht besser.

Dieses Bild wiederholt sich in Dutzenden Ländern südlich des Äquators, während im kenianischen Tiefland Familien ihr Hab und Gut auf Autodächer stapeln, weil der Boden das Wasser nicht mehr fasst. Derselbe Mechanismus, zwei Kontinentshälften, zwei entgegengesetzte Katastrophen.

Wie El Niño Afrika spaltet

Das Phänomen selbst ist ein ozeanisch-atmosphärisches Wechselspiel: Erwärmt sich der zentrale Pazifik ungewöhnlich stark, verschieben sich globale Druckgürtel. Für Afrika bedeutet das eine gespaltene Wetterlage. Ostafrika – Kenya, Uganda, Somalia, Tansania – registriert während starker El-Niño-Phasen historisch erhöhte Niederschläge; der Indische Ozean, dessen Dipolmuster mit El Niño wechselwirkt, verstärkt diesen Effekt. Das Horn von Afrika erlebte zuletzt das Paradox: fünf Jahre Dürre, dann Überschwemmungen. Im Süden dagegen – Malawi, Simbabwe, Sambia, Botswana, Madagaskar – sinken die Niederschlagsmengen in El-Niño-Jahren regelmäßig unter die ohnehin schon knappen Schwellenwerte.

Diese räumliche Spaltung ist kein Zufall, sondern das konsistente Muster historischer Ereignisse. Die WMO-Prognosen für 2026 folgen dieser Logik – aber mit dem Vorbehalt, dass die genaue räumliche Ausdehnung der Defizite und die Interaktion mit dem Indischen Ozean Dipol erhebliche Unsicherheiten tragen. Westafrika bleibt das wissenschaftlich am schlechtesten verstandene Glied: Dort reichen die Szenarien von Sahelzone-Dürre bis zu erhöhten Küstenniederschlägen.

Was auf dem Spiel steht

Der Nahrungssektor trägt den Schock zuerst. Beim El-Niño-Ereignis 2015/2016 stürzten über 36 Millionen Menschen in Ost- und Südafrika in Hunger; das Ereignis 2023/2024 traf laut OCHA über 61 Millionen Menschen im südlichen Afrika, von denen 8 Millionen akut ernährungsunsicher waren. Mehr als 1,1 Millionen Kinder unter fünf Jahren litten unter schwerer akuter Mangelernährung. Sechs Länder – Botswana, Lesotho, Malawi, Namibia, Sambia, Simbabwe – riefen den nationalen Dürrenotstand aus.

Die Verluste sind nicht nur kalorischer Natur. Zwischen Oktober 2023 und Februar 2024 verendeten oder verdursten in Botswana, Namibia, Sambia und Simbabwe über 9.000 Rinder – Kapital, das Kleinbauern nicht ersetzen können. Viehbestände sind in diesen Regionen Altersvorsorge und Kreditwürdigkeit in einem. Wer sie verliert, verliert beides.

Im Osten addieren sich Überschwemmungen zu diesem Bild. In Kenia, Burundi, Somalia und Tansania hat das Ereignis 2023/2024 eine Million Menschen vertrieben und Infrastruktur zerstört. Der UNHCR schätzt, dass in Ostafrika bis zu 64 Millionen Menschen unter den Folgen klimabedingter Ereignisse, Konflikte und mangelndem Zugang zu Grundbedürfnissen leiden.

Die lange Rechnung

Ökonomisch ist El Niño kein Ereignis, sondern ein Jahrzehnt-Schaden. Studien beziffern die globalen wirtschaftlichen Kosten einzelner El-Niño-Ereignisse auf Billionen Dollar, wobei sich die Folgen laut Forschung bis zu 14 Jahre hinziehen können. Für afrikanische Volkswirtschaften mit schmalen Haushaltspuffern – Sambia zum Beispiel steckt in Umschuldungsverhandlungen, Simbabwe kämpft mit chronischer Devisennot – trifft das besonders hart: Ernteausfälle verringern Exporteinnahmen, steigende Importkosten für Nahrungsmittel belasten Leistungsbilanzen, und Infrastrukturschäden durch Überschwemmungen fressen Investitionsbudgets.

Hier liegt der strukturelle Einwand gegen eine rein humanitäre Rahmung: El Niño ist kein Naturereignis, das Hilfsprogramme abfedern und das sich dann von selbst auflöst. Es ist ein ökonomischer Schock mit Langzeitwirkung, der in Länder einschlägt, die bereits wenig Spielraum haben.

Frühwarnung versus Feuerwehr

Der Reflex der internationalen Gemeinschaft ist der Katastrophenmodus: Nahrungsmittelhilfe, Notunterkünfte, Spendenappelle. FAO und WFP forderten für das Ereignis 2023/2024 fast 167 Millionen US-Dollar für Bargeldhilfen, Saatgut und Frühwarnsysteme – ein Bruchteil der langfristigen Kosten. UNICEF benötigte für seine Reaktion in Ost- und Südafrika 107,6 Millionen Dollar; tatsächlich aufgebracht wurde etwas mehr als die Hälfte.

Frühwarnsysteme funktionieren bereits, wenn sie genutzt werden: Kenia etwa aktivierte nach Vorhersagen 2026 seinen nationalen Reaktionsrahmen frühzeitig. Welthungerhilfe und IRC arbeiten an vorausschauenden Maßnahmen, die Ressourcen freischalten, bevor die Katastrophe eingetreten ist – nicht danach. Das Prinzip ist einfach und wissenschaftlich gut belegt: Ein Dollar für Prävention spart im Schnitt mehrere Dollar Nothilfe. Die Finanzierungslogik der Geberländer folgt bisher dem entgegengesetzten Muster.

Was der Klimawandel dazutut

Ein wichtiger Vorbehalt: Der direkte Zusammenhang zwischen Klimawandel und der Häufigkeit von El-Niño-Ereignissen ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt. Was die Forschung zeigt: Der Klimawandel verstärkt die Auswirkungen. Bereits aufgeheizte Meere und höhere Lufttemperaturen bedeuten, dass dieselbe atmosphärische Störung heute mehr Schaden anrichtet als vor dreißig Jahren. Die afrikanischen Küsten verzeichneten während des Ereignisses 2023/2024 den signifikantesten Anstieg des Meeresspiegels seit Beginn der Aufzeichnungen; in Teilen Westafrikas stiegen Meerestemperaturen um mehr als 2 Grad Celsius.

Die Frage ist also nicht mehr, ob El Niño kommt, sondern wie viel Schaden ein El Niño 2026 anrichtet – in Regionen, die heißer, trockener oder nasser sind als ihre Vorgänger-Dekaden.

Ob die Ernte des Bauern in Malawi in zwölf Monaten steht, hängt auch davon ab, ob Frühwarnung diesmal Finanzierung bekommt, bevor der erste Sack Saatgut vertrocknet ist.