Die Bundesregierung liefert Gesetze, die niemand umsetzt. Wann reicht es?

Ende Juni, Kalenderwoche 26: Die Wochenmitteltemperatur in Deutschland übersteigt 26 Grad Celsius, regional werden über 41 Grad gemessen. In dieser einen Woche sterben nach Schätzung des Robert Koch-Instituts rund 4.310 Menschen an der Hitze. Das ist mehr als die Gesamtzahl der hitzebedingten Todesfälle in manchen früheren Jahren.

Bis dahin – bis zum 21. Juni – hatte das RKI bereits über 800 hitzebedingte Todesfälle gezählt, rund 500 davon bei Menschen über 85 Jahren. Das Sommertotal für 2026 liegt bereits jetzt deutlich über den Jahreswerten für 2023 und 2024, die bei rund 3.000 lagen, und für 2025 mit rund 2.500 Fällen. Europa erwärmt sich schneller als jeder andere Kontinent; in den vergangenen vier Jahren starben europaweit mehr als 200.000 Menschen an Hitzefolgen.

Die Zahlen klingen nach Naturkatastrophe. Sie sind eine Politikkatastrophe.

Die beste Gegenposition verdient eine ehrliche Antwort. Wer die Kritik an der Bundesregierung und den Ländern zurückweist, hat Argumente: Deutschland hat 2024 ein Bundes-Klimaanpassungsgesetz verabschiedet, das Bund, Länder und Kommunen erstmals rechtlich zur Entwicklung von Klimarisikoanalysen und Anpassungsstrategien verpflichtet. Im Dezember 2024 folgte die Deutsche Anpassungsstrategie mit messbaren Zielen. Das Zentrum KlimaAnpassung berät Kommunen seit 2021. Die Förderung von Klimaanpassungsmanagern läuft. Wer das ignoriert, beschreibt nicht die Wirklichkeit.

Stimmt. Aber dann kommt September 2024: Eine Erhebung zeigt, dass nur 12 Prozent der deutschen Kommunen überhaupt ein Klimaanpassungskonzept besitzen. 41 Prozent haben immerhin konkrete Einzelmaßnahmen umgesetzt – mehr als die Hälfte gar nichts. Das Gesetz steht. Die Umsetzung fehlt.

Das Kriterium, an dem diese Politik gemessen werden muss, ist die Ökologie-Achse in ihrer härtesten Form: Sterben Menschen, weil Anpassung ausbleibt? Die Antwort ist ja, sie steht im Wochenbericht des RKI, sie steht in der Übersterblichkeitsstatistik des Statistischen Bundesamtes – in Kalenderwoche 26 rund 6.800 Todesfälle über dem Erwartungswert. Gegen diesen Befund ist die Gegenposition nicht mehr Argument, sondern Ablenkung.

Der eigentliche Skandal ist nicht die Hitze. Die eigentliche Frage ist: Warum stirbt, wer über 75 ist, mit so hoher Wahrscheinlichkeit in einer Hitzewoche? Weil ältere Menschen – besonders Frauen, die in den oberen Altersgruppen deutlich überrepräsentiert sind – häufig in Wohnungen ohne Klimaanlage leben, in Pflegeheimen mit Südfassaden und Einzelbetreuung, in einer Versorgungsstruktur, die auf mildes Wetter ausgelegt ist. Während Paris nach dem Hitzesommer 2003 ein flächendeckendes Warnsystem einführte, das Risikopersonen telefonisch erfasst und täglich kontaktiert, diskutiert Deutschland noch die Zuständigkeiten.

Die Klimawissenschaft ist eindeutig: Die Hitzewelle Ende Juni 2026 wäre ohne den anthropogenen Klimawandel nahezu unmöglich gewesen, das zeigen Analysen der World Weather Attribution Group. Studien belegen, dass aktuelle Hitzewellen fünfhundertmal wahrscheinlicher sind als vor fünfzig Jahren. Die EUCRA – Europas Klimarisikobehörde – prognostiziert eine Verzehnfachung bis Verdreißigfachung der hitzebedingten Sterblichkeit in der EU bis zum Jahrhundertende, je nach Erwärmungspfad. Das ist keine Spekulation, das ist wissenschaftlicher Konsens.

Und Berlin? Das Bundesumweltministerium verweist auf die Länder, die Länder verweisen auf die Kommunen, die Kommunen verweisen auf fehlende Mittel. Klimaanpassung ist im deutschen Föderalismus eine dezentrale Aufgabe – das hat gute Gründe, weil München andere Risiken hat als Flensburg. Aber dezentral kann auch bedeuten: alle fühlen sich zuständig, niemand handelt zuerst. Die Wissenschaftsplattform Klimaschutz hat dieses Koordinationsversagen in einem Papier vom März 2026 präzise beschrieben: Planung, Finanzierung und Verantwortlichkeit greifen im föderalen System nicht ineinander.

Der Klimaforscher Mojib Latif warnt seit Jahren, dass Temperaturen von 42 Grad in Deutschland Wirklichkeit werden. Die Antwort der Politik war keine flächendeckende Kühlinfrastruktur in Städten, kein verbindlicher Hitzeschutzplan für alle Pflegeeinrichtungen, kein Ausbau öffentlicher Kühloasen. Stattdessen: Förderprogramme mit erschöpften Töpfen und Musterpläne, die auf freiwillige Umsetzung warten.

Andere europäische Städte gehen weiter. Athen benennt einen städtischen Chief Heat Officer. Mailand beschattet Schulhöfe systematisch. Sevilla klassifiziert Hitzewellen nach Intensitätsstufen – wie Erdbeben – und löst damit automatisch Notfallpläne aus. Das ist keine Naturschutzromantik, das ist Verwaltungshandeln. Dass Frankfurt und Köln ähnliche Systeme nicht flächendeckend betreiben, ist eine Entscheidung, keine Unmöglichkeit.

Die wirtschaftliche Seite ist bekannt, verändert aber nichts: Produktivitätsverluste durch Hitzewellen könnten in den kommenden fünf Jahren über 110 Milliarden Euro kosten. Selbst wer das Sterben älterer Menschen nüchtern in Kostenkategorien denkt, kommt zum gleichen Ergebnis: Anpassung ist billiger als Untätigkeit.

Was wäre zu tun? Das ist nicht unklar. Verbindliche Hitzeschutzpläne für alle stationären Pflegeeinrichtungen, bundesweit, mit Kontrolle und Sanktion – nicht als Mustervorlage, sondern als Rechtspflicht. Ein nationales Hitze-Warnsystem mit direkter Ansprache von Risikopersonen. Städtische Begrünung und öffentliche Kühloasen als Pflichtaufgabe mit Bundesfinanzierung. Und eine klare politische Aussage, dass Klimaanpassung nicht ein Ressortthema neben anderen ist, sondern eine Querschnittspflicht mit eigenem Haushalt.

5.100 Menschen sind seit Jahresanfang gestorben. Die meisten von ihnen waren alt, viele lebten allein, fast alle wären bei besserer Vorsorge noch am Leben.

Das ist die Bilanz einer Politik, die weiß, was kommt – und trotzdem wartet.